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Muslim-Markt interviewt Jürgen Cain Külbel, Autor des Buches "Mordakte Hariri"
13.4.2006

Jürgen Cain Külbel, geboren 1956 in Thüringen, studierte 1974–1979 Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und schloss sein Studium als Diplom–Kriminalist ab. Danach war er 11 Jahre tätig als Fahnder, Ermittler und Vernehmer in Strafsachen mit unbekanntem Täter und in Mordsachen. Durch persönlichen Einsatz erreichte er 1989 die Legalisierung des Karatesports in der DDR und organisierte die 1. DDR-offene Karate–Meisterschaft.

Er selbst ist Träger des 2. Dan (Stilrichtung Seidokan) und 1. Dan (Stilrichtung Kyokushinkai und Shotokan). Darauf aufbauend arbeitet er als Wissenschaftlicher Sekretär an der Deutsche Hochschule für Körperkultur Leipzig und betreibt anschließend Karate-Schulen. 1997 beendet er seine sportlichen Laufbahn und wird Autor. 2000 erhält er einen Lyrikpreis und 2003 qualifiziert er sich zum Redakteur. Seither veröffentlicht er zum Thema Libanon/Syrien, Nahost, amerikanische Neokonservative in den Zeitungen und Zeitschriften "Konkret", "Neues Deutschland", "junge welt" und "Ossietzky" und zur Völkerkunde im Jahrbuch des Museums für Völkerkunde zu Leipzig. Külbel lebt mit seiner Familie in Berlin. Er hat vier Kinder und drei Enkel.

MM: Sehr geehrter Herr Külbel, warum schreibt ein Karatekämpfer, der diese Fähigkeiten in Japan erworben hat und in der DDR Ermittler schwieriger Fälle war, ausgerechnet über den Nahen Osten?

Külbel: Ich hatte das seltene Glück, in den 90er Jahren in Ägypten leben zu können. Und zwar auf eine Art, die jeden „zivilisierten“ Europäer abschrecken würde: Ich wohnte mit meiner Familie auf dem Lande. Wir freundeten uns mit den Fellachen an, verbrachten viel Zeit mit ihnen, „diskutierten“ mit Händen und Füßen über ihre Probleme, Befindlichkeiten, Sorgen, sprachen über Politik und auch den Pharao Mubarak, den viele gar nicht mochten, wobei sie ihre Abneigung nur flüsternd kundtaten. Unsere damals dreizehnjährige Tochter ging zum Beispiel regelmäßig mit zum Viehaustrieb; der Sohn des Fellachen sang ihr - abends vor dem Haus stehend – Liebeslieder. Es war eine schöne Zeit, in der ich wichtige Freunde kennen lernte und menschliches Miteinander, wie es in Europa längst nicht stattfindet.

Seither lässt mich Ägypten als auch der Nahe Osten im Allgemeinen überhaupt nicht mehr los; sowohl Kultur, Historie als auch Moderne betreffend. Wütend machen mich die Vorbehalte vieler Amerikaner und der angeblich „Zivilisierten“ innerhalb der Festung Europa gegenüber den „Arabern“, im Allgemeinen und den „Fundamentalisten“ im Besonderen: Denn die Konflikte, die heute im Nahen Osten ausgetragen werden, sind nichts anderes als die Folge politischer und wirtschaftlicher „Einflussnahme“ der Imperialisten, allen voran Frankreich, England, USA, die im vergangenen Jahrhundert begann und noch immer kein Ende gefunden hat. Allein das zeichnet für das heutige Desaster im Nahen Osten verantwortlich. Hier schreit es nach Aufklärung.

MM: Jetzt haben Sie ein Buch über das Attentat auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri, welcher vor über einem Jahr ermordet wurde, geschrieben. Seither stellt die internationale Politik die Regierenden in Damaskus als Drahtzieher des Verbrechens an den Pranger; Sie nicht. Wissen Sie es besser als die deutschen Geheimdienste?

