Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Alexander Czerny
 

Muslim-Markt interviewt
Alexander Czerny, Finanzjournalist

8.3.2009

Alexander Czerny wurde 1974 in Ost-Berlin geboren. Seit der Wende ist er politisch aktiv, zunächst unter anderem bei der "Jugend gegen Rassismus in Europa (JRE)". Er setzte sich ein gegen die Abschaltung des kritischen Radiosenders DT64 und besetzte mit zahlreichen anderen Mitstreitern medienwirksam u.a. das Rote Rathaus und die Potsdamer Staatskanzlei. Noch während des Abiturs machte Czerny ein Fernstudium im Amateurfunk und konstruierte Piratensender für Kurzwelle und UKW. Zu seinen Lieblingsaufgaben innerhalb der Berliner Antifa gehörte die Funkpeilung von Neonazis, welche damals den CB-Funk nutzten, um Überfälle zu koordinieren.

Nach dem Abitur und Zivildienst studierte Czerny zunächst an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin Klavier. Ohne Aussicht auf Anstellung als Konzertpianist im von Sparpolitik gelähmten Berlin schloss Czerny ein Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften sowie der neueren und neuesten Geschichte an. Von 2002 bis 2006 war er freier Mitarbeiter bei Attac und WEED in den Bereichen Finanzmärkte, internationale Währungsbeziehungen und Makroökonomie. Dort widmete er sich intensiven Forschungen über die kapitalistische Finanzarchitektur und analysierte die nationalen Wirtschaftspolitiken innerhalb Europas. Während seiner Recherchen über die Strategien hinter den neoliberalen Reformen in Deutschland reiste er im Jahr 2005 nach Argentinien und Chile und interviewte dort viele Opfer und Gegner des Neoliberalismus.

Czerny ist leidenschaftlicher Pianist und Hammondorganist. Jahrelang spielte er in Berliner Rock- und Skabands. Ab 2006 zog es ihn nach Istanbul, wo er des öfteren mit der bekannten Violinistin Pinar Tezisci auftrat. Zur Zeit ist er mit der Rockband "The Durgas" auf Tour.

Alexander Czerny ist verheiratet, arbeitet als Finanzjournalist und Researcher und lebt in Deutschland und den USA.

MM: Sehr geehrter Herr Czerny, erlauben Sie uns zum Einstieg eine persönliche Frage. Wie kommt ein Pianist dazu, ausgerechnet Wirtschafts- und Politikwissenschaften zu studieren?

Czerny: Ausschlaggebend war die ruinöse Sparpolitik des Berliner Senates. Ich war zwar davon weniger betroffen, weil ich in den 1990er Jahren nach dem Klavierstudium in einer recht erfolgreichen Ska-Band spielte. Aber viele meiner Pianistenkollegen fanden durch die radikalen Haushaltskürzungen im kulturellen Bereich keine fair bezahlte Arbeit in ihrem erlernten Beruf. Den Orchestern und Theatern wurden ja die Mittel gestrichen, und hervorragende Musiker mussten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten oder wanderten aus nach Frankreich, Österreich und sogar nach Irland, Polen und Tschechien. Ich fragte mich: Wie kann das sein? Deutschland ist drittstärkste Volkswirtschaft der Erde. Warum müssen wir stärker bei Bildung und Kultur sparen, als unsere ärmeren Nachbarländer? Woher kommen all die Schulden? Durch Zufall gelangten in jener Zeit zwei Bücher in meine Hände, die mein Leben wahrhaftig veränderten: "Das Geld-Syndrom" von Helmut Creutz und "Geld ohne Zinsen und Inflation" von Margrit Kennedy. Sie beschrieben, dass die Ursachen unserer Misere im Geldsystem liege. Das hat mich elektrisiert, hier schien ich die Antwort gefunden zu haben! Doch dann merkte ich, dass ich bei Helmut Creutz und Margrit Kennedy den Bezug zur wirtschaftlichen Wirklichkeit vermisste. Einige Thesen erschienen mir fragwürdig. Aber ich wollte es dank dieser Bücher nun genauer wissen und begann als Musiker ab 1998 scheinbar völlig artfremde Fächer zu studieren.

