Terrorhysterie und Putschgefahr
Vorabdruck aus Jürgen Elsässers Buch "Terrorziel Europa" (ab 11.
September 2008 im Buchhandel)*
Al Qaida hat die Atombombe. Anhänger von Osama bin Laden haben sie aus
hochangereichertem Uran zusammengebaut, das sie sich aus dem weißrussischen
Forschungsreaktor Sosny besorgt hatten. Auch das Anschlagsziel ist schon
klar: das NATO-Hauptquartier in Brüssel. Kommt Allahs Höllenfeuer über die
belgische Metropole, werden die Folgen schrecklich sein: 40 000 Tote und 300
000 Verwundete. Bei entsprechender Windrichtung zieht die radioaktive
Wolke Richtung Duisburg und Hannover. Eine halbe Million Menschen flieht
in panischer Angst vor dem tödlichen Fall-out – ein Albtraum. Der schwerste
terroristische Anschlag in der Geschichte der Menschheit.
Der Angriff hat schon stattgefunden, und zwar am 3. Mai des Jahres 2004.
Gott sei Dank nicht in der Realität, sondern im Rahmen einer Notstandsübung.
Zu diesem Zweck waren über 50 hochrangige Politiker und Experten von NATO,
EU und aus den USA zusammengekommen, darunter auch der EU-Außenbeauftragte
Javier Solana. Ihnen wurden Nachrichtensendungen aus den Tagen der fiktiven
Katastrophe präsentiert. Adrette Sprecherinnen des Senders Global Network
News und ernst dreinblickende Reporter wechselten sich ab und rapportierten
die obigen Opferzahlen, das Elend Strahlen-verseuchter Hilfstrupps, die
ohnmächtigen Reaktionen der Politiker, die ökonomischen Folgen.
Wie im echten Leben wird die Ansagerin von sogenannten Breaking News
unterbrochen. Eine Einspielung des Senders »Arab World News« folgt. Zu sehen
ist ein Bekennervideo von bin Laden. Der ultimative Bösewicht übernimmt die
Verantwortung für den Horror: »Letztes Jahr haben wir den Europäern einen
Waffenstillstand angeboten … Aber eure Politiker wollten nicht hören … Heute
konnten Sie sehen, dass unser Angebot ein Zeichen der Stärke war … Was wir
heute getan haben, können wir wieder tun.« Der Saudi spricht Arabisch, was
simultan ins Englische übersetzt wird. Der Dolmetscher hat einen
undefinierbaren orientalischen Akzent. Offensichtlich kommt er aus derselben
Weltgegend wie der Terrorist. Das macht den Clip noch authentischer.
Aber er ist nicht authentisch. Er ist gefälscht. Al Qaida hat keine
Atombombe. Das Bekennervideo ist ein Fake. Der Mann sieht aus wie bin Laden,
er spricht wie Bin Laden, er wird übersetzt wie Bin Laden, aber er ist nicht
bin Laden. Bild und Ton wurden in einem US-amerikanischen Digitallabor
erzeugt. Auftraggeber war der Think Tank, der auch die Terrorübung
veranstaltet hat: das Center for Strategic and International Studies (CSIS).
Bevor wir uns näher mit dieser Firma beschäftigen, verdient Folgendes
festgehalten zu werden: Das Bekennervideo von Osama bin Laden für einen
atomaren Anschlag in Europa ist schon fertig. Es stammt allerdings nicht von
ihm. Bleibt die Frage: Wie verhält es sich eigentlich mit den anderen
Aufnahmen des Saudis, die dem Fernsehzuschauer gezeigt wurden?
(...)
Paranoia und Hetze
Dieses Buch wird sich von fast allen deutschsprachigen Veröffentlichungen
zum Thema Terrorismus unterscheiden. Bei den Kolleginnen und Kollegen der
Journalistenzunft dominieren Paranoia und Islamophobie, und zwar unabhängig
von der jeweiligen politischen Orientierung. Nehmen wir zwei Beispiele aus
der Presselandschaft: die als linksliberal firmierende »Süddeutsche Zeitung«
und ihr konservatives Gegenstück, den »Focus«. Für die Münchner Tageszeitung
macht Annette Ramelsberger Stimmung: »Fast 400 gewaltbereite radikale
Muslime zählt die Polizei bundesweit – es sind die sogenannten Gefährder,
denen die Polizei zutraut, dass sie Anschläge planen … Aber es gibt auch
noch die anderen, die über 30 000 Muslime, die zwar einem radikalen Islam
anhängen, aber als nicht gewaltbereit gelten … Diese Leute müssen nicht
selbst zuschlagen, aber sie können anderen die Arbeit erleichtern.« Berndt
Georg Thamm, sogenannter Terrorismusexperte des »Focus«, hält das für
untertrieben. »Sicherheitspolitiker beunruhigt, dass es möglicherweise 100
000 Muslime sind, die in Deutschland das Ziel der Weltherrschaft des Islam
mit politischen Mitteln anstreben. «30 000, 100 000 – wer bietet mehr?
