Für das Menschenrecht auf Frieden
Felicia Langer
Am 9. und 10. Dezember 2006 veranstaltete die Gesellschaft Kultur
des Friedens in Zusammenarbeit mit dem Büro Konstantin Wecker (München)
und dem Psychoanalytiker-Team (Köln) die Pazifismus-Tage in Tübingen mit
mehreren Veranstaltungen, während dessen auch die Menschenrechtsanwältin
Felicia Langer am 10.12.2006 im Landestheater Tübingen eine Rede hielt.
Der Text ihrer Rede auf den Pazifismus-Tagen wird mit freundlicher
Genehmigung von Frau Felicia Langer veröffentlicht.
Frau Langer ist eine aus Polen stammende Jüdin, die vor den Nazis
fliehen musste. Sie ist Trägerin des Alternativen Nobelpreises und
zahlloser anderer Preise für ihren unermüdlichen Friedenseinsatz.
Anlässlich des Tages der Menschenrechte am 10.12.2006 erhielt Felicia
Langer den Menschenrechtspreis der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht
und Menschenwürde e.V. (GBM). Die Ehrung wurde mit ihrem Einsatz für die
Rechte der Palästinenser und für Frieden begründet, denen sie ein langes
aufopferungsvolles Leben gewidmet hat (mehr zu Frau Felicia Langer siehe:
www.felicia-langer.de).
Ihr neustes Buch mit dem Titel „Die Entrechtung der Palästinenser -
40 Jahre israelische Besatzung“ ist 2006 bei Lamuv (www.lamuv.de)
erschienen.
Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freunde,
ich komme aus dem Brandherd Nahost, aus Israel, wo man Gewaltanwendung
bei Konflikt-Lösungen offizielle glorifiziert, bis hin zu den israelischen
Friedenskräften. Ich bin stolz auf den ersten jüdischen Pazifisten, den
Propheten Jesaja: „Dann schmiedeten sie Flugscharen aus ihren Schwertern
und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert Volk
gegen Volk und übt nicht mehr für den Krieg“ (Jesaja 2:4).
Seine fleißigen israelischen Nachkommen, die für den Krieg üben, hatten
offensichtlich andere Träume, und im Juli 2006 haben sie Millionen von
Streubomben in Wohngebieten im Südlibanon abgeworfen, die meisten
innerhalb von 72 Stunden vor dem Waffenstillstand. Eine Million ist noch
da geblieben. Zum Beispiel haben 24 Menschen in Obsthainen durch diese
kleinen Bomben ihr Leben gelassen – nach dem Waffenstillstand.
Aber es ist nicht nur bei uns Juden so, auch andere Propheten hätten
einiges zu beklagen.
Liebe Freunde,
heute ist der 10 Dezember 2006, 58 Jahre nach der Verabschiedung der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN – 1948 „The
Universal Declaration of Rights of Man“ – eine Lehre, die die Völker aus
der Barbarei des zweiten Weltkrieges gezogen haben. Die Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte besagt in ihrer Präambel u.a.: „ .. da es
wesentlich ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu
Schützen, damit der Mensch nicht zum Aufstand gegen Tyrannei und
Unterdrückung als letztes Mittel gezwungen wird .. “
Das palästinensische Volk lebt unter Tyrannei und Unterdrückung, unter
der kolonisatorischen israelischen Besatzung seit fast 40 Jahren. Seine
Menschenrechte sind nicht durch die Herrschaft des Rechtes geschützt, so
wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte es fordert, sondern werden
mit Füßen getreten, in einem Apartheidregime, dass der Besatzer entwickelt
hat. „Israel praktiziert, was Südafrika aufgegeben hat“, sagte John Dugard,
UN Beauftragter für Menschenrechte und Antiapartheidskämpfer
(Sonderberichterstatter über die Menschenrechtssituation in den seit 1967
besetzten palästinensischen Gebieten). Diese Besatzung ist ein Inbegriff
von Gewalt und verursacht Gegengewalt.
Ich verurteile es auf das Schärfste, wenn die Gegengewalt gegen
unschuldige Zivilisten angewandt wird und trauere um die Opfer. Es ist
völkerrechtswidrig, wobei aber ein Aufstand gegen Soldaten durch das
Völkerrecht anerkannt ist. Schade, dass es dazu gekommen ist. So hat sich
Albert Einstein gegen Faschismus gewehrt und Mandela gegen Apartheid. Man
kann es überprüfen, es war garantiert so mit Beiden! Aber wir wollen eine
Gewaltfreiheit jetzt im Sinne des Pazifismus, und es gibt die israelischen
Kriegsdienstverweigerer und eine zivile Gesellschaft in Israel und
Palästina, die für Pazifismus plädiert. Die Feinde des Pazifismus sitzen
in der israelischen Regierung. 1974 war ich eine Zeugin dafür: Die
israelische Regierung hat die friedenswilligsten Palästinenser verhaftet,
die schon damals für eine Zwei-Staaten-Lösung waren. Ich habe die Spuren
von Folterungen gesehen, beschrieben und angezeigt; alles vergeblich.
Khalil Higasy, einer der am meisten gefoltert war, sagte zu mir: „Sie
haben mich noch mehr gefoltert, als ich über Frieden gesprochen habe. Es
hat sie offensichtlich verärgert“.
So „offensichtlich verärgert“ war unsere Außenministerin Tzipi Livni
über die letzte spanisch-italienische Friedensinitiative – auch über die
von James Baker. So Friedensresistent sind sie schon seit Jahren. Wenn man
pazifistische Ideen in Israel-Palästina fördern will – und ich bin dafür,
auch die Zivilgesellschaften in Israel und Palästina sind dafür – muss man
Druck auf Israel ausüben, die Politik der ständigen Provokation zu ändern,
und zu sprechen statt zu schießen!
Die Lösung liegt auf der Hand, das Völkerrecht, die UNO Resolutionen
242 vom November 1967, die in Archiven liegt, mit Staub bedeckt, so wie
viele andere UN-Resolutionen, die Israel betreffen. Das US-Veto verspricht
Israel Straffreiheit, und das Schweigen der Welt. Resolution 242 besagt
klar, dass Landeserwerb durch Kriege unzulässig ist und dass Israel die
besetzten Gebiete räumen muss.
Auch die Hamas ist jetzt für die Zwei-Staaten-Lösung, was de facto eine
Anerkennung Israels bedeutet. Und das ist die Kompromissbereitschaft, weil
es bedeutet, dass die Palästinenser sich mit ca. 22 % des historischen
Palästina begnügen. Olmert hat aber versprochen, die politische Führung
von Hamas zu töten. So kann man die Gewaltspirale vorantreiben. Und sie
dreht sich leider weiter.
Seit 55 Jahren baue ich eine Brücke des Friedens zu den Palästinensern,
und es gibt jetzt viele Nachfolger, die die Brücke betreten. Sie ist fest
geblieben, die Brücke, durch Solidarität der Leidenden gebaut, durch
Hilfeleistungen, und durch Anprangerung des Unrechts, das Israel ihnen
antut, urbi et orbi!
Für so eine Solidarität, auch mit unseren Friedenskräften, plädiere
ich, und für das Menschenrecht auf Frieden, dass das Recht aller Rechte
ist!