MM: Sehr geehrte Herr Köhler, was hat Sie
dazu bewogen, ausgerechnet ab 2003 Islamwissenschaften zu studieren, winkte
der sichere Arbeitsplatz beim Verfassungsschutz?
Köhler: Tatsächlich wird man bei uns im
Institut immer mal wieder mit Stellenausschreibungen oder einem Gastvortrag
des BND oder Auswärtigen Amtes überrascht. Ich glaube ich verpasste damals
den Einschreibungstermin für Afrikanistik in Leipzig und schwankte von einem
skurrilen Studienfach zum anderen bis ich schließlich irgendwann bei
Islamwissenschaft landete. Schließlich hatte das, nach meinem damaligen sehr
begrenzten Wissen über den Islam, wohl auch irgendwas mit Afrika zu tun. Die
wirkliche Begeisterung für das Thema kam dann aber erst, als ich nach dem
ersten Semester zum ersten Mal nach Syrien fuhr und dort eben auch zum
ersten Mal Kontakt mit Muslimen und der arabischen Kultur hatte. Leider wird
die universitäre Bildung in keiner Weise den Facetten des Themas gerecht und
so fand mein eigentliches Islam(wissenschafts)studium seitdem eher in
syrischen Moscheen und jordanischen Wasserpfeifencafés, als in der Uni
statt. Rückblickend hat das Studium sicherlich mein Leben in recht
interessante Bahnen gelenkt, das Interesse für andere Kulturen und
unterschiedliche Sicht- und Denkweisen entfacht. Mit dem Verfassungsschutz
wird es allein deshalb wohl nichts mehr.
MM: Während ihres Studiums haben Sie sich
entschlossen sechs Monate in Palästina zu verbringen, wie kam es dazu?
Köhler: Das kam ähnlich zufällig, wie die
Entscheidung für mein Studium. Ich bewarb mich für verschiedene Praktika von
Pakistan bis Kenia, von Flüchtlingsorganisationen bis zur Konrad-Adenauer
Stiftung. Eine der Zusagen kam dann schließlich von Letzterer aus Ramallah.
Leider merkte ich dann auch relativ schnell, dass deren Arbeit recht wenig
mit den wirklichen Problemen vor Ort zu tun und mehr aus Händeschütteln und
darauf zu achten besteht, möglichst nirgends anzuecken. Nach zwei Monaten
brach ich das Praktikum ab und machte mich bei verschiedenen kulturellen und
sozialen NGOs auf die Suche nach einer neuen Beschäftigung. In Ramallah,
welches völlig zugepflastert mit NGOs ist, wird einem schnell bewusst, dass
es Palästina aber nicht unbedingt an mehr oder weniger gut ausgebildeten
Europäern mangelt, die von interkulturellem Schwimmunterricht bis hin zu
Projekten zur Bewahrung des deutschen Reinheitsgebotes so ziemlich alles
anbieten. Wobei dies natürlich auch nicht unbedingt die Hilfe ist, die
Palästinenser brauchen. Zwischenzeitlich lernte ich im palästinensischen
Dorf Bil’in eine Welt kennen, die mir bis dahin in Palästina völlig fremd
geblieben war - die des gewaltlosen Widerstandes gegen die Besatzung. Vor
allem die israelischen Reaktionen auf solche Demonstrationen, aber auch der
Alltag an den Checkpoints oder den ein oder anderen Armeeeinmarsch, den ich
zufällig miterlebte, zeigten mir, dass es eigentlich nur eins gibt, was die
Palästinenser kaum alleine können, nämlich sich vor der israelischen
Besatzung zu schützen und sich gegen sie zur Wehr setzten und so kam ich
dann zu ISM.
MM: Wie waren ihre Erfahrungen in Hebron, wo
sie immerhin zwei Monate waren? Was haben Sie erlebt?