Operiert in Deutschland eine Untergrundarmee aus moslemischen Terroristen
und ihren Helfershelfern? Ramelsberger warnt vor der
»Beschwichtigungsmaschine …, die die drohende Gefahr bedenkenlos
kleinhäckselt«. Sie malt ein düsteres Panorama: »Die Zeichen mehren sich,
dass islamistische Gruppen, zornige Einzeltäter oder Emissäre des
Terrornetzwerkes Al Qaida versuchen, in Deutschland zuzuschlagen. Das kann
auf dem Oktoberfest in München sein oder im Hauptbahnhof von Berlin, auf dem
Rockkonzert am Nürburgring oder auf einer Ostseefähre in Rügen."
Zeitungsartikel lesen sich oft so wie die Prosaversion von
Geheimdienstberichten. Wer dagegen anschreibt, hat es schwer. Ministerien
und Dienste sind nicht besonders kooperativ, wenn ein Journalist ihre Arbeit
kritisch unter die Lupe nimmt. Dieses Buch wurde nur möglich, weil es auch
Ausnahmen gibt: unzufriedene Mitarbeiter der Behörden, die Informationen
liefern. Besonders profitiert habe ich von meiner Tätigkeit für den
BND-Untersuchungsausschuss des Bundestages, der im Mai 2006 seine Arbeit
aufnahm und mögliche Gesetzesverstöße im Zusammenhang mit dem
Antiterrorkampf zu klären hat. Zwar ist es jedem Mitarbeiter untersagt, aus
den sensiblen Dokumenten zu zitieren, die dem Gremium zur Verfügung gestellt
werden. Überdies bekam ich vom Verfassungsschutz keine Sicherheitsfreigabe,
die mir das Studium besonders brisanter Geheimakten ermöglicht hätte. Der
Staatsschutz darf nämlich genehmigen, von wem er sich kontrollieren lässt.
Obwohl ich aufgrund dieses Handicaps nur einige Monate für den Ausschuss
tätig sein konnte, erhielt ich Einblicke und Kontakte, die mir eine ganz
andere Verknüpfung der vorhandenen Informationen ermöglichten als den
meisten Kollegen. Schnell verstand ich den Leitspruch von Sherlock Holmes:
»Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache.«
Zum Inhalt des Buches
Die folgenden 300 Seiten kann man als Enzyklopädie aller europäischen
Anschläge und Anschlagsversuche lesen, für die islamistische Täter
verantwortlich gemacht wurden. Das Frappierende: In fast allen Fällen
spielten Agenten oder V-Männer von Geheimdiensten eine tragende Rolle. Mit
anderen Worten: Kein einziger dieser Morde oder Mordversuche hätte ohne die
Mithilfe der Staatssicherheit unternommen werden können.
Fast jede der erwähnten Terrorattacken lässt sich auf zwei europaweit
agierende Strukturen zurückführen. Zum einen auf das Londoner Terrornetz
rund um die Finsbury Moschee, das im zweiten Kapitel vorgestellt wird; zum
anderen auf eine süddeutsche Zelle, die sich zunächst in Freiburg
herausgebildet hat und sich von dort nach Ulm/ Neu-Ulm verlagerte. Darüber
informiert das dritte Kapitel. Während es zum ersten Täterkreis in
Großbritannien – allerdings nicht in Deutschland – bereits einige Studien
gibt, wird der zweite Kontaktring in diesem Buch erstmals in seiner ganzen
Tragweite enthüllt.
Im Einzelnen werden behandelt: die Anschläge auf das Nahverkehrsnetz in
Paris 1995 und in Nordfrankreich 1996 (Kapitel 4); der vereitelte
Bombenterror zu Weihnachten 2000 in Strasbourg (Kapitel 5); die Hamburger
Zelle um die angeblichen Flugzeugentführer des 11. September 2001 (Kapitel
6); die Mailänder Zelle (Kapitel 7); die Anschläge in Istanbul im Jahr 2003
(Kapitel 8); die Ulmer Szene und die Entführung von Khaled al Masri 2004
(Kapitel 9); das Madrider Bombeninferno am 11. März 2004 (Kapitel 10); die
Anschläge auf drei U-Bahnen und einen Bus am 7. Juli 2005 in London (Kapitel
11); die sogenannten Kofferbomber vom Kölner Hauptbahnhof 2006 (Kapitel 12);
mehrere Attentatsversuche in Berlin (Kapitel 13); die 2007 in Wien
festgenommenen sogenannten Cyber-Terroristen (Kapitel 14); und das angeblich
im September 2007 vereitelte deutsche 9/11 (Kapitel 15).