MM: Sie behaupten in Ihren Artikeln, dass die aktuelle Finanzkrise von Gier der Banker, Immobilienblase und ähnlichen Faktoren zwar beschleunigt worden ist, die Ursachen aber viel tiefer im System begründet liegen. Ist dieser Zusammenhang auch vereinfacht für einen Menschen verständlich zu machen, der nicht Wirtschaftswissenschaft studiert hat?

Czerny: Ja, durchaus, aber das würde den Rahmen des Interviews sprengen. Das beste und verständlichste, was ich hierzu empfehlen kann, ist die Website www.egon-w-kreutzer.de. Dort gibt es eine Rubrik "Alles über das Geld". Wer die einzelnen, leicht zu verstehenden Kapitel gelesen hat, weiß im Grunde schon besser über unser Finanzsystem Bescheid, als so mancher Diplom-Volkswirtschaftler. Im Internet gibt es auch ein etwa 45minütiges Video – "Money as Debt" – das ich dringendst empfehle. Sehr gut beschreiben auch die beiden "Zeitgeist"-Filme unser kapitalistisches Finanzsystem. Man findet die deutschsprachigen Versionen auf www.the-insider.tv. Um es kurz zu skizzieren: Das kapitalistische Bankensystem funktioniert wie eine riesige Umverteilungsmaschine, mit der Liquidität, die von den Banken durch Kreditvergabe selbst erschaffen werden kann, von vielen Millionen Schuldnern zu einigen wenigen Vermögenden umverteilt wird. Die Banken sind der entscheidende Motor für die immer weiter aufklaffende Schere zwischen arm und reich im Kapitalismus. Zinsen spielen hier eine größere Rolle, als die von Karl Marx beschriebene Ausbeutung. Zinsen sind verantwortlich für das ruinöse exponentielle Wachstumsmuster von Schulden und Vermögen. Da die Geldvermögen durch Zinszahlungen nicht linear, sondern exponentiell wachsen, müssen die Banken in exponentiell wachsendem Umfang ihre Kreditvergabe ausweiten, um die Zinszahlungen sicherzustellen. Gelingt es den Banken nicht mehr, ihre Kreditvergabe auszuweiten, weil die Masse der Bevölkerung bei den Banken eh schon überschuldet ist, kommt der Zinsfluss ins Stocken und die Bank droht, Pleite zu gehen. Dies ist der Kern unserer aktuellen Finanzkrise. Doch der riesige Zinshunger der gigantischen Geldvermögen wird von den Mainstream-Medien komplett ausgeblendet. Schließlich sind die deutschen Medienbosse des Mainstreams allesamt nicht nur Millionäre, sondern MULTIMILLIARDÄRE!

MM: Das bedeutet letztendlich, dass so etwas wie ein Verfallsdatum im System selbst festgeschrieben ist. Wissen das denn die Bankenmanager, die Politiker, die Wirtschaftswissenschaftler, also die Schar der Fachleute nicht?

Czerny: Das mit dem Verfallsdatum stimmt so nicht. Schauen Sie sich die skandinavischen Staaten an. Auch dort wird durch das Zinssystem in Massen Liquidität von unten über die Banken nach oben geschaufelt. Der Clou ist aber, das die dortigen Regierungen durch hohe Spitzensteuersätze und hohe Steuern auf Geldvermögen das der Wirtschaft entzogene Geld quasi recyceln. Bildlich gesprochen: Durch Steuern wird ein Grossteil des der Wirtschaft entzogenen Geldes wieder von oben über die öffentlichen Haushalte nach unten zurückverteilt. Es erscheint im Binnenmarkt dann wieder als Staatsausgaben für Infrastruktur, Soziales, Gesundheit, Bildung und Kultur – und zwar ohne neue Schulden! So mildern die Skandinavier den im Zinsgeldsystem festgeschriebenen Zwang zur steigenden Verschuldung der Binnenwirtschaft erheblich.

MM: Wissen das denn die Bankenmanager, die Politiker, die Wirtschaftswissenschaftler, also die Schar der Fachleute nicht?

