Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Fabian Köhler
 

Muslim-Markt interviewt
Fabian Köhler, Betreiber der Homepage ism-germany.net

20.5.2006

Fabian Köhler (Jahrgang 1983) ist in Weimar geboren. Nach seiner Schulausbildung und Zivildienst in Erfurt begann er 2003 mit dem Magisterstudium der Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In diesem Zusammenhang führten ihn mehrere Reisen in den Nahen Osten, unter anderem zu Arabisch-Kursen nach Damaskus.

Nebenbei engagierte er sich bei verschiedenen soziologischen Forschungsprojekten und war von 2004-2006 bei Amnesty International Jena zum Thema China-Menschenrechtsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Seit April 2008 ist er Chefredakteur der Jenaer Hochschulzeitschrift "Unique".

2007 verbrachte er ein halbes Jahr in Palästina, absolvierte erst ein Praktikum bei der Konrad Adenauer Stiftung in Ramallah und wurde dann bei der Menschenrechtsorganisation "International Solidarity Movement" (ISM) vor allem in Hebron und im Flüchtlingslager Jenin aktiv. In Letzterem volontierte er einige Wochen in einem Kulturzentrum. Nach seiner Rückkehr engagierte er sich beim deutschen Ableger von ISM und betreibt seitdem die Website www.ism-germany.net.

MM: Sehr geehrte Herr Köhler, was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet ab 2003 Islamwissenschaften zu studieren, winkte der sichere Arbeitsplatz beim Verfassungsschutz?

Köhler: Tatsächlich wird man bei uns im Institut immer mal wieder mit Stellenausschreibungen oder einem Gastvortrag des BND oder Auswärtigen Amtes überrascht. Ich glaube ich verpasste damals den Einschreibungstermin für Afrikanistik in Leipzig und schwankte von einem skurrilen Studienfach zum anderen bis ich schließlich irgendwann bei Islamwissenschaft landete. Schließlich hatte das, nach meinem damaligen sehr begrenzten Wissen über den Islam, wohl auch irgendwas mit Afrika zu tun. Die wirkliche Begeisterung für das Thema kam dann aber erst, als ich nach dem ersten Semester zum ersten Mal nach Syrien fuhr und dort eben auch zum ersten Mal Kontakt mit Muslimen und der arabischen Kultur hatte. Leider wird die universitäre Bildung in keiner Weise den Facetten des Themas gerecht und so fand mein eigentliches Islam(wissenschafts)studium seitdem eher in syrischen Moscheen und jordanischen Wasserpfeifencafés, als in der Uni statt. Rückblickend hat das Studium sicherlich mein Leben in recht interessante Bahnen gelenkt, das Interesse für andere Kulturen und unterschiedliche Sicht- und Denkweisen entfacht. Mit dem Verfassungsschutz wird es allein deshalb wohl nichts mehr.

MM: Während ihres Studiums haben Sie sich entschlossen sechs Monate in Palästina zu verbringen, wie kam es dazu?

Köhler: Das kam ähnlich zufällig, wie die Entscheidung für mein Studium. Ich bewarb mich für verschiedene Praktika von Pakistan bis Kenia, von Flüchtlingsorganisationen bis zur Konrad-Adenauer Stiftung. Eine der Zusagen kam dann schließlich von Letzterer aus Ramallah. Leider merkte ich dann auch relativ schnell, dass deren Arbeit recht wenig mit den wirklichen Problemen vor Ort zu tun und mehr aus Händeschütteln und darauf zu achten besteht, möglichst nirgends anzuecken. Nach zwei Monaten brach ich das Praktikum ab und machte mich bei verschiedenen kulturellen und sozialen NGOs auf die Suche nach einer neuen Beschäftigung. In Ramallah, welches völlig zugepflastert mit NGOs ist, wird einem schnell bewusst, dass es Palästina aber nicht unbedingt an mehr oder weniger gut ausgebildeten Europäern mangelt, die von interkulturellem Schwimmunterricht bis hin zu Projekten zur Bewahrung des deutschen Reinheitsgebotes so ziemlich alles anbieten. Wobei dies natürlich auch nicht unbedingt die Hilfe ist, die Palästinenser brauchen. Zwischenzeitlich lernte ich im palästinensischen Dorf Bil’in eine Welt kennen, die mir bis dahin in Palästina völlig fremd geblieben war - die des gewaltlosen Widerstandes gegen die Besatzung. Vor allem die israelischen Reaktionen auf solche Demonstrationen, aber auch der Alltag an den Checkpoints oder den ein oder anderen Armeeeinmarsch, den ich zufällig miterlebte, zeigten mir, dass es eigentlich nur eins gibt, was die Palästinenser kaum alleine können, nämlich sich vor der israelischen Besatzung zu schützen und sich gegen sie zur Wehr setzten und so kam ich dann zu ISM.