Köhler: Was Hebron besonders macht ist, dass
es neben Jerusalem die einzige palästinensische Stadt ist, in der
israelische Siedler leben. Für zehntausende Palästinenser sind die Siedler
und die sie beschützende israelische Armee leider das, was den Großteil des
Alltags bestimmt. In dem israelisch besetzten Teil Hebrons sind
Palästinenser praktisch rechtlos. Es gibt keine Polizei, die sie beschützt,
keine Verwaltung, die sich um ihre Belange kümmert, es gibt nicht einmal
Kranken- oder Feuerwehrwagen, da es Palästinensern nicht erlaubt ist Auto
zufahren. Viele Menschen haben Angst auf die Straße zu gehen, einfach um
einzukaufen, zur Schule oder zum Gebet zu gehen, weil sie jederzeit Opfer
von Übergriffen durch Siedler oder Soldaten werden können. Immer wieder
stürmen Siedler palästinensische Wohnhäuser, verletzten oder töten
Palästinenser oder die Armee verhängt Ausgangssperren. Glücklicherweise hat
sich die Situation in den letzten zwei Jahren, seitdem verschiedene
Menschenrechtsorganisationen präsent sind, etwas verbessert. Wir z.B.
begleiteten täglich die Kinder auf dem Schulweg, überwachten Checkpoints,
dokumentierten Verhaftungen und gewalttätige Übergriffe, und es war schon
sehr überraschend zu sehen, dass allein dadurch mit einer Kamera präsent zu
sein, das Gewaltniveau reduziert werden kann. Trotzdem gab es täglich Gewalt
auch uns gegenüber. Ein griechischer ISMer wurde so schwer verprügelt, dass
er einige Zeit im Krankenhaus verbringen musste und einer Schwedin wurde mit
einer Flasche der Wangenknochen zertrümmert. Ich wurde zwei oder dreimal von
Siedlern körperlich angegriffen, zum Glück aber nur leicht verletzt und
einige Male verhaftet. In einem Fall schafften wir es den Siedler allerdings
vor Gericht zu bringen, etwas was im Falle eines palästinensischen Opfers
unmöglich wäre. Insgesamt gesagt ist Hebron, speziell Tel Rumeida, ein
unglaublich bedrückender Ort. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 80%, viele
Palästinenser scheinen jede Lebensfreude verloren zu haben. Gleichzeitig
zeigt es aber auch, wie viel man mit etwas Öffentlichkeit erreichen kann.
MM: Bitte berichten Sie uns auch von dem
Flüchtlingslager Jenin, in dem Sie tätig waren?
Köhler: Jenin war sicherlich die Zeit in
Palästina, vielleicht in meinem Leben, die mich einerseits am meisten
bereichert, anderseits auch im negativen Sinn am weitesten an meine Grenzen
gebracht hat. Das Flüchtlingslager Jenin ist ein Ort in dem auf weniger als
einem Quadratkilometer mehr als 15.000 Menschen in völliger Abhängigkeit von
UN-Hilfe leben. Es ist leider auch ein Ort, in dem kaum eine Nacht vergeht,
ohne dass die israelische Armee einmarschiert, Häuser stürmt und Menschen
verletzt, verschleppt oder erschießt. Man findet dort niemanden der nicht in
den letzten Jahren Verwandte verloren hat. Nach 23 Uhr sind die sonst völlig
übervölkerten Straßen wie ausgestorben, da jeden Moment israelische Jeeps um
die Ecke biegen können. Die Menschen haben sogar Angst auf Dächern oder
hinter Fenstern zu sitzen, weil die Armee oft einfach wahllos das Feuer
eröffnet. Neben Gaza und Nablus ist Jenin sicher der gewalttätigste Ort
Palästinas. Es gibt Erfahrungen, die ich mir vorher hätte niemals vorstellen
können: sich plötzlich selbst hinter einer Mauer vor Gewehrfeuer verstecken
zu müssen, am Morgen die Nachricht zu bekommen, dass das Kind mit dem man
gestern Fußball gespielt hat mit Bauchschuss im Krankenhaus liegt oder
leider auch den Tot von Freunden mitzuerleben. Nun ging dieser alltägliche
Terror natürlich nicht nur an mir, sondern auch an den Menschen, die
permanent dort leben, nicht spurlos vorbei. Kinder und Jugendliche sind
traumatisiert, leiden unter Entwicklungsstörungen, sehen keine Perspektive
für ihr Leben, was auch zu viel Gewalt und Verdächtigungen untereinander
führt. Andererseits gibt es dort die selbstlosesten und großzügigsten
Menschen, die man sich vorstellen kann. Die gegenseitige Solidarität und
Hilfe ist vielleicht das Einzige, was ein Leben in solchen Orten wie Jenin
überhaupt möglich macht.