Külbel: Was die wissen, zu wissen vorgeben oder wissentlich verschleiern, weiß ich nicht. Geheimdienste sind selbstredend immer die Huren des Systems, das heißt, ein Teil des Staatsapparates. Und wie Engels schrieb, ist der Staat „in allen Fällen wesentliche Maschine zur Niederhaltung der unterdrückten, ausgebeuteten Klasse“. Das gilt dann natürlich auch, wenn Geheimdienste international kollaborieren, wie in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als sie erheblich in den neokolonialistischen Aktivitäten gegen junge Nationalstaaten und nationale Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika, Lateinamerika und eben auch im Nahen und Mittleren Osten beteiligt waren. Selbiges hat nie aufgehört; die Verniedlichung des deutschen Geheimdienst-Beitrages zum Irak-Krieg sei das aktuellste Beispiel. Daher habe ich keine Veranlassung, irgendwelchen Aussagen der Geheimdienste, seien es deutsche oder ausländische, sämtlich verlängerter Arm imperialistischer Politik, überhaupt Glauben zu schenken.

Die Leiche Hariris lag noch auf dem Autopsietisch, da verbreiteten die Kumpane in der USA-Administration, denen es nach Meinung des Ende März verstorbenen international bekannten Science Fiction Autors Stanislaw Lem „an Verstand mangelt“, dass die Syrer hinter dem Mord stecken würden. Und die Regierungsclique in Jerusalem, die auf ihrem Staatsterritorium in Geheimgefängnisse verschleppte In- und Ausländer foltern lässt und suspekte Menschen gezielt und „vorbeugend“ eliminiert, kreischte prompt im Chor. Ich jedenfalls gehe davon aus, dass alle Informationen, die ich im Mordfall Hariri ermittelt und aufgeschrieben habe, jeder noch so kleine Geheimdienst auch wissen müsste; der Mossad und die CIA sowieso. Denn es handelt sich dabei keinesfalls um Fiktionen, sondern um reale Fakten; für Leute vom Fach nicht allzu schwer ermittelbar, vorausgesetzt – und das ist der Dreh- und Angelpunkt - man will sie überhaupt wissen. Den von mir ermittelten Tatsachen kann ein Bezug zum Attentat nicht abgesprochen werden; allerdings passen sie nicht in das Konzept offizieller „internationaler“ Politik gegenüber Syrien und dem Libanon, die von den Dummköpfen, um bei Lem zu bleiben, die Amerika lenken und die Welt beherrschen wollen, vorgeschrieben wird. Somit werden diese Tatsachen nicht einmal unterdrückt; sie werden schlicht und einfach ignoriert. Wer wird sich denn selbst belasten wollen, wenn er die Fäden der Macht in den Händen hält? Daher ist im Mordfall Hariri nicht Geheimdienst oder Politik sondern allein der investigative Journalismus gefragt.

MM: Ihre Spuren führen in eine ganz andere Region der Welt, nämlich in die USA. Sie haben die derzeitige neokonservative Regierung mit dem Begriff Neokon-Kabale belegt. Was ist darunter zu verstehen?

Külbel: Die US-amerikanische „Neokon-Intrige“ - Politiker vom rechten Rand, kalte Krieger, Antikommunisten, denen das Imperium Americanum und die unipolare Welt mit der Hypermacht Amerika im Hirn saust – gründet ihre krankhafte Fiktion auf die Lehre des jüdischen Philosophen Leo Strauss, ihres ideologischen Ziehvaters, der da behauptete: "Weil der Mensch von Natur aus Böse ist, braucht er Herrschaft. Herrschaft ist nur herzustellen in einer Einheit gegen andere Menschen." Strauss wurde 1934 von Hitlers Kronjurist Schmitt an die Rockefeller Foundation empfohlen, lehrte bis zum Tod 1973 in Chicago.

Seine Schüler waren US-Vize Cheney, Verteidigungsminister Rumsfeld, der ehemalige Stabschef Libby, der ehemalige Pentagon-Vize und jetzige Chef der Weltbank, Paul Wolfowitz, der Planungschef des Pentagon Feith, der ehemalige Stellvertretende Außenminister Armitage und so weiter; die Welt kennt die Banditen.