MM: Wie waren ihre Erfahrungen in Hebron, wo sie immerhin zwei Monate waren? Was haben Sie erlebt?

Köhler: Was Hebron besonders macht ist, dass es neben Jerusalem die einzige palästinensische Stadt ist, in der israelische Siedler leben. Für zehntausende Palästinenser sind die Siedler und die sie beschützende israelische Armee leider das, was den Großteil des Alltags bestimmt. In dem israelisch besetzten Teil Hebrons sind Palästinenser praktisch rechtlos. Es gibt keine Polizei, die sie beschützt, keine Verwaltung, die sich um ihre Belange kümmert, es gibt nicht einmal Kranken- oder Feuerwehrwagen, da es Palästinensern nicht erlaubt ist Auto zufahren. Viele Menschen haben Angst auf die Straße zu gehen, einfach um einzukaufen, zur Schule oder zum Gebet zu gehen, weil sie jederzeit Opfer von Übergriffen durch Siedler oder Soldaten werden können. Immer wieder stürmen Siedler palästinensische Wohnhäuser, verletzten oder töten Palästinenser oder die Armee verhängt Ausgangssperren. Glücklicherweise hat sich die Situation in den letzten zwei Jahren, seitdem verschiedene Menschenrechtsorganisationen präsent sind, etwas verbessert. Wir z.B. begleiteten täglich die Kinder auf dem Schulweg, überwachten Checkpoints, dokumentierten Verhaftungen und gewalttätige Übergriffe, und es war schon sehr überraschend zu sehen, dass allein dadurch mit einer Kamera präsent zu sein, das Gewaltniveau reduziert werden kann. Trotzdem gab es täglich Gewalt auch uns gegenüber. Ein griechischer ISMer wurde so schwer verprügelt, dass er einige Zeit im Krankenhaus verbringen musste und einer Schwedin wurde mit einer Flasche der Wangenknochen zertrümmert. Ich wurde zwei oder dreimal von Siedlern körperlich angegriffen, zum Glück aber nur leicht verletzt und einige Male verhaftet. In einem Fall schafften wir es den Siedler allerdings vor Gericht zu bringen, etwas was im Falle eines palästinensischen Opfers unmöglich wäre. Insgesamt gesagt ist Hebron, speziell Tel Rumeida, ein unglaublich bedrückender Ort. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 80%, viele Palästinenser scheinen jede Lebensfreude verloren zu haben. Gleichzeitig zeigt es aber auch, wie viel man mit etwas Öffentlichkeit erreichen kann.

MM: Bitte berichten Sie uns auch von dem Flüchtlingslager Jenin, in dem Sie tätig waren?