MM: Sie Betreiben seit ihrer Rückkehr die
Homepage www.ism-germany.net. Wer ist ISM, und was muss man sich unter dem
deutschen Ableger vorstellen?
Köhler: ISM, International Solidarity
Movement, ist eine Bewegung die vor einigen Jahren von einer Israelin und
einem Palästinenser auf dem Höhepunkt der Al-Aqsa Intifada gegründet wurde,
um, einfach gesagt, Menschen aus aller Welt zu motivieren, in Solidarität
mit Palästinensern zu stehen. Was schon etwas anklang ist, dass
Palästinenser oft völlig schutzlos den Folgen der israelischen Besatzung
ausgeliefert sind. Deshalb ist das Ziel von ISM, durch die Präsenz von
Ausländern den Rassismus des israelischen Staates, d.h. den Fakt, dass die
israelische Armee jeden besser behandelt als die einheimische Bevölkerung,
in einen Vorteil für die Palästinenser zu verwandeln. Z.B. bedeutet dies,
dass auf Demonstrationen keine scharfe Munition eingesetzt wird, wenn
Ausländer anwesend sind. Es bedeutet z.B. auch, dass ein Soldat an einem
Checkpoint seltener einen Palästinenser verprügelt, wenn er weiß, dass ihn
jemand dabei filmt und das Video morgen auf Al-Jazeera oder im israelischen
Fernsehen läuft. Darüber hinaus nutzen wir natürlich die Möglichkeiten, die
sich durch die nationalen und sozialen Hintergründe der ISMer ergeben. D.h.
ein kanadischer Journalist, der sich ISM anschließt, hat natürlich ganz
andere Zugänge zur kanadischen Presse, als ein palästinensischer Bauer und
nach seiner Rückkehr trägt er seine Erfahrungen in seine Gemeinde, Schule,
Arbeitsstätte usw. Kurz gesagt ISM will durch diese internationale Präsenz
erstens Schutz bieten, wie z.B. indem wir bei Militäroperationen einfach
gesagt im Weg stehen oder bei Ausgangssperren die Menschen mit Wasser und
Medikamenten versorgen. Zweitens unterstützen wir den gewaltlosen
Widerstand, wie z.B. bei Demonstrationen gegen die Mauer und drittens wollen
wir mit unserer Arbeit durch Berichte, Videos, Redetouren usw.
Öffentlichkeit erzeugen. Wichtig ist uns dabei, dass ISM in Palästina von
Palästinensern geführt wird und alle unsere Aktionen die Initiative der
Betroffenen voraus setzen. D.h. wenn eine Straßensperre die Zufahrt zu einem
Dorf absperrt, entscheiden wir Ausländer nicht darüber sie abzureißen. Wenn
ein palästinensischer Bauer Schutz bei der Olivenernte braucht, muss die
Initiative von ihm erfolgen. Letztendlich kennen die Palästinenser nicht nur
die Folgen der Besatzung und die Möglichkeiten sich zu Wehr zu setzen am
bestens, sondern sind letztendlich auch sie es, die mit möglichen
israelischen Vergeltungsaktionen rechnen müssen.