Wolfowitz verfasste 1992 ein Strategiepapier mit der Vision von Amerika als Supermacht, die ihre militärische Überlegenheit uneinholbar gestalten, die Konkurrenten Deutschland, Japan niederhalten und mehrere Kriege simultan führen kann. Kurz vor der Präsidentenwahl im Jahr 2000 veröffentlichten die Neokons den Artikel "Rebuilding Americas Defenses", eine verfeinerte Variante des Wolfowitzschen Pamphlets und stellten klar, was nach der Machtübernahme kommt: Ausbau amerikanischer Streitkräfte, Entwicklung neuer Atomwaffen, Militärbasen in Asien, Kriege gegen Irak, Iran, Nordkorea. Wolfowitz vermutete, dass "der Umwandlungsprozess wahrscheinlich sehr lange dauern wird, es sei denn, ein katastrophales Ereignis tritt ein, das als Katalysator dient – wie ein neues Pearl Harbor".

Das trat ja dann auch am 11. September 2001 ein. Drei Tage später nannte Wolfowitz die Täter: den verstorbenen Osama bin Laden, Al Kaida, Saddam Hussein. Der Afghanistan-Krieg, Auftakt zum weltweiten "Krieg gegen den Terror", schmiegte sich sodann den Plänen der US-Öl-Gruppe UNOCAL an, die eine Öl- und Gaspipeline von Turkmenistan nach Pakistan via Afghanistan zu bauen gedachte, wegen des Taliban-Regimes aber nie zum Zuge kam. Die US-Marionette Hamid Karzai, ehemals UNOCAL-Berater, schloss im Mai 2002, kurz nach dem Krieg, den Vertrag zum Trassenbau ab.

Beweise gegen Kriegsgegner Nummer zwei, Saddam Hussein, fand das Pentagon nicht, ebensowenig Dokumente, die Verbindungen des Irak zum Terrorismus und sein Programm zum Bau von Massenvernichtungswaffen belegen. Die wurden frech und dreist gefälscht, daraufhin der Einmarsch im Irak beschlossen. Wolfowitz erklärte später, die Existenz irakischer Massenvernichtungsmittel sei nie wichtigster Kriegsgrund der USA gewesen sei, nur zum Thema gemacht worden war, weil es "der eine Grund war, dem jeder zustimmen konnte." Frei nach Leo Strauss, bei dem er promovierte: "Ist aber die Gefährlichkeit des Menschen nur vermutet oder geglaubt, nicht eigentlich gewusst, so kann auch das Gegenteil für möglich gehalten und der Versuch, die bisher immer wirklich gewesene Gefährlichkeit des Menschen zu beseitigen, ins Werk gesetzt werden."

Die Öl-Weltreserven, die in Zentralasien, Irak, Iran und Saudi-Arabien lagern, sind für den weltgrößten Energiemarkt USA lebenswichtig. Bush, texanischer Öl-Millionär, Repräsentant der Macht der Öl-Konzerne, schuf mit seiner Regierungs-Kabale die ideologische und politische Basis, um das geostrategische Begehren der Lobby abzuwickeln. Der imperiale Weltentwurf der Neokonservativen, jahrzehntelang belächelt, taugte plötzlich zur Verwirklichung der neokolonialen Gelüste der Ölwirtschaft.

MM: Jetzt überraschen Sie uns aber. Wir wussten noch nicht einmal sicher, dass USAma bin Laden jemals gelebt hat und Sie wollen wissen, dass er verstorben ist. Woher haben Sie diese Information?

Külbel: Ja, ich gebe vor, das zu wissen. Da ich darüber gerade arbeite, nämlich an einem Buch mit dem Arbeitstitel „Osama bin Laden – Welttheater mit Leiche“, möchte ich ungern darüber sprechen. Aber einigen wir uns an dieser sensiblen Stelle einfach auf den „Markenartikel“ Osama bin Laden oder auch USAma bin Laden, der zugleich PR-Plattform für Freund und Feind ist.