Czerny: Die Schar der Fachleute weiß das, doch Politiker sind keine Fachleute, sondern eben Politiker. Sie sind darauf angewiesen, sich von Fachleuten beraten zu lassen. Und genau hier wird’s vertrackt. Denn wer sind diese Berater eigentlich? Sie kommen ja ausgerechnet von den Großbanken und den Großkonzernen und betreiben nichts als Lobbyismus an Stelle von echter Politikberatung. Und die so genannten Wirtschaftswissenschaftler? Diejenigen, die nach 1980 in Deutschland studiert haben, wissen über das Finanzsystem oft recht wenig. Mit dem Siegeszug des Neoliberalismus wurde an den Universitäten auch die Volkswirtschaftslehre auf neoliberalen Kurs gebracht und der Unterbereich "Geld und Kredit" regelrecht verstümmelt. Hinzu kommt, dass unsere so genannten Wirtschaftsforschungsinstitute zumeist nichts anderes als Think-Tanks sind, die irgendwelchen Konzernen dienen. Das "Institut der deutschen Wirtschaft" gehört zum Beispiel dem Henkel-Konzern und arbeitgebernahen Verbänden, die die Interessen der Exportgiganten vertreten. Das "IFO Institut für Wirtschaftsforschung" – das mit dem bekannten "Geschäftsklimaindex" – war schon durch Hans-Werner Sinn mit der HypoVereinsbank verbunden, für die er unermüdlich neoliberale Reformpropaganda betrieb. Fragen Sie Gustav Horn! Der wurde vom DIW gefeuert, weil er vom neoliberalen Kurs allzu sehr abwich. Nein, mit Wirtschaftswissenschaftlern ist die Bundesrepublik nicht üppig bestückt. Die Wirtschaftswissenschaft hat es in Deutschland genauso schwer, wie die Astronomie im späten Mittelalter unter den christlichen Herrschern. Die Wissenschaft wird hier aus guten Gründen von starken Geld- und Machtinteressen beherrscht, auch inhaltlich. Wer Volkswirtschaftslehre studieren will, sollte besser nach Skandinavien, Kanada, Argentinien oder Venezuela gehen.

MM: Sie rütteln an den Grundlagen des kapitalistischen neoliberalen Wirtschaftsmodells. Schon oft wurde der Kapitalismus für tot erklärt und ist dann - wie z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg neu auferstanden. Gibt es denn keine realistische Alternative für westliche Wirtschaftswissenschaftler?

Czerny: Nun, warum brauchen wir eigentlich Alternativen? Wir brauchen sie ja nicht, um ein sozial halbwegs gerechtes System neu zu erfinden. Da brauchen wir bloß nach Skandinavien zu schauen. Wir brauchen die Alternativen dringendst, weil das kapitalistische Zinssystem uns zu exponentiell beschleunigtem Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch zwingt. Wir brauchen so schnell wie möglich ein neues System, um die Plünderung unseres Planeten zu stoppen! Aber es gibt noch keine wirklich ausgereiften Alternativen. Ich sympathisiere mit Lösungsversuchen, die am Geldsystem ansetzen, wie es zum Beispiel Creutz und Kennedy vorschlagen. Doch diese Ansätze haben ein Manko: Selbst wenn ganze Staatengemeinschaften so genanntes "Freigeld" als gesetzliches Zahlungsmittel einführen würden – die Freigeld-Währungen würden an den internationalen Devisenmärkten ein jämmerliches Schicksal erleiden, ähnlich wie etwa die Währungen der ehemaligen Ostblockstaaten. Kein ausländischer Lieferant würde solches Geld als Zahlungsmittel akzeptieren, und die Freigeldstaaten hätten erhebliche Devisenprobleme und Versorgungsengpässe. Freigeldexperimente würden aber auf globaler Ebene funktionieren, wenn es keine harten Konkurrenzwährungen, wie Dollar, Euro oder Yen mehr gibt. Aber das ist heute noch Utopie. Da ist es schon besser, die Vermögenssteuer wieder einzuführen – mit steiler Progressionskurve, wie in Skandinavien! Realistischer sind auch Lösungsansätze, wie sie etwa Egon W. Kreutzer vorschlägt, nämlich, dass parallel zum existierenden Finanzsystem der Staat Vollmachten zur zinsfreien Geldschöpfung bekommt und das Geld ganz diskret dort in die Wirtschaft einspeist, wo es am dringendsten benötigt wird. Doch staatliche Geldschöpfung ist im Kapitalismus heutzutage leider tabu. Sogar der Staat muss sich bei finanziellen Engpässen bei privaten Geldgebern und Banken gegen Zinsen verschulden. Man muss sich das mal vorstellen: Der Staat darf heutzutage nicht sein eigenes Geld herstellen! Die Geldschöpfung wird ausschließlich den Banken überlassen. Ich halte das für den größten Fehler im Kapitalismus. Wir werden ja gewissermaßen von Banken regiert.