Westliche Nachrichtendienste, vor allem der britische MI5 bzw. MI6 und
die US-amerikanische CIA, blicken auf eine lange Geschichte der
Zusammenarbeit mit moslemischen und anderen Extremisten zurück. Kapitel 1
gibt einen Überblick über die Kooperation vom Afghanistankrieg der achtziger
Jahre des 20. Jahrhunderts bis zu der Epochenwende am 11. September 2001.
Kapitel 16 stellt verdeckte Operationen vor, die von der
CIA/NATO-Geheimarmee Gladio im Kalten Krieg durchgeführt wurden, und
skizziert, wie diese Untergrundarbeit nach 9/11 fortgesetzt wurde – nunmehr
nicht mehr gegen den kommunistischen, sondern gegen den islamistischen
Feind.
In Kapitel 17 wird beschrieben, wie antidemokratische Fraktionen in den
Sicherheitsapparaten durch geduldeten oder inszenierten Terror im Rahmen
einer »Strategie der Spannung« die Vorbereitungen auf einen gigantischen
Überwachungsstaat vorantreiben. Das abschließende Kapitel 18 diskutiert die
Gefahr, dass insbesondere die Hardliner in der CDU/CSU um
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble versucht sein könnten, solche
Planungen putschartig durchzusetzen.
Keine Entwarnung
Für einen solchen Putsch bräuchte es einen Terroranschlag auf deutschem
Boden. Dessen Wahrscheinlichkeit wächst, je tiefer die Bundesrepublik sich
in den globalen Krieg der USA hineinziehen lässt. Entweder der islamistische
Widerstand wird, in Vergeltung der Beteiligung von Bundeswehrsoldaten an
Gräueltaten in Afghanistan oder sonst wo, Ziele auch hierzulande angreifen.
Wer der wahnwitzigen Ansicht ist, Deutschland werde auf den Höhen des
Hindukusch verteidigt, darf sich nicht wundern, wenn die Rächer der dortigen
Opfer in den Tälern der Alpen zurückschlagen.
Oder, was wahrscheinlicher ist: Die US-geführten Geheimdienststrukturen
werden eine solche Attacke mit Hilfe moslemischer Dummies selbst
durchführen. Das Ziel: die mehrheitlich kriegsunwillige deutsche Bevölkerung
von der scheinbaren Notwendigkeit des weltweiten Antiterrorkrieges zu
überzeugen. Der transatlantische Schulterschluss ist auch die Intention des
Think Tanks, der die eingangs geschilderte Notfallübung in Brüssel
veranstaltet und das bin Laden-Bekennervideo produziert hat. Zum Center for
Strategic and International Studies (CSIS) gehören Vordenker der
US-Außenpolitik wie Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger, frühere
Minister wie Warren Christopher und Madeleine Albright, ehemalige
Sonderbotschafter wie Bob Dole und Stuart Eizenstat. Im Jahr 2003, etwa ein
Jahr vor dem fiktiven Atomterror-Szenario, publizierte der Think Tank ein
Memorandum, das die EU zu mehr Solidarität mit den USA auffordert: »Es ist
dringlich und notwendig, dass die Europäer mehr tun, um den Amerikanern zu
versichern, dass die Vereinigten Staaten in Europa willkommen sind.« Und
wenn sie das nicht freiwillig tun, wie es in jenem Jahr der Achsenbildung
zwischen Paris, Berlin und Moskau der Fall zu sein schien? Dann muss man sie
daran erinnern, dass sie von atomarer Verwüstung bedroht sind, falls sie
sich dem Großen Bruder auf seinem Kreuzzug gegen den Islam nicht
anschließen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Dieses Buch richtet sich nicht gegen
die deutschen Sicherheitsorgane. Ganz im Gegenteil: Die allermeisten
Mitarbeiter unserer Polizei und unserer Geheimdienste tun alles in ihrer
Macht Stehende, um »Schaden vom deutschen Volk abzuwenden«, wie es in der
Eidesformel heißt. Das Wohl dieses Landes und seiner Menschen hängt davon
ab, dass sie den anderen, die sich zum Gegenteil verschworen haben, nicht
das Feld überlassen.
*Jürgen Elsässer: Terrorziel Europa - Das gefährliche Doppelspiel der
Geheimdienste. Residenz Verlag, St.Pölten/Wien 2008, 344 Seiten, 21,90 Euro,
ISBN 9783701731008. ab 11. September im Buchhandel.