Bei ISM-Germany.net geht es vor allem um
Öffentlichkeitsarbeit. Eine Ursache dafür, dass die Öffentlichkeit in
Deutschland dem Problem der Palästinenser entweder mit Ignoranz oder aus der
Sicht "israelischer Sicherheitsinteressen" gegenüber steht ist, dass es kaum
Möglichkeiten gibt sich deutschsprachig über die täglichen Verbrechen in
Palästina zu informieren. Die Masse der Toten, Verletzten, Gefangenen, die
tausenden Menschen, die durch Checkpoints in kleinen Enklaven gefangen
gehalten werden, die täglichen Enteignungen, die Diskriminierungen usw.
finden selbst in linken Medien nicht statt. Die Website soll diese Lücke
zumindest teilweise schließen. Darüber hinaus will ISM-Germany die Arbeit
von ISM in Palästina unterstützen. D.h. wir versuchen, durch Vorträge,
Info-Veranstaltungen und die Website nicht nur zu informieren, sondern auch
zu motivieren mit ISM oder anderen Menschenrechtsgruppen in Palästina aktiv
zu werden.
MM: Teilweise berichten Sie ja auch
schonungslos Dinge, die in den üblichen deutschen Medien nie Erwähnung
finden. Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus?
Köhler: Ehrlich gesagt, nein. Nicht nur im
Falle Palästinas ist es doch illusorisch anzunehmen, man könnte sich gegen
Unrecht einsetzen, welches von der deutschen Politik und großen Teilen der
Gesellschaft unterstützt wird, ohne auf Gegenwehr zu stoßen. Klar ist auch,
dass es schwer ist sachliche Argumente für Vertreibung, Mord und Enteignung
zu finden und deshalb zwangsläufig unsachlich und hetzerisch argumentiert
wird. Ich glaube es ist wichtig zu wissen, warum und für wen man es tut,
dann fällt es bei den täglichen Anfeindungen auch leichter Kurs zu halten.
Bei aller Kritik, bleiben die Gefahren meines persönlichen Einsatzes hier in
Deutschland doch verglichen mit den Menschen über die wir berichten relativ
gering. Darüber hinaus will ich auch nicht jeden unbelehrbaren
Spiegel-"Experten“ oder rassistischen Kapuzenträger überzeugen, geschweige
denn meine Arbeit nach deren Erwartungen ausrichten. Deshalb halte ich
relativ wenig davon neben jeden kritischen Artikel mich präventiv von allen
möglichen Vorwürfen zu distanzieren oder die Berichterstattung auf
überkonfessionelle Kindergärten in Jerusalem zu beschränken. Unser
Ansprechpartner ist die überwiegende Mehrheit der Öffentlichkeit, die kaum
die Chance hat sich objektiv zu informieren, über das Leid der Menschen vor
Ort aufzuklären.
MM: Viele Palästinenser - so der Eindruck
hier - können kaum noch unterscheiden zwischen Israelis, die Sie besetzt
halten, und Juden im Allgemeinen. Ist es wirklich so? Wie sieht es mit
jüdischer Unterstützung der Palästinenser aus?
Köhler: Natürlich sind 60 Jahre Vertreibung,
Besatzung und Gewalt nicht spurlos an den Menschen vorbei gegangen. Leider
zu oft nahm und nimmt die israelische Regierung für sich in Anspruch für das
Judentum und das jüdische Volk zu sprechen und zu handeln. Ich denke auch
für viele Menschen in Europa sind die Begriffe "jüdisches Volk" und "Israel"
fast untrennbar miteinander verbunden. Von daher sollte man da von den
Palästinensern kein größeres Abstraktionsvermögen erwarten, besonders wenn
angeblich jüdische Interessen immer wieder zur Legitimation von Verbrechen
ihnen gegenüber missbraucht werden.
Hinzu kommt, dass neben der rhetorischen Ebene, der
Alltag der Palästinenser die Gleichsetzung noch zu bestätigen scheint. Auf
Grund der israelischen Abriegelung ist es für die meisten Menschen unmöglich
in Kontakt mit dem "normalen" Israeli auf der Straße zu treten. Oft sind die
einzigen Juden im palästinensischen Leben Soldaten, die mich jeden Morgen am
Checkpoint erniedrigen, die Siedler, die mein Ackerland besetzt haben und
der Panzerfahrer, der das Haus meines Bruder in die Luft gesprengt hat.
