Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Erhat Toka
 

Muslim-Markt interviewt
Erhat Toka, Gründungmitglied der Muslim Demokratischen Union und im Vorstand zuständig für Öffentlichkeitsarbeit
7.2.2013

Erhat Toka ist 1973 in Lengerich in Westfalen geboren. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Industriemechaniker und arbeitete einige Jahre in dem Beruf. Er ist inzwischen Selbständig und Inhaber eines Fachgeschäfts für Sportartikel. Als politisch und religiös interessierter Bürger engagierte er sich bereits in Moscheegemeinden. Von 2003 bis 2008 war er zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit in der Milli Görüs Moschee in Lengerich. Nach seiner Heirat zog er nach Osnabrück und übernahm dort die Öffentlichkeitsarbeit in der IGMG-Gemeinde. In dieser Zeit war er maßgeblich an der Gründung des Bündnisses der islamischen Gemeinden in Osnabrück beteiligt und war dabei auch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Nach seiner Ansicht konnten die Gemeinden nur etwas erreichen, wenn sie zusammenhielten. In 2011 war er Mitbegründer der Muslim Demokratischen Union und sitzt seither im Vorstand. Am 11.09.2011 nahmen sie an den Kommunalwahlen teil und verfehlten knapp einen Sitz im Stadtrat. Am 20.01.2012 nahmen sie an den Landtagswahlen mit zwei Direktkandidaten aus Osnabrück teil. Eine Teilnahme im gesamten Bundesland scheiterte an 500 von aufzubringenden 2000 Stützunterschriften.

Erhat Tokat ist verheiratet hat zwei Töchter und lebt in Osnabrück.

MM: Sehr geehrter Herr Toka, wie kam es zur Gründung der MDU?

Erhat Toka: Wir sahen die Zeit als gekommen, eine muslimische Partei zu gründen, da die vorhandenen Parteien sich zwar für Interessen der Migranten einsetzten, aber nicht die der Muslime. Meiner persönlichen Meinung nach gibt es sogar eine antimuslimische Haltung in der Politik. Es gibt viele Missstände und Ungerechtigkeiten gegenüber der Muslime. Denken Sie nur an die Kopftuchdebatte, Schächtverbot und Beschneidungsverbot. Da man nur als Partei Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen kann, haben wir eine Partei gegründet.

MM: Wie haben frühere Weggefährten in den Moscheen und anderenorts auf die Parteigründung reagiert?

Erhat Toka: Die Gemeindemitglieder haben größtenteils positiv reagiert. Viele wurden sofort Mitglied, da sie die Notwendigkeit einer muslimischen Partei als gekommen sahen. Funktionäre taten sich sehr schwer. Es ist ein Problem, wenn man in organisatorischen Strukturen gefangen ist. Man hat keine eigene Meinung mehr und tut, was die Verbandsspitze sagt. Und die träumt immer noch davon, als Verband die Politik zu beeinflussen. Das hat in den letzten 45 Jahren nicht funktioniert und wird in Zukunft auch nicht funktionieren. Politik macht man als Partei und nicht als Verband. Punkt. Weggefährte, mit denen man jahrelang eng zusammengearbeitet und nebeneinander gebetet hat, wurden teilweise zu Widersachern. Man warf uns vor, eine muslimische Partei würde dem Ansehen der Muslime schaden können. Was will man denn da noch schaden? Der Islam hat doch gar kein Ansehen in Deutschland. Er ist ja nicht mal als Religionsgemeinschaft anerkannt. Der Vorsitzende der Schura eines Landesverbandes fühlte sich und sein Amt besonders bedroht und ging ganz besonders gegen uns vor. Er verbot den Mitgliedsmoscheen Vertreter der MDU in ihren Moscheen sprechen zu lassen.

MM: Wer ist die Zielgruppe Ihrer Partei, wen wollen Sie in der Politik vertreten?

Erhat Toka: Wir sind eine ganz normale Partei, die sich über den Islam definiert. Wir richten uns natürlich primär an Muslime. Unsere Politik soll aber der gesamten Gesellschaft zugute kommen. Wir wollen Politik nach muslimischen Maßstäben machen. Schauen Sie, der Vatikan wirtschaftet nach Islamic-Banking-Regeln. Das sagen sie auch offen. Also haben die islamischen Regeln Vorteile für die gesamte Gesellschaft. Wir wollen natürlich vor allem Menschen in der Politik vertreten, die an einen Gott glauben. Leider geben die meisten Parteien offen zu, atheistisch zu sein. Das ist ihr Recht. Aber es gibt zur Zeit keine Alternative. Die wollen wir sein.