MM: Wenn wir Sie richtig verstanden haben, so kann zwar die Politik durch Rückverteilung von oben nach unten eine gewisse soziale Gerechtigkeit umsetzen, aber das Problem des exponentiellen Wachstums durch Zinseszins wird ja dadurch nicht gelöst. Heißt das nicht, dass letztendlich auch die skandinavischen Modelle scheitern müssen, wenn auch erst später?

Czerny: Theoretisch ja. Jedes Zinssystem trägt den Keim des eigenen Untergangs in sich, vor allem durch den ständigen Verschuldungszwang und der zunehmenden Zerstörung der Erde. Aber die Skandinavier verstehen was von nachhaltigem Wirtschaften. Sie vermindern durch eine kluge Steuerpolitik die Geschwindigkeit des exponentiellen Wachstums von Schulden und Vermögen. Damit können sie sehr lange leben, auch mit kleineren Bankenkrisen und Kapitalflucht – kein Problem. Klar, dort gibt es wegen der hohen Steuern nicht sehr viele Milliardäre. Aber es gibt dort auch nicht so viele Menschen, die hoffnungslos überschuldet sind, wie anderswo. Das Modell wird dort erst scheitern, wenn die Politiker von Dummheit befallen und von den Grossunternehmen korrumpiert werden, wie das in Deutschland leider reihenweise der Fall ist.

MM: Welche Wirkung haben denn die aktuellen "Hilfspakete" und sonstigen Maßnahmen der Politik. Können Sie das System nicht retten?

Czerny: Es geht bei diesen Hilfspaketen, diesen Bailouts, nicht darum, das System zu retten. Es geht den Banken aber darum, sich in nie dagewesenem Umfang zu bereichern. Sie schlucken mit diesen Geldern andere Banken und erwerben Sachvermögen. Man könnte ja anstelle der Banken den zahlungsunfähigen Schuldnern diese Hilfspakete zukommen lassen, also Leuten, die das Geld am dringendsten bräuchten. Das käme dem Steuerzahler viel billiger, und das System würde nach einer kurzen, leicht inflationären Phase noch ein paar Jahrzehnte weiterlaufen. Doch darum geht es bei diesen Bailouts gar nicht. Was ist denn der Kern der Finanzkrise? Die Krise besteht doch im Kern aus nichts anderem, als aus schiefen Bankbilanzen. Insbesondere die privaten Grossbanken benutzen jetzt aber die Löcher in ihren Bilanzen, um eine gewaltige Drohkulisse zu konstruieren und die Regierungen im ersten Schritt zu Zahlungen von astronomischen Summen zu erpressen. Doch woher nimmt der Staat das Geld? Ich habe ja gerade erzählt, dass der Staat sich das Geld nicht selber machen kann, das heißt, er muss sich das Geld daher von den privaten Gläubigern und den Banken leihen. Diesen Wahnsinn hat der kanadische Ökonom Michel Chossudovsky Anfang Januar als Erster beschrieben.

Ganz langsam, zum Mitdenken: Damit der Staat den Banken das Bailout-Geld überweisen kann, helfen die Banken dem Staat, die dafür nötigen Staatsanleihen, also die Staatsschulden, im Markt zu platzieren und zu verkaufen - gegen hohe Maklergebühren! Noch perverser: Banken leihen dem Staat gegen hohe Zinsen das Geld für ihre eigenen Hilfspakete! Kurz gesagt, die Banken schaffen sich durch Kreditvergabe an den Staat ihr eigenes Bailout-Geld und der Staat, also der Steuerzahler, steht bei den Banken dann in weit größerem Umfang in der Kreide und muss den Banken Zinsen zahlen, als je zuvor. Verstehen Sie diesen Irrsinn? In einem zweiten Schritt werden diese Banken dann die hoffnungslos verschuldeten Regierungen dazu erpressen, die unsäglichen Privatisierungen forciert zu betreiben, also viel mehr öffentliches Eigentum an Konzerne und Banken zu verscheuern, als ihnen bereits unter Kohl, Schröder und Merkel in den Rachen geworfen wurde.

