Vorwort zum Buch "In
mir ist Freude - an meinem wegweisenden Kind"
Liebe Leserinnen und Leser,
dieses Buch möchte nicht urteilen, sondern zum Nachdenken anregen. Es
soll anderen Menschen Mut machen, zu ihrem besonderen Kind zu stehen.
Die moderne Medizin ermöglicht es heute, während der Schwangerschaft klar
zu definieren, ob ein Kind Auffälligkeiten aufweist, z.B. eine körperliche
Beeinträchtigung, oder eine Chromosomen-Schädigung wie die der Trisomie21,
früher auch Mongolismus genannt.
Die Diagnose, ein behindertes Kind zu erwarten, bringt viele werdende
Eltern in einen schweren Gewissenskonflikt. Eine schnelle Entscheidung für
oder gegen dieses ungeborene Leben wird seitens der Ärzteschaft gefordert.
Ein Schwangerschaftsabbruch bis kurz vor dem Geburtstermin ist jedoch heute
legal, wenn die Entscheidung gegen den behinderten Fötus ausfällt. Weil
immer mehr spät abgetriebene Föten überlebten, blieben diese oftmals
unversorgt, in der Hoffnung, dass sie von alleine sterben. Ein prominentes
Beispiel ist der kleine Tim (das Oldenburger Baby), das 1997 seine eigene
Abtreibung überlebte.
Zehn Stunden kämpfte er ums Überleben, bis ihn jemand versorgte. Heute
geht man dazu über, behinderte Ungeborene bereits im Mutterleib zu töten.
Das ungeborene (lebensunwerte) Leben wird mit einer Spritze eingeschläfert.
Anschließend wird die Geburt eingeleitet und der getötete Fötus muss auf
natürlichem Wege geboren werden.
Es ist erschreckend, wie selbstverständlich und legal heute, gut 60 Jahre
nach Beendigung des Dritten Reiches, die Euthanasie wieder Einzug hält. In
keiner Klinik oder Arztpraxis ist es erlaubt, ein gesundes Ungeborenes bis
kurz vor der dem errechneten Geburtstermin zu töten. Euthanasie bedeutet
"Vernichtung lebensunwerten Lebens" und genau das wird heute mit der Tötung
von behinderten ungeborenen Kindern wieder praktiziert. Natürlich müssen die
Eltern dieser Tötung zustimmen und ihren Entschluss begründen. Aber sind sie
mit dieser Entscheidung nicht restlos überfordert? Wie stark muss man in
einer solchen Situation sein, um hier nicht die falsche, überstürzte
Entscheidung zu treffen?
Über eines sollten wir uns jedoch alle im Klaren sein:
Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das uns
jederzeit genommen werden kann. Jeder Mensch kann infolge eines Unfalls oder
einer Krankheit selbst zum behinderten Menschen werden. Möchten Sie dann als
unwertes Leben gelten, oder trotz Ihrer Einschränkungen als wertvoller
Mensch?
Haben Sie sich einmal Gedanken darüber gemacht, wie viele Arbeits- und
Ausbildungsplätze von behinderten und alten Menschen abhängig sind?
Ich möchte Sie nun einladen, vielen wertvollen Menschen in diesem Buch zu
begegnen. Die Texte und Fotos bedeuten allesamt wirkliches Leben, ein Leben
mit Höhen und Tiefen, mit Mut, Kraft und einer ansteckenden Lebensfreude,
die bestärkt.
Die Texte und Fotos dieses Buches machen deutlich:
„Das Leben mit einem behinderten Kind entwickelt sich nicht zwangsläufig
zu einer Leidensgeschichte“.
Die Eltern, Geschwister und Großeltern, die uns ihre persönlichen
Erlebnisse und Erfahrungen mitteilen, erleben in erster Linie Freude mit
ihrem behinderten Kind. Niemand möchte dieses wegweisende Kind missen.
Wegweisend deshalb, weil der Weg ein anderer ist, als wenn man ein gesundes
Kind geboren hat. Lesen Sie selbst. Wir haben gemeinsam die Hoffnung, dass
wir mit dem gewährten Einblick in unser "die Norm auf den Kopf stellendes
Leben" Unkenntnis in Verständnis wandeln.
Sollten Sie Kontakt zu den Autoren wünschen, setzen Sie sich bitte mit
mir in Verbindung. Ich werde Ihren Wunsch entsprechend weiterleiten.
Doris Stommel-Hesseler
e-mail-Adresse:
DoSto-He@t-online.de
Nachwort
Der Titel zu diesem Buch entstand abends während eines Entspannungsbades.