Köhler: Jenin war sicherlich die Zeit in Palästina, vielleicht in meinem Leben, die mich einerseits am meisten bereichert, anderseits auch im negativen Sinn am weitesten an meine Grenzen gebracht hat. Das Flüchtlingslager Jenin ist ein Ort in dem auf weniger als einem Quadratkilometer mehr als 15.000 Menschen in völliger Abhängigkeit von UN-Hilfe leben. Es ist leider auch ein Ort, in dem kaum eine Nacht vergeht, ohne dass die israelische Armee einmarschiert, Häuser stürmt und Menschen verletzt, verschleppt oder erschießt. Man findet dort niemanden der nicht in den letzten Jahren Verwandte verloren hat. Nach 23 Uhr sind die sonst völlig übervölkerten Straßen wie ausgestorben, da jeden Moment israelische Jeeps um die Ecke biegen können. Die Menschen haben sogar Angst auf Dächern oder hinter Fenstern zu sitzen, weil die Armee oft einfach wahllos das Feuer eröffnet. Neben Gaza und Nablus ist Jenin sicher der gewalttätigste Ort Palästinas. Es gibt Erfahrungen, die ich mir vorher hätte niemals vorstellen können: sich plötzlich selbst hinter einer Mauer vor Gewehrfeuer verstecken zu müssen, am Morgen die Nachricht zu bekommen, dass das Kind mit dem man gestern Fußball gespielt hat mit Bauchschuss im Krankenhaus liegt oder leider auch den Tot von Freunden mitzuerleben. Nun ging dieser alltägliche Terror natürlich nicht nur an mir, sondern auch an den Menschen, die permanent dort leben, nicht spurlos vorbei. Kinder und Jugendliche sind traumatisiert, leiden unter Entwicklungsstörungen, sehen keine Perspektive für ihr Leben, was auch zu viel Gewalt und Verdächtigungen untereinander führt. Andererseits gibt es dort die selbstlosesten und großzügigsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Die gegenseitige Solidarität und Hilfe ist vielleicht das Einzige, was ein Leben in solchen Orten wie Jenin überhaupt möglich macht.

MM: Sie Betreiben seit ihrer Rückkehr die Homepage www.ism-germany.net. Wer ist ISM, und was muss man sich unter dem deutschen Ableger vorstellen?

Köhler: ISM, International Solidarity Movement, ist eine Bewegung die vor einigen Jahren von einer Israelin und einem Palästinenser auf dem Höhepunkt der Al-Aqsa Intifada gegründet wurde, um, einfach gesagt, Menschen aus aller Welt zu motivieren, in Solidarität mit Palästinensern zu stehen. Was schon etwas anklang ist, dass Palästinenser oft völlig schutzlos den Folgen der israelischen Besatzung ausgeliefert sind. Deshalb ist das Ziel von ISM, durch die Präsenz von Ausländern den Rassismus des israelischen Staates, d.h. den Fakt, dass die israelische Armee jeden besser behandelt als die einheimische Bevölkerung, in einen Vorteil für die Palästinenser zu verwandeln. Z.B. bedeutet dies, dass auf Demonstrationen keine scharfe Munition eingesetzt wird, wenn Ausländer anwesend sind. Es bedeutet z.B. auch, dass ein Soldat an einem Checkpoint seltener einen Palästinenser verprügelt, wenn er weiß, dass ihn jemand dabei filmt und das Video morgen auf Al-Jazeera oder im israelischen Fernsehen läuft. Darüber hinaus nutzen wir natürlich die Möglichkeiten, die sich durch die nationalen und sozialen Hintergründe der ISMer ergeben. D.h. ein kanadischer Journalist, der sich ISM anschließt, hat natürlich ganz andere Zugänge zur kanadischen Presse, als ein palästinensischer Bauer und nach seiner Rückkehr trägt er seine Erfahrungen in seine Gemeinde, Schule, Arbeitsstätte usw. Kurz gesagt ISM will durch diese internationale Präsenz erstens Schutz bieten, wie z.B. indem wir bei Militäroperationen einfach gesagt im Weg stehen oder bei Ausgangssperren die Menschen mit Wasser und Medikamenten versorgen. Zweitens unterstützen wir den gewaltlosen Widerstand, wie z.B. bei Demonstrationen gegen die Mauer und drittens wollen wir mit unserer Arbeit durch Berichte, Videos, Redetouren usw. Öffentlichkeit erzeugen. Wichtig ist uns dabei, dass ISM in Palästina von Palästinensern geführt wird und alle unsere Aktionen die Initiative der Betroffenen voraus setzen. D.h. wenn eine Straßensperre die Zufahrt zu einem Dorf absperrt, entscheiden wir Ausländer nicht darüber sie abzureißen. Wenn ein palästinensischer Bauer Schutz bei der Olivenernte braucht, muss die Initiative von ihm erfolgen. Letztendlich kennen die Palästinenser nicht nur die Folgen der Besatzung und die Möglichkeiten sich zu Wehr zu setzen am bestens, sondern sind letztendlich auch sie es, die mit möglichen israelischen Vergeltungsaktionen rechnen müssen.