MM: Die so genannte Zedernrevolution, die noch vor der orangenen und blauen Revolution in die Wege geleitet werden sollte, hat offenbar noch nicht die gewünschten Ziele erreicht. Warum fällt es Ihrer Meinung nach den MainStream-Medien so schwer den Gesamtzusammenhang im globalen Rahmen zu sehen?

Külbel: Wie gesagt, die Kabale um Bush treibt handfeste wirtschaftliche, ölige Interessen. Das vorgebliche „nation building“ durch „Demokratisierung“ bedeutet übersetzt: Installieren von Vasallenstaaten über den Ölblasen und in den Ländern, durch die strategisch wichtige Pipelines führen. Für Washington dreht sich doch letztendlich alles um wirtschaftliche, geopolitische, strategische und finanzielle Interessen. Um „Demokratie“, die Gangster im Weißen Haus haben keine Scham, das Wort bei jeder passenden Gelegenheit in den Mund zu nehmen, geht es dabei überhaupt nicht.

Der Mord an Hariri bot ihnen selbstverständlich die Möglichkeit, auch im Libanon eine dieser Obst- und Gemüserevolutionen der Condoleezza-Neuzeit in Gang zu bringen. Jetzt sitzt dort eine Regierung, die sich mehr oder weniger von Washington fernsteuern lässt. Weniger bekannt: In London traf sich Ende Februar eine weitere Fünfte Kolonne von Exil-Libanesen, die liebend gern ins politische Leben im Libanon eingreifen wollen, mit Mitgliedern des britischen Parlamentes, um dort Unterstützung für eben dieses Vorhaben zu erheischen. In Brüssel traf sich kurze Zeit später eine analoge Fünfte Kolonne, die sich nun die baldige „Demokratisierung“ Syriens auf die Fahne geschrieben hat; sämtlich unterstützt von den Demokratienarren aus Übersee.

Das „Märchen von der Demokratie“ aus Washington erinnert an alte Menschheitstage, in denen unsere Ahnen die Mythen von Kulturbringern tradierten; heute wollen sich die Coca-Cola-Erfinder zum einzig wahren Demokratiebringer aufschwingen. Das ist eine beispiellose Arroganz.

Da kommen wir zum zweiten Teil Ihrer Frage. Merkwürdigerweise macht ein Großteil der „demokratischen zivilisierten Welt“ trotz besseren Wissens da mit; ein Indikator, was unsere Zivilisation eigentlich wert ist; denn die weiß längst, dass erstens „Bush die Eigenschaft hat, dumm zu sein,“ um den weltbekannten polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem aufzugreifen, der vor wenigen Tagen verstarb, und dass zweitens wegen solcher Leute wie dem stellvertretenden Präsidenten Dick Cheney, dem Kriegsverbrecher Donald Rumsfeld oder der Demokratie-Natter Condoleezza Rice die Welt immer schlechter wird. Eigentlich haben auch die bürgerlichen Medien keinen Grund mehr, diesen kriminellen Amerikanern auch nur ein einziges Wort zu glauben. Spätestens seit dem mit gefakten Gründen vom Zaun gebrochenen Irak-Krieg haben sich die führenden Barbaren im Weißen Haus zu Kriegsverbrechern qualifiziert und gehören normalerweise vor ein internationales Tribunal gestellt, das ihnen den Garaus macht. Man kann ja mal träumen: Jede Demokratie – was das auch immer sein soll – hätte danach die diplomatischen Beziehungen abbrechen und auf Einschaltung der UNO drängen müssen, um gegen die Gangster in Washington Front zu machen. Das fatale aber ist, dass unsere vorgeblich demokratischen Gebilde in Europa samt den sich ihnen andienenden Medien sich nicht entblöden, dieser die Vereinigten Staaten regierenden kriminellen Clique, noch immer den Hof zu machen.