Morgens hatte ich in einer Zeitschrift zufällig einen Artikel über Bioethik
und den Hinweis auf eine entsprechende Internetseite gelesen. Hier wurde ich
neugierig, klinkte mich ein, las gebannt die Dialoge, Hintergründe und
Diskussionsreportagen. Fassungslos verharrte ich über Texten von der
Forschung an Embryonen sowie vorgeburtlicher Diagnostik (zur Vermeidung von
behinderten Kindern), der Frage: „Gibt es ein Recht auf ein gesundes Kind?“
Weiterhin die Frage: „Was würde mein behindertes Kind denken, wenn ich ihm
sage, dass es heute bis zum sechsten Schwangerschaftsmonat straflos
abgetrieben werden kann?“
Meine Gedanken wanderten zu meinem Sohn Björn: „Schwerstmehrfach
behindert, Rollstuhlfahrer, hilflos.“
Björn ist ein Drilling. Er wurde 1981 zehn Wochen zu früh geboren.
Sauerstoffmangel führte zu seiner schweren Behinderung. Seine Geschwister
starben in der ersten Lebenswoche. Seine Behinderung war nicht vorhersehbar,
seine Entwicklung konnte damals niemand voraussagen. Gedanken kreisten in
meinem Kopf: „Was hätte ich getan, wenn diese Behinderung während der
Schwangerschaft klar definiert worden wäre?“ Wozu mich entschlossen, hätte
der Arzt mir zu einer Abtreibung geraten? Wie mich entschieden, wenn der
Arzt zu mir gesagt hätte: „Frau Stommel, sie erwarten ein schwer behindertes
Kind. Es wird zeitlebens auf sie angewiesen sein. Sie werden ihr Kind
füttern, baden, auch wenn es schon erwachsen ist, voraussichtlich im
Rollstuhl schieben, ihren Rücken ruinieren, ständig gebunden sein. Was hätte
ich wohl getan? Ich kann es heute nicht sagen, aber eines weiß ich ganz
gewiss: „Ein einziger vorausschauender Blick auf mein Kind, das ich später
in den Armen hielt, würde genügt haben, um einer Abtreibung niemals
zuzustimmen.“
Der Arzt konnte mir mit Gewissheit nicht sagen: „Sie erwarten ein
schwerstmehrfach behindertes Kind, sie werden jedoch viel Freude mit ihm
haben. Ihr Leben wird völlig anders verlaufen, wie sie es sich ausgemalt
haben." (Natürlich hatte ich mir ein Leben mit gesunden, eineiigen
Drillingen ausgemalt). Er hätte mir nicht sagen können: „Frau Stommel, sie
werden auf Menschen treffen, die sie ohne ihren Sohn nie kennenlernen. Keine
oberflächlichen Menschen, sondern solche, denen andere Werte wichtig sind.
Die annehmen und lieben ohne Vorbehalt. Menschen, die in der gleichen
Situation sind wie sie und andere, die freiwillig eine Wahlverwandtschaft
mit ihnen und ihrem Kind eingehen. Ihr Kind ist ein ganz besonderes. Sein
Lachen, seine Fröhlichkeit wird sie für alles entschädigen.“
Mir kam die Experten-Diskussionsrunde wieder in den Sinn. Mit Schaudern
dachte ich daran, wer in Zukunft über Leben und Sterben unserer behinderten
Kinder entscheidet. Vielleicht werden wir aus Kostengründen irgendwann gar
nicht mehr gefragt, ob wir dieses, in uns wachsende, nicht perfekte Kind
austragen wollen. Vielleicht bleibt uns gar nichts anderes mehr übrig, als
uns von diesem Kind zu trennen, weil die notwendige medizinische Versorgung
von der Krankenkasse zukünftig nicht mehr getragen wird.
Dann habe ich mich dazu entschieden, ein weiteres Buch zu schreiben. Der
Titel: „Darf man ein Spiel spielen, dessen Regeln man nicht kennt?“ sprach
mich auf der Internetseite besonders an. Dennoch habe ich mich entschlossen,
diesem Buch eine andere Richtung zu geben: „Ich möchte die Freude an unseren
behinderten, nicht perfekten, hilflosen und in erster Linie außergewöhnlich
liebenswerten Kindern in den Mittelpunkt stellen.“ Ganz unvorstellbar für
jeden Menschen, der vom Schicksal nicht mit einem solchen "gesegnet" wurde.
Mit den Texten betroffener Eltern und Geschwister möchte ich diese Freude
vorstellbar machen. Wir, die Eltern und Geschwister eines behinderten
Kindes, mit Erfahrung in freudigen sowie leidvollen Situationen, möchten
Eltern, die ein behindertes Kind erwarten oder bereits bekommen haben,
stärken und ermutigen.
Wir haben gelernt, unser Kind so anzunehmen wie es uns geschenkt wurde.
Es ist und bleibt, wenn wir seinem Leben eine Chance geben, ein Teil von
uns!
Ein ganz besonderer Dank gilt meinen Mit-Autorinnen und Autoren, ohne
deren Unterstützung dieses Buch nicht entstanden wäre und für dass mir
entgegengebrachte Vertrauen. Jedes einzelne Schicksal hat mich zutiefst
berührt.
Ihre Doris Stommel-Hesseler