Bei ISM-Germany.net geht es vor allem um Öffentlichkeitsarbeit. Eine Ursache dafür, dass die Öffentlichkeit in Deutschland dem Problem der Palästinenser entweder mit Ignoranz oder aus der Sicht "israelischer Sicherheitsinteressen" gegenüber steht ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt sich deutschsprachig über die täglichen Verbrechen in Palästina zu informieren. Die Masse der Toten, Verletzten, Gefangenen, die tausenden Menschen, die durch Checkpoints in kleinen Enklaven gefangen gehalten werden, die täglichen Enteignungen, die Diskriminierungen usw. finden selbst in linken Medien nicht statt. Die Website soll diese Lücke zumindest teilweise schließen. Darüber hinaus will ISM-Germany die Arbeit von ISM in Palästina unterstützen. D.h. wir versuchen, durch Vorträge, Info-Veranstaltungen und die Website nicht nur zu informieren, sondern auch zu motivieren mit ISM oder anderen Menschenrechtsgruppen in Palästina aktiv zu werden.

MM: Teilweise berichten Sie ja auch schonungslos Dinge, die in den üblichen deutschen Medien nie Erwähnung finden. Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus?

Köhler: Ehrlich gesagt, nein. Nicht nur im Falle Palästinas ist es doch illusorisch anzunehmen, man könnte sich gegen Unrecht einsetzen, welches von der deutschen Politik und großen Teilen der Gesellschaft unterstützt wird, ohne auf Gegenwehr zu stoßen. Klar ist auch, dass es schwer ist sachliche Argumente für Vertreibung, Mord und Enteignung zu finden und deshalb zwangsläufig unsachlich und hetzerisch argumentiert wird. Ich glaube es ist wichtig zu wissen, warum und für wen man es tut, dann fällt es bei den täglichen Anfeindungen auch leichter Kurs zu halten. Bei aller Kritik, bleiben die Gefahren meines persönlichen Einsatzes hier in Deutschland doch verglichen mit den Menschen über die wir berichten relativ gering. Darüber hinaus will ich auch nicht jeden unbelehrbaren Spiegel-"Experten“ oder rassistischen Kapuzenträger überzeugen, geschweige denn meine Arbeit nach deren Erwartungen ausrichten. Deshalb halte ich relativ wenig davon neben jeden kritischen Artikel mich präventiv von allen möglichen Vorwürfen zu distanzieren oder die Berichterstattung auf überkonfessionelle Kindergärten in Jerusalem zu beschränken. Unser Ansprechpartner ist die überwiegende Mehrheit der Öffentlichkeit, die kaum die Chance hat sich objektiv zu informieren, über das Leid der Menschen vor Ort aufzuklären.

MM: Viele Palästinenser - so der Eindruck hier - können kaum noch unterscheiden zwischen Israelis, die Sie besetzt halten, und Juden im Allgemeinen. Ist es wirklich so? Wie sieht es mit jüdischer Unterstützung der Palästinenser aus?

Köhler: Natürlich sind 60 Jahre Vertreibung, Besatzung und Gewalt nicht spurlos an den Menschen vorbei gegangen. Leider zu oft nahm und nimmt die israelische Regierung für sich in Anspruch für das Judentum und das jüdische Volk zu sprechen und zu handeln. Ich denke auch für viele Menschen in Europa sind die Begriffe "jüdisches Volk" und "Israel" fast untrennbar miteinander verbunden. Von daher sollte man da von den Palästinensern kein größeres Abstraktionsvermögen erwarten, besonders wenn angeblich jüdische Interessen immer wieder zur Legitimation von Verbrechen ihnen gegenüber missbraucht werden.

