"Ich klage Sie an, Mr. President"
Felicia Langer
Rede der Menschenrechtsanwältin Felicia Langer auf der
Protestkundgebung anlässlich des Bush-Besuchs in Stralsund. Am 13. Juli
2006 besuchte der US-Präsident George Bush auf Einladung der deutschen
Bundeskanzlerin Stralsund. Eine der Rednerinnen der dagegen
demonstrierenden Friedensbewegung war die Menschenrechstanwältin und
Trägerin des Alternativen Nobelpreises Felicia Langer. Anlässlich des
Tages der Menschenrechte am 10.12.2006 erhielt Felicia Langer den
Menschenrechtspreis der Gesellschaftaft zum Schutz von Bürgerrecht und
Menschenwürde e.V. (GBM). Die Ehrung wurde mit ihrem Einsatz für die
Rechte der Palästinenser begründet. Der Text wird mit freundlicher
Genehmigung von Frau Langer veröffentlicht (mehr
zu Frau Langer auf ihrer Homepage).
"Not welcome, Mr. President!",
sage ich ihnen! Sie missbrauchen vorsätzlich die Worte "Demokratie" und
"Frieden" für Propaganda-Zwecke und ihre wahren Botschaften sind
Botschaften der Kriege. Sie sind verantwortlich für hunderttausende
irakischer Opfer und auch für tausende irregeleiteter amerikanischer
Soldaten. Sie, der Befreier des Irak... Wehe den von ihnen Befreiten! Ihr
Name wird in die Geschichte eingehen mit der Schande von Abu Ghreib und
Guantanamo. Für ewig.
Sie spielen die Schlüsselrolle im Nahen Osten, Mr. President. Als Jüdin
und Israelin, die seit Jahrzehnten für Frieden und Gerechtigkeit für
Israel-Palästina kämpft, klage ich sie für diese Rolle an.
Ich klage sie an für die bedingungslose Unterstützung der aggressiven
israelischen Politik der Besatzung der palästinensischen Gebiete, die fast
40 Jahre andauert. Eine kolonisatorische, unterdrückerische Besatzung, die
völkerrechtswidrige Siedlungen auf geraubten palästinensischen Boden baut,
für das amerikanische Geld, das auch die Waffen gegen die Palästinenser
bezahlt. Alles entweder "american made" oder "american paid". Sehr teuer
bezahlt, über 3 Milliarden Dollar jährlich!
Mit ihrem Veto im Weltsicherheitsrat der UNO blockieren sie seit Jahren
systematisch alle UNO-Resolutionen um die israelisch Willkür zu
verurteilen und zu stoppen, um Frieden und Gerechtigkeit zu ermöglichen.
Dank dieser verheerenden Politik kann Israel das Völkerrecht ignorieren,
so wie auch sie es tun. Das Völkerrecht, das die Weltgemeinschaft so
dringend benötigt, und das sie mit den Füßen treten... So zum Beispiel die
berühmte UNO-Resolution 242, schon fast 40 Jahre alt, die besagt, dass
Landerwerb durch Kriege unzulässig ist und dass Israel die 1967 eroberten
und besetzten Gebiete räumen muss. Die durch Israel mit ihrer
Unterstützung missachtete Resolution könnte doch zum Frieden führen - ein
Segen für Israel-Palästina! Die Palästinenser sind schon seit Jahren dazu
bereit, jetzt auch die Hamas, die die 2-Staaten-Lösung akzeptiert hat. Sie
haben die Bereitschaft der Hamas nicht begrüßt, obwohl sie die de facto
Anerkennung von Israel bedeutet, weil Israel es nicht getan hat.
Sie unterstützen den Plan von Premierminister Olmert große Teile der
West Bank zu annektieren, was ein Todesurteil für den Frieden mit den
Palästinensern bedeutet. Sie bestrafen das palästinensische Volk mit
Blockade, nachdem es demokratisch gewählt hat, aber nicht den, den sie
wollten. Das Opfer wurde bestraft, nicht der Täter.
Sie befürworten die Apartheid-Mauer, die Israel tief im
palästinensischen Gebiet baut, wo man Land beschlagnahmt, wo man
Olivenbäume entwurzelt, die Bauern von ihren Feldern, Wasserquellen,
Krankenhäuser und Schulen abschneidet. Sie missachten, so wie Israel es
tut, das Gutachten des Höchsten Gerichts in den Haag vom 9.7.2004, dass
die Mauer völkerrechtswidrig ist, und man soll den Bau stoppen und die
Geschädigten entschädigen. Und weil sie ein weiteres Verfahren gegen
Israel blockieren, baut Israel die Mauer weiter.
Und jetzt, Mr. President, nennen sie als "legitime Selbstverteidigung"
die israelische, blutige Offensive gegen den Gaza-Streifen, wo circa 1,5
Millionen Palästinenser leben, 40 % davon Flüchtlinge. Israel hat diese
Offensive seit langem vorbereitet, und der entführte israelische Soldat
ist nur ein Vorwand. Das sagen auch deutlich unsere Friedenskräfte. Und
diese angeblich legitime Verteidigung, laut den USA, bedeutet die
Zerstörung eines Elektrizitätswerkes, und 43 % der Einwohner bleiben ohne
Strom. Ohne Strom fallen Wasserpumpen aus, der Sprit für Generatoren wird
knapp, Dialyse-Patienten sind gefährdet, die Kliniken haben nicht genügend
Medikamente. Tausende sind ohne Wasser. Israel zerstört die Infrastruktur,
Straßen, Brücken, Regierungsgebäude, Universität, Schule, inhaftiert
Abgeordnete und Minister; Olmert erklärt sein Ziel sei Zerschlagung der
Hamas. "Hamas will bleed until its leaders scream and wail". (Hamas wird
bluten bis seine Führer schreien und jammern). UN-Nothilfe-Koordinator Jan
Egeland sagte am 1.7.: "Wir sind entsetzt, wie mit der Zukunft schutzloser
Zivilisten umgegangen wird". Es gibt schon mehr als 50 getötete
Palästinenser, darunter Frauen und Kinder. Amnesty International spricht
von Kriegsverbrechen, unsere Friedenskräfte auch. Aber sie, Mr. President
billigen Israels Taten. Israel nennt es einen Krieg gegen Terror, der
selbst Terror ist und ein Nährboden für Gewalt und Gegengewalt, ohne Ende.
Die letzte gefährliche Entwicklung bezeugt es überdeutlich.
Ich klage sie an, Mr. President, für ihre Schirmherrschaft über die
Entrechtung der Palästinenser, über das Leid in Palästina und auch in
Israel.
Wir sind nicht antiamerikanisch, Mr. President, wie auch die Millionen
Amerikaner, die ihre Politik ablehnen und verurteilen, nicht
antiamerikanisch sind! Und diejenigen, die die israelische Politik der
Besatzung und Unterdrückung verurteilen im Namen von Gerechtigkeit keine
Antisemiten sind! Die proisraelische Lobby diffamiert sie als Antisemiten,
um die Stimmen der Verurteilung Israels zum Schweigen zu bringen. Ich
appelliere, man soll sich nicht erpressen lassen; dies ist auch die
Auffassung unserer Friedensbewegung und ein Gebot gegen das Schweigen.
Mr. President, sie haben die Macht der Waffen und des Geldes, wir haben
die Macht der Gerechtigkeit und der menschlichen Solidarität, überall!
Eine gewaltige Weltmacht ... Und sie ist die Hoffnung der Zukunft!