Trotzdem muss man sagen, dass diese Ressentiments, die es übrigens auf
beiden Seiten gibt, oberflächlich sind und genauso schnell wieder ins
Gegenteil umschlagen können und deshalb nichts mit geschichtlich gewachsenem
Antisemitismus zu tun haben, wie wir ihn aus Europa kennen. Persönlich wurde
mir dies auf einer meiner ersten Demos, ich glaube es war nahe Nablus,
bewusst, als einige Kinder uns am Eingang des Dorfes mit Shalom,
Shalom-Rufen begrüßten und ganz stolz mit uns händchenhaltend durch das Dorf
liefen und das weil sie uns fälschlicherweise für jüdische Israelis
hielten. Palästinenser erleben Israelis eben auch oft als Aktivisten, die
sich jede Woche in der ersten Reihe palästinensischer Demonstrationen von
israelischen Soldaten verprügeln lassen. Es gibt kaum einen Aspekt der
Besatzung gegen den jüdisch-israelische Organisationen nicht prominent
Stellung nehmen B’Tselem ist die größte Menschenrechtorganisation in der
Region, ICAHD engagiert sich gegen Hauszerstörungen und hilft Palästinensern
ihre Wohnungen wieder aufzubauen, AatW organisiert Demonstrationen und
andere Arten gewaltlosen Widerstands, Yesh Din macht z.B. auf die
Rechtlosigkeit der Palästinenser vor israelischen Gerichten, Peace Now auf
den Siedlungsbau aufmerksam und es gibt wahrscheinlich keine größeren
Kritiker des Zionismus als einige jüdisch-orthodoxe Gruppen in Jerusalem.
Zudem haben unzählige großartige jüdische Anwälte, Journalisten und
Publizisten viel dazu beigetragen haben, dass Palästinenser, im Gegensatz zu
vielen anderen unterdrückten Gruppen in der Welt eine zumindest leise Stimme
haben. Mit all denen arbeiten Palästinenser täglich zusammen und das hält
natürlich davon ab, dass sich irgendwelche Vorurteile aufbauen.
MM: Wie stehen Sie zu dem gewaltsamen
Widerstand von Besetzten gegen ihre Besatzer?
Köhler: Mit ihrer Fragestellung sagen sie es
ja schon selbst, dass es sich bei palästinensischer Gewalt, um Widerstand
von Besetzten gegen Besatzer handelt. Dass dieses Widerstandsrecht besteht,
haben die Vereinten Nationen seit den 70ern immer wieder in Resolutionen
bestätigt. Trotzdem halte ich nicht wirklich viel davon aus blinder
Solidarität jede Gewaltanwendung von palästinensischer Seite zu
rechtfertigen, vor allem nicht wenn sie sich völlig ziellos gegen die
Zivilbevölkerung richtet. Gemessen an dem Grad an Unterdrückung und Gewalt
von israelischer Seite, ist es aber erstaunlich, wie wenig gewaltsamen
Widerstand es eigentlich gibt. Israel hat in den vergangenen Jahren einen
recht guten Job gemacht jeglichen organisierten Widerstand zu eliminieren.
Die Mehrzahl derer, die uns heute als Widerstandskämpfer oder Terroristen
verkauft werden, sind junge Palästinenser, die sich in kleinen Gruppe Abends
hinter Mauern verstecken und versuchen mit Gewehren, mit denen sie nie
gelernt haben umzugehen, auf israelische Panzer schießen, um so ihrer
Verhaftung oder Tötung zu entgehen was man weder als organisierter
Widerstand, schon gar nicht als Terrorismus, sondern eher als
Selbstverteidigung bezeichnen sollte. Die einzige Ausnahme stellt wohl
zurzeit die Hamas dar, deren gewaltsame Aktionen zumindest ansatzweise in
ein Gesamtkonzept aus gewaltlosen und gewalttätigen Widerstand,
Demonstrationen, Öffentlichkeitsarbeit und diplomatischen Initiativen
eingebunden sind.
MM: In wie weit haben denn die Menschen
Vorort überhaupt eine Hoffnung auf ernsthaften Frieden?