MM: Im Wahlprogramm der MDU steht, dass sie sich für eine strengere Banken- und Börsenkontrolle einsetzen. Glauben Sie ernsthaft, man wird Sie in Ruhe lassen, falls Sie eines Tages Erfolg haben sollten?

Erhat Toka: Die Finanzkrisen haben wir den Banken zu verdanken. Anschließend werden sie mit Steuergeldern aufgepäppelt. Dann geht es wieder von vorne los. Die Banken haben zuviel Macht. Das muss sich ändern. Davon reden doch alle, aber keiner macht es wirklich. Denn Macht macht korrupt. Wer die Wahlkämpfe der erfolgreichen Parteien bezahlt, wissen wir. Manchmal sind Wahlversprechen nur Wahlversprecher. Irgendwer muss endlich etwas ändern. Und das werden Inschaallah wir sein.

MM: Was macht Sie immun gegen Korruption, falls einmal Macht erlangen sollten?

Erhat Toka: Unser Glaube daran, dass wir im Jenseits für unser Handeln zur Rechenschaft gezogen werden. Wir können nichts verheimlichen, denn ALLAH s.w.t. sieht alles.

MM: Zudem appellieren Sie an die Bevölkerung, sich gegen eine bedingungslose Solidarität mit Israel einzusetzen. Glauben Sie nicht, dass man Ihnen beim ersten Erfolg Antisemitismus vorwerfen wird?

Erhat Toka: Solidarität und bedingungslose Solidarität sind zwei unterschiedliche Dinge. Deutschland darf nicht bedingungslos die Verbrechen Israels decken mit der Ausrede, Israel habe das Recht sich zu verteidigen und Deutschland habe eine historische Verantwortung. Stellen sie sich mal vor, der Staat sperrt einen Unschuldigen ein, erkennt den Fehler und entlässt ihn wieder. Hat dieser Mensch dann ewige Straffreiheit? Israel bombardiert und tötet hunderte Zivilisten, baut illegale Siedlungen, sperrt Menschen ein und enteignet sie und zerstört deren Häuser und Ernten. Israel hat bisher gegen fast alle UN-Resolutionen verstoßen und es gab keine UN-Sanktionen. Israel hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben und hat Atomwaffen, greift aber den Iran an, weil es angeblich Atomwaffen bauen will. Wie absurd. Unschuldigen Menschen wurde im Dritten Reich Unrecht angetan. Aber ein Verbrechen darf nicht ein anderes Verbrechen rechtfertigen. Wir haben viele Infostände gemacht und mit den Menschen gesprochen. Die Bevölkerung ist ebenfalls dieser Meinung. Das Interessante ist, dass wir zu diesem Punkt noch nie von Deutschen angesprochen wurden. Immer haben uns Muslime wegen diesem Punkt kritisiert.

MM: Beim Thema Israel mögen Sie ja eine gewisse Zustimmung in der Bevölkerung ernten, aber wie wollen sie das beim Thema Islam und islamische Werte schaffen, wenn doch die Begriffe in den Augen vieler Betrachter mit sogenannten Ehrenmorden, Zwangsheiraten und vielen anderen unmenschlichen Traditionen in Verbindung gebracht werden?

Erhat Toka: Sehen Sie, wir dürfen nicht in diese Falle tappen. Nur weil eine Lüge oft genug wiederholt wird, müssen wir sie nicht noch selber glauben und uns dafür auch noch rechtfertigen. Wir müssen den Menschen von der Logik und der Schönheit unserer Religion erzählen. Unter Juden und Christen in arabischen Ländern sind Ehrenmorde und Zwangsheirat doch auch weit verbreitet. Das ist kein islamisches Phänomen, sondern ein Kulturelles.

MM: Obwohl ihre Partei noch sehr jung ist, warnt der Verfassungsschutz bereits vor ihnen. Was Antworten Sie diesbezüglich Nachfragenden?

Erhat Toka: Ich wundere mich, dass die Warnung erst jetzt kam. Man hat ja nur auf etwas gewartet. Und das war eine Fatwa, die wir auf unsere Internetseite gestellt haben. Darin sagen Gelehrte ihre Meinungen zur Demokratie. Einer der Bekanntesten, Sheikh Ibn Uthaimin, war für die Beteiligung an der Demokratie. Da wir nicht populistisch sein wollten, haben wir die gesamte Sammlung veröffentlicht und die Meinung, die unserer entsprach dick gedruckt. Sie war über ein Jahr online. Zwei Monate, nachdem wir es von unserer Internetseite gelöscht haben und kurz vor den Landtagswahlen kam die Warnung vom Verfassungsschutz. Diese Fatwasammlung haben wir auch nur veröffentlicht, weil wir von Muslimen als Kuffar/Ungläubige bezeichnet wurden. Nach ihrer Ansicht ist Demokratie Schirk/Vielgötterei und somit verboten.