Hinzu kommt, dass neben der rhetorischen Ebene, der Alltag der Palästinenser die Gleichsetzung noch zu bestätigen scheint. Auf Grund der israelischen Abriegelung ist es für die meisten Menschen unmöglich in Kontakt mit dem "normalen" Israeli auf der Straße zu treten. Oft sind die einzigen Juden im palästinensischen Leben Soldaten, die mich jeden Morgen am Checkpoint erniedrigen, die Siedler, die mein Ackerland besetzt haben und der Panzerfahrer, der das Haus meines Bruder in die Luft gesprengt hat. Trotzdem muss man sagen, dass diese Ressentiments, die es übrigens auf beiden Seiten gibt, oberflächlich sind und genauso schnell wieder ins Gegenteil umschlagen können und deshalb nichts mit geschichtlich gewachsenem Antisemitismus zu tun haben, wie wir ihn aus Europa kennen. Persönlich wurde mir dies auf einer meiner ersten Demos, ich glaube es war nahe Nablus, bewusst, als einige Kinder uns am Eingang des Dorfes mit Shalom, Shalom-Rufen begrüßten und ganz stolz mit uns händchenhaltend durch das Dorf liefen ­ und das weil sie uns fälschlicherweise für jüdische Israelis hielten. Palästinenser erleben Israelis eben auch oft als Aktivisten, die sich jede Woche in der ersten Reihe palästinensischer Demonstrationen von israelischen Soldaten verprügeln lassen. Es gibt kaum einen Aspekt der Besatzung gegen den jüdisch-israelische Organisationen nicht prominent Stellung nehmen ­ B’Tselem ist die größte Menschenrechtorganisation in der Region, ICAHD engagiert sich gegen Hauszerstörungen und hilft Palästinensern ihre Wohnungen wieder aufzubauen, AatW organisiert Demonstrationen und andere Arten gewaltlosen Widerstands, Yesh Din macht z.B. auf die Rechtlosigkeit der Palästinenser vor israelischen Gerichten, Peace Now auf den Siedlungsbau aufmerksam und es gibt wahrscheinlich keine größeren Kritiker des Zionismus als einige jüdisch-orthodoxe Gruppen in Jerusalem. Zudem haben unzählige großartige jüdische Anwälte, Journalisten und Publizisten viel dazu beigetragen haben, dass Palästinenser, im Gegensatz zu vielen anderen unterdrückten Gruppen in der Welt eine zumindest leise Stimme haben. Mit all denen arbeiten Palästinenser täglich zusammen und das hält natürlich davon ab, dass sich irgendwelche Vorurteile aufbauen.

MM: Wie stehen Sie zu dem gewaltsamen Widerstand von Besetzten gegen ihre Besatzer?

Köhler: Mit ihrer Fragestellung sagen sie es ja schon selbst, dass es sich bei palästinensischer Gewalt, um Widerstand von Besetzten gegen Besatzer handelt. Dass dieses Widerstandsrecht besteht, haben die Vereinten Nationen seit den 70ern immer wieder in Resolutionen bestätigt. Trotzdem halte ich nicht wirklich viel davon aus blinder Solidarität jede Gewaltanwendung von palästinensischer Seite zu rechtfertigen, vor allem nicht wenn sie sich völlig ziellos gegen die Zivilbevölkerung richtet. Gemessen an dem Grad an Unterdrückung und Gewalt von israelischer Seite, ist es aber erstaunlich, wie wenig gewaltsamen Widerstand es eigentlich gibt. Israel hat in den vergangenen Jahren einen recht guten Job gemacht jeglichen organisierten Widerstand zu eliminieren. Die Mehrzahl derer, die uns heute als Widerstandskämpfer oder Terroristen verkauft werden, sind junge Palästinenser, die sich in kleinen Gruppe Abends hinter Mauern verstecken und versuchen mit Gewehren, mit denen sie nie gelernt haben umzugehen, auf israelische Panzer schießen, um so ihrer Verhaftung oder Tötung zu entgehen ­ was man weder als organisierter Widerstand, schon gar nicht als Terrorismus, sondern eher als Selbstverteidigung bezeichnen sollte. Die einzige Ausnahme stellt wohl zurzeit die Hamas dar, deren gewaltsame Aktionen zumindest ansatzweise in ein Gesamtkonzept aus gewaltlosen und gewalttätigen Widerstand, Demonstrationen, Öffentlichkeitsarbeit und diplomatischen Initiativen eingebunden sind.