MM: Müsste das den Kapitalismus nicht selbst zerstören?

Czerny: Wer gehofft hatte, die jetzige Krise wäre das Ende des Kapitalismus, wird bitter enttäuscht. Wir sehen gerade eine neue, viel aggressivere Form des Neoliberalismus. Nicht die Banken werden vom Staat übernommen, wie die Medien suggerieren, sondern der Staat wird – völlig überschuldet - von den Banken übernommen und privatisiert. Die Banken sahen den Systemkollaps schon vor vielen Jahren kommen und sind bestens darauf vorbereitet. Leider haben wir alle gepennt. Doch noch ist es nicht zu spät. Ich habe auf den ersten Protesten in Deutschland und den USA Transparente gesehen, die etwa lauteten: "Wir zahlen nicht für eure Krise!" oder "Bail out the people, not just the banks!"

Das ist der richtige Ansatz. Wenn Sie mich fragen: Die Alternative zum Bailout bestünde darin, dass der Staat die aggressivsten Banken und Großkonzerne jetzt billig aufkauft und in öffentliches Eigentum verwandelt. Die Aktienkurse sind ja gerade im Keller. Das dürfte den finanziellen Aufwand für die Regierungen in Grenzen halten. Außerdem würde dadurch die Staatsverschuldung im Endeffekt ganz erheblich sinken, weil der Staat ja seine eigenen Gläubiger aufkaufen würde. Doch dazu fehlt der politische Wille und der Druck der Öffentlichkeit. Noch.

MM: Um die Problematik mit den Zinsen noch besser zu verstehen, eine Nachfrage. Nehmen wir einmal an, dass die Zentralbanken die Zinsen auf real "Null" senken würden. Könnte dann der Staat nicht sämtliche seiner Schulden "umschulden" auf sozusagen zinsfreie Darlehen, wäre mit einem Schlag die unglaubliche Zinslast los und könnte dann vernünftig wirtschaften und zudem seine Schulden auch wieder abtragen? Wäre das nicht eine Art Modell, um aus diesem Teufelskreislauf herauszukommen?

Czerny: Ein schöner Gedanke! Aber es ist in Deutschland seit 1948 und in der EU seit 1994 gesetzlich verboten, dass der Staat sich direkt bei den Zentralbanken verschuldet. Wenn die öffentlichen Haushalte Geld brauchen, müssen sie zu den Banken gehen. Und dort sind die Zinsen niemals gleich Null. Aber die Sache hat da noch einen Haken. Was die Schulden des Einen sind, sind die Vermögen des Anderen. Und die Anderen, also die Banken und die Besitzer von Staatsanleihen, bestehen ja darauf, dass sie für den Besitz von Staatsschulden jedes Jahr ihre Zinsen bekommen. Versuchen Sie jetzt mal, umzuschulden und den Sparern ihre Wertpapiere und den Banken ihre Assets wegzunehmen. Das gäbe ein Chaos, das die derzeitige Finanzkrise in den Schatten stellen würde! Die Staatsschulden in ihrer jetzigen Höhe von 1,5 Billionen Euro sind doch auch gar nicht so schlimm. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sind das in Deutschland gerade mal 65 Prozent – das ist gesundes, europäisches Mittelfeld. Die Hysterie um die Staatsverschuldung ist übrigens Bestandteil der neoliberalen Propaganda, um dumme und korrupte Politiker dazu zu bringen, öffentliches Eigentum an Konzerne zu verscheuern. Viele von uns fallen darauf herein. Wenn wir unseren Kindern aber die Schuldknechtschaft ersparen wollen, dann dürfen wir nicht unser Tafelsilber zum Schrottpreis verticken. Wir dürfen unser aller Staats-Eigentum überhaupt nicht verkaufen! Wir müssen lediglich eine minimale Steuer auf Geldvermögen einführen. Das reicht völlig, um erstaunliche Haushaltsüberschüsse zu erzielen. Damit kann dann der Staat vernünftig wirtschaften und seine Schulden Stück für Stück abtragen. Kein Problem. Vergessen Sie nicht, dass in Deutschland den 1,5 Billionen Euro Staatsschulden rund 5 Billionen Euro Geldvermögen gegenüberstehen! Und gefährliche Kapitalflucht? Auch die angebliche Gefährlichkeit von Kapitalflucht ist so ein neoliberales Gerücht. Und wo soll denn das Kapital hinflüchten? Gerade jetzt, in der Finanzkrise?