MM: Wie sehen die Pläne Ihrer Partei für die Zukunft aus, wo wollen Sie antreten und wer steht zur Wahl?

Erhat Toka: Als nächstes wollen wir 2014 an den Europawahlen teilnehmen. Dazu müssen wir mehrere Landesverbände gründen. Wenn einer der Leser sich dazu berufen fühlt und sich das zutraut, kann er sich mit uns gerne in Verbindung setzen. Wir brauchen natürlich auch noch Mitglieder. Wer zur Wahl antritt ist zweitrangig. Die Menschen sollen uns wählen, weil wir vernünftige Ziele haben und nicht, weil ein Kandidat den selben Herkunftsland hat oder gut aussieht. 2014 sind auch die Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, an denen wir Inschaallah teilnehmen werden.

MM: Sie sind mit einer Muslima aus Eritrea verheiratet. Sind Sie und Ihre Frau in Deutschland integriert und welche Sprache sprechen Sie zuhause?

Erhat Toka: Wir machen uns darüber keine Gedanken mehr. Ich habe es wirklich versucht, mich zu integrieren. Leider konnte mir keiner sagen, wo das endet. Wie man sich als Integrierter fühlt. Was man machen muss. Es ist ja nicht wie bei der Fahrschule, wo man am Ende einen Führerschein bekommt. Nach vielen Anläufen habe ich es aufgegeben. Ich bin jetzt mal Deutscher, mal Türke, mal Kurde und zur Zeit versuche ich Araber zu werden. Zuhause sprechen wir deutsch, türkisch, arabisch, tigrina, kurdisch und englisch. Es wird immer Menschen geben, die mich als nicht integriert ansehen werden und andere, die mich als Inbegriff deutscher Tugendhaftigkeit sehen. Man kann es nicht Jedem recht machen.

MM: Was würden Sie sich von den Muslimen in Deutschland wünschen?

Erhat Toka: Wir Muslime müssen uns endlich entscheiden, ob wir in Deutschland leben wollen und uns ganz bewusst entscheiden. Wir leben jetzt schon seit über 45 Jahre hier und sehen uns immer noch als Ausländer. Man kann Deutscher und Muslim sein. Man kann aber nicht Deutscher und Araber oder Türke sein. Eines unserer Identitäten, gewollt oder ungewollt, wird auf der Strecke bleiben. Und ich bin dafür, dass es unsere Herkunfts-Nationalität ist.

MM: Und was erhoffen Sie von Muslimen?

Erhat Toka: Wir setzen an muslimische Aktive und Organisationen andere Maßstäbe an, als bei nichtmuslimischen. Ein Muslim muss am Besten einen Professortitel haben, damit ihm Muslime etwas zutrauen. Kommt es nicht eher auf die Absicht und die charakterlichen Eigenschaften eines Menschen an? Wir sollten uns gegenseitig unterstützen und uns nicht bei kleinsten Defiziten gegeneinander wenden. Der Dialog zwischen den Religionen funktioniert ja sehr gut und ist auch begrüßenswert. Ich würde mir wünschen, dass der Dialog zwischen den Muslimen so gut klappen würde. Wir müssen endlich ein muslimisches Selbstbewusstsein entwickeln. Immer sehen wir uns genötigt uns zu rechtfertigen. Wir sind Bürger dieses Landes und haben die gleichen Rechte und Pflichten. Wenn ich keinen Bock auf eine dumme provozierende Frage während einer Moscheeführung habe, dann darf ich das auch sagen. Ich muss mich doch nicht ducken und ausreden. Wir sind keine Bürger zweiter Klasse. Wir müssen dankbar für unsere Religion sein und selbstbewusster werden. Zu diesem Selbstbewusstsein wird auch die MDU beitragen Inschaallah. Noch ein wichtiger Punkt ist, dass wir uns auf unsere Entscheidungsfähigkeit verlassen müssen und nicht immer die Meinung unserer vermeintlichen Führern übernehmen. Denn jeder ist vor ALLAH s.w.t. selber für sein Handeln verantwortlich.

MM: Herr Toka, wir danken für das Interview.

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