MM: In wie weit haben denn die Menschen Vorort überhaupt eine Hoffnung auf ernsthaften Frieden?

Köhler: Das palästinensische Volk ist, wie es mir scheint, im Laufe der Jahre unglaublich müde und hoffnungslos geworden. Nach den vielen erfolglosen Bemühungen der vergangenen Jahre, ob es nun die sogenannten "Friedensverhandlungen" oder die Intifadas waren, war das Ergebnis immer nur eine Verschärfung der Besatzungspolitik, eine Zunahme der Gewalt und eine konstante Verschlechterung der Lebensbedingung. Ein Großteil der Menschen mit denen ich Kontakt hatte, haben nicht nur deshalb ihr Engagement für eine langfristige Lösung aufgeben, sondern an sich jede Hoffnung auf Besserung, geschweige denn auf einen ernsthaften Frieden verloren. Stattdessen ziehen sie sich ins Private zurück und versuchen dort zumindest ein wenig Glück zu finden. Verhandlungen mit Israel auch wenn sie zur weiteren Aufgabe der eigenen Rechte führen sind zumindest mit der Hoffnung auf einen Rückgang der Gewalt und im besten Fall eine Verbesserung der Bewegungsfreiheit und wirtschaftlichen Situation verbunden. Ein israelischer Journalist schrieb Anfang der 90er zu Beginn der "Friedensverhandlungen" einmal, dass Israel vorhabe die palästinensischen Gebiete in ein Kriegsgefangenenlager zu verwandeln, in dem die Insassen bestimmte Tätigkeiten, wie Kochen und sportliche Aktivitäten, autonom organisieren könnten. Die Bauarbeiten sind mittlerweile abgeschlossen und für viele Palästinenser stellt sich nur noch die Frage ob es für die Verbesserung der Haftbedingungen ausreicht sich möglichst unauffällig zu verhalten oder ob ich als Häftling gezwungen werde, mich an den Aufgaben der Wächter zu beteiligen. Die Frage eines möglichen Friedens gehört für die nähere Zukunft wohl eher in den Bereich politischer Debatten idealistischer Europäer.

MM: Abschließend dann doch die Nachfrage: Und worin besteht dann überhaupt Hoffnung?

Köhler: Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was möglich sein wird. Ich denke aber, dass Hoffnung nichts märchenhaft Fatalistisches sein darf, die uns verspricht, dass letztendlich irgendwie doch alles gut werden wird. Wenn es Hoffnung gibt, dann liegt diese im Tätigwerden von Millionen von besetzten und vertriebenen Palästinensern selbst. Trotz aller Initiativen von Filmfestivals bis gewalttätigem Widerstand, ist der viel beschworene palästinensische Kampf doch zu einem ziemlichen Minderheitenphänomen geworden ­ was bei all der Unterdrückung natürlich nicht verwunderlich ist. Trotz aller pro-israelischen Soli-Gruppen, Lobbys usw. haben die Palästinenser alles was sie brauchen auf ihrer Seite ­ das Völkerrecht, die moralische Legitimation, die Statistiken, selbst oft genug die Fernsehbilder, nur müssen sie dies eben auch nutzen. D.h. die Geschichte vom enteigneten Bauer kann zwar sehr rührend sein, doch lässt sich die Mauer mit Verweis auf die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes eben viel besser delegitimieren. Und eine Widerstandsaktion kommt natürlich in der westlichen Presse sehr viel besser an, wenn sie durch jemanden verkauft wird, der fließend Englisch spricht, anstatt durch ein paar Vermummte mit Kalaschnikow. Wichtig, damit diese Initiativen zum Massenphänomen werden, ist aber auch, dass wir die Palästinenser spüren lassen, dass ihr Kampf irgendwo ankommt und, dass sie noch nicht von der ganzen Welt verlassen sind. Dann, denke ich, wird es auch wieder möglich sein zu hoffen.

MM: Herr Köhler, wir danken für das Interview.

Köhler: Bitteschön

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