MM: Wenn Sie behaupten, dass "die Banken" auf die Krise gut vorbereitete seien - zumindest einige davon - darf man denn dann die Frage stellen, wer "die Banken" sind? Ist das sozusagen eine Art Netzwerk vergleichbar der organisierten Kriminalität oder eher eine zufällige Interessengemeinschaft?

Czerny: Wenn man sich die Grossbanken, wie Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank und die HypoVereinsbank/Unicredit betrachtet, kann man behaupten: Es ist mit Sicherheit beides, eine Art organisierte Kriminalität und Interessengemeinschaft mit ihren Hauptkunden, den DAX-30-Unternehmen. Andere Banken, wie etwa Sparkassen und Volksbanken-Raiffeisenbanken, nehme ich in Schutz. Sie sind erstens selber Opfer der Grossbanken und zweitens die Finanzierer der deutschen Binnenwirtschaft. Das kann man von den Grossbanken nicht behaupten. Im Gegenteil; die haben ab dem Jahr 2000 dem deutschen Binnenmarkt absichtlich den Geldhahn zugedreht, um die von den DAX-Konzernen geforderten neoliberalen Reformen, wie Agenda 2010 und die Hartzgesetze, wirksam zu unterstützen. Was haben die Grossbanken vor neun Jahren gestartet? Die haben zigtausenden kleinen und mittleren Unternehmern die Kredite gekündigt und sie massenhaft in die Pleite getrieben. Mit dem dadurch ausgelösten deflationären Geldmangel im Binnenmarkt und der steigenden Massenarbeitslosigkeit wurde die rot-grüne Bundesregierung gezwungen, neoliberale Reformen einzuleiten. Die beiden Hauptziele dieser Deflationsstrategie der Grossbanken waren a) Privatisierungen und b) Lohnsenkungen. Insbesondere die Lohnsenkungen waren letztendlich ein Bombengeschäft für die Grossbanken. Denn als ab 2003 dann die Löhne bei ihren Kunden, den Exportgiganten, real sanken, steigerten diese Konzerne ihre Exportprofite derart, dass an den Aktienmärkten die Preise für deren Aktien regelrecht in die Höhe sprangen. Und davon profitierten am meisten die Grossbanken, die in ihren Assets massenhaft Aktien der Großkonzerne halten. Dies ist die "zufällige Interessengemeinschaft". Und die Kreditsperre der Großbanken ist in meinen Augen nicht nur organisierte Kriminalität, sondern das größte Wirtschaftsverbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte überhaupt. Rechnen Sie nach: Wie viel Existenzen wurden seit dem Jahr 2000 einfach und allein durch schlichten Geldmangel in Deutschland vernichtet?

MM: Während die Medienmogule sicherlich Milliardäre sind und die Banker auch zu den Reichsten im Land gehören dürften, kann man das von Hundertschaften von Hochschullehrern in diesem Bereich sicherlich nicht sagen, selbst wenn sie hinreichend verdienen und einen gesicherten Arbeitsplatz haben. Welche Mechanismen verhindern hier den Aufschrei einer Intellektuellenschicht, welche die Problematik eigentlich besser verstehen müsste?