Köhler: Das palästinensische Volk ist, wie
es mir scheint, im Laufe der Jahre unglaublich müde und hoffnungslos
geworden. Nach den vielen erfolglosen Bemühungen der vergangenen Jahre, ob
es nun die sogenannten "Friedensverhandlungen" oder die Intifadas waren, war
das Ergebnis immer nur eine Verschärfung der Besatzungspolitik, eine Zunahme
der Gewalt und eine konstante Verschlechterung der Lebensbedingung. Ein
Großteil der Menschen mit denen ich Kontakt hatte, haben nicht nur deshalb
ihr Engagement für eine langfristige Lösung aufgeben, sondern an sich jede
Hoffnung auf Besserung, geschweige denn auf einen ernsthaften Frieden
verloren. Stattdessen ziehen sie sich ins Private zurück und versuchen dort
zumindest ein wenig Glück zu finden. Verhandlungen mit Israel auch wenn sie
zur weiteren Aufgabe der eigenen Rechte führen sind zumindest mit der
Hoffnung auf einen Rückgang der Gewalt und im besten Fall eine Verbesserung
der Bewegungsfreiheit und wirtschaftlichen Situation verbunden. Ein
israelischer Journalist schrieb Anfang der 90er zu Beginn der
"Friedensverhandlungen" einmal, dass Israel vorhabe die palästinensischen
Gebiete in ein Kriegsgefangenenlager zu verwandeln, in dem die Insassen
bestimmte Tätigkeiten, wie Kochen und sportliche Aktivitäten, autonom
organisieren könnten. Die Bauarbeiten sind mittlerweile abgeschlossen und
für viele Palästinenser stellt sich nur noch die Frage ob es für die
Verbesserung der Haftbedingungen ausreicht sich möglichst unauffällig zu
verhalten oder ob ich als Häftling gezwungen werde, mich an den Aufgaben der
Wächter zu beteiligen. Die Frage eines möglichen Friedens gehört für die
nähere Zukunft wohl eher in den Bereich politischer Debatten idealistischer
Europäer.
MM: Abschließend dann doch die Nachfrage:
Und worin besteht dann überhaupt Hoffnung?
Köhler: Ehrlich gesagt habe ich keine
Ahnung, was möglich sein wird. Ich denke aber, dass Hoffnung nichts
märchenhaft Fatalistisches sein darf, die uns verspricht, dass letztendlich
irgendwie doch alles gut werden wird. Wenn es Hoffnung gibt, dann liegt
diese im Tätigwerden von Millionen von besetzten und vertriebenen
Palästinensern selbst. Trotz aller Initiativen von Filmfestivals bis
gewalttätigem Widerstand, ist der viel beschworene palästinensische Kampf
doch zu einem ziemlichen Minderheitenphänomen geworden was bei all der
Unterdrückung natürlich nicht verwunderlich ist. Trotz aller
pro-israelischen Soli-Gruppen, Lobbys usw. haben die Palästinenser alles was
sie brauchen auf ihrer Seite das Völkerrecht, die moralische Legitimation,
die Statistiken, selbst oft genug die Fernsehbilder, nur müssen sie dies
eben auch nutzen. D.h. die Geschichte vom enteigneten Bauer kann zwar sehr
rührend sein, doch lässt sich die Mauer mit Verweis auf die Entscheidung des
Internationalen Gerichtshofes eben viel besser delegitimieren. Und eine
Widerstandsaktion kommt natürlich in der westlichen Presse sehr viel besser
an, wenn sie durch jemanden verkauft wird, der fließend Englisch spricht,
anstatt durch ein paar Vermummte mit Kalaschnikow. Wichtig, damit diese
Initiativen zum Massenphänomen werden, ist aber auch, dass wir die
Palästinenser spüren lassen, dass ihr Kampf irgendwo ankommt und, dass sie
noch nicht von der ganzen Welt verlassen sind. Dann, denke ich, wird es auch
wieder möglich sein zu hoffen.
MM: Herr Köhler, wir danken für das
Interview.
Köhler: Bitteschön