Czerny: Da bin ich, ehrlich gesagt, etwas ratlos. Ich glaube, zum Aufschrei der Intellektuellen fehlt nicht mehr viel. Ich denke, das Einzige, was ihnen fehlt, sind ein paar Zusatzinformationen und ein paar Details über die kapitalistische Finanzarchitektur. Da kann man neben den vorhin genannten Quellen auch die Sachen von Artur P. Schmidt lesen. Er hat gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Unter Bankstern". Oder von Egon W. Kreutzer "Wolf’s wahnwitzige Wirtschaftslehre". Da steht vieles drin, was man wissen muss. Im Vergleich zu den Franzosen habe ich die Deutschen immer für Lahmärsche gehalten, wenn es darum geht, ihre eigenen Menschenrechte zu verteidigen. Aber ich glaube, die Zeiten haben sich geändert. Da ist jetzt genug Dampf im Kessel, auch bei den Intellektuellen.

MM: Welchen Beitrag kann der einzelne Bürger leisten, um aus der Krise herauszukommen?

Czerny: Gehen Sie auf die Strasse und rufen Sie: "Geld her oder es knallt!" Nein, im Ernst, schreiben Sie jeden Tag einem Politiker ihrer Wahl eine e-Mail oder einen Brief und erzählen Sie ihm, dass 5 Billionen Euro in Deutschland nur darauf warten, endlich besteuert zu werden. Jeden Tag einmal abschicken. Das reicht. Und erzählen Sie ihm, dass das nicht Ihre Krise ist, die die da oben verbockt haben, und dass Sie nicht für die Rettung der Banken blechen werden. Keinen Cent! Und erinnern Sie ihren Lieblingspolitiker daran, dass er Volksvertreter ist und nicht etwa Großkonzernvertreter. Sagen Sie ihm ganz klar, dass Sie ihn nicht mehr wiederwählen, wenn er nicht Ihre Interessen vertritt. Sagen Sie ihm das jeden Tag ganz klar und deutlich. Viele Politiker sind etwas schwer von Begriff. Wenn das nicht reicht, gehen Sie friedlich demonstrieren. Viele sagen, Demos helfen nicht. Aber das ist falsch. Friedliche Demonstrationen ab 10.000 Teilnehmern und mehr können Ihre Politiker ganz schön ins Schwitzen bringen und sie nötigen, Ihre Interessen zu vertreten, besonders, wenn die ausländische Presse zufällig vor Ort ist. Und lassen Sie sich nicht von wilden Männern mit Knopf im Ohr zu Gewalttaten provozieren. Die werden von Polizei, Geheimdiensten und Konzernen bezahlt, um die Demonstranten in Verruf zu bringen. Unser Motto lautet aber: Keine Gewalt!

Und wenn Sie das alles tun, vergessen Sie nicht, endlich damit aufzuhören, den Milliardären weiterhin Geld in den Rachen zu werfen. Wir haben die doch schon genug gefüttert. Boykottieren Sie Großkonzerne und kaufen Sie lieber bei kleineren und mittleren Unternehmen. Das hilft der Wirtschaft viel mehr, nicht nur in der Krise. 95 Prozent aller Arbeitsplätze werden von den 3 Millionen Mittelstandsunternehmern geschaffen, während die Großkonzerne dauernd zigtausende Leute entlassen und dauernd mit Standortverlagerung drohen, wenn Ihr Lieblingspolitiker vom neoliberalen Kurs abweicht. Gehen Sie einfach nicht mehr zu den Großkonzernen. Das schadet niemandem, hilft aber den kleinen und mittleren Unternehmen sehr, zu überleben. Und es sichert Arbeitsplätze und hilft Ihrem Geldbeutel, auch wenn kleinere Unternehmen etwas teurer als die großen Discounter sind.

Das Wichtigste für Ihre Sicherheit ist aber: Nehmen Sie niemals einen Kredit bei einer Grossbank auf, wenn Sie Geld brauchen. Gehen Sie zu den Sparkassen und Volksbanken. Bei den Großbanken besteht die Gefahr, dass Ihnen plötzlich und unerwartet wegen kurzfristiger Profitinteressen der Bank der Kredit gekündigt wird und Sie dann die Schulden mit einem Schlag zurückzahlen müssen – oder die Bank greift sich Ihr Sacheigentum. Viele Tausend Menschen in Deutschland sind ruiniert, weil sie mal bei einer Großbank einen Kredit aufgenommen hatten.

MM: Herr Czerny, wir danken für das Interview.

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