Die devote „demokratische“ Internationale samt ihrer medialen Sprachrohre – und dort arbeiten kluge Leute - hatte auch seit dem Mord an Hariri nichts weiter zu tun, als die aus Washington stammende unbewiesene Dummschwätzerei gegen Syrien großenteils völlig unkritisch zu kolportieren. Bislang gibt es keinen einzigen Beweis für die von den Amerikanern und Israelis in die Welt gesetzte Verschwörungstheorie. Aber die Anschuldigung steht. Auch dank der deutschen bürgerlichen Medien und sogar einiger Blätter, die sich selbst aus welchen Gründen auch immer in die linke Ecke gestellt sehen möchten.

MM: Dieser Tage haben Sie einen Bericht veröffentlicht über einen jüngst verhinderten Mordkomplott gegen den Hisbollah-Chef im Libanon Seyyid Hassan Nasrullah. Letztgenannter, aber auch geistige Größen z.B. im Iran, sind in der muslimischen Welt bekannt für ihre zahllosen spirituellen Veröffentlichungen, während in der westlichen Welt keine einzige ihrer Schriften bekannt ist. Erinnert Sie das nicht an die Zeit des früheren Feindbildes, dem Kommunismus? Damals gab es z.B. das Buch "Der Islamische Staat" von Imam Khomeini in deutscher Übersetzung nur in der DDR zu kaufen, nicht aber in der Bundesrepublik. Welche Quellen nutzen Sie für Ihre Recherchen und wie kommt es, dass Sie über einen aufgedeckten Mordkomplott berichten, über den - wir haben es überprüft - bisher außer Ihnen keine andere Quelle in Deutschland berichtet hat?

Külbel: Selbstverständlich haben sich die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch des Möchtegern-Kommunismus umgehend ein neues Feindbild suchen müssen, um wieder einmal die Welt und vor allem sich selbst aus der Krise retten zu können. Denken Sie etwa, diese schwachköpfigen Weltrettungsorgien findet nur in den Zelluloidschinken in Hollywood statt. Kein kapitalistisches System, das auf seine diabolischen Tugenden schwört, schon gar nicht „Mordamerika“, wie mein unerreichbares schriftstellerisches Vorbild, der leider 2003 verstorbene „größte Dramatiker der DDR“, Peter Hacks, schrieb, entlässt seinen militärisch-industriellen Komplex in die Arbeitslosigkeit. Sehen Sie, das neue Feindbild der „demokratischen Internationale“, der „fundamentalistische Islam“ nämlich und dessen angebliche Ehe mit dem das gesamte Sonnensystem bedrohenden Terrorismus, hat gegenüber dem Feindbild „Kommunismus“ allerdings zweierlei deutliche Vorteile: Endlich darf richtig Krieg geführt werden, was die Rüstungsindustrie freut, die die Sektkorken knallen lässt, und parallel dazu können sich die Banditen gleich mal die Bodenschätze in die Taschen stopfen. Was braucht der Imperialismus mehr? Die weggebombten Kinderärmchen oder die abgetrennten Köpfe, Gliedmaßen etc. kann man doch wieder annähen? Oder?

Zum zweiten Teil der Frage: Meine Quellen lege ich natürlich nicht offen; aber ich beziehe meine Informationen direkt aus dem Arabisch sprechenden Raum. Keinesfalls aber vom berüchtigten Middle East Media Research Institute (MEMRI), das, von einem ehemaligen israelischen Geheimdienstler geführt, den Medien der „demokratischen Internationale“ z.T. gefakte Übersetzungen von im arabischen Raum erschienenen Artikeln unterjubelt.

MM: Erlauben Sie ein Frage an den EX-DDR-Bürger. Wir wissen aus vielen Kontakten mit Ostdeutschen, dass sie einstmals bei vergleichsweise hohem politischen Bewusstsein die eigenen Medien immer sehr kritisch beäugt haben. Warum ist die Kritikfähigkeit verloren gegangen?

Külbel: Das würde ich so nicht behaupten wollen, auch wenn die Menge der kritischen Menschen geschrumpft sein mag. Hoffnung macht aber eine These des bereits genannten Hacks: „Der Geist des Arbeiterstandes ist nicht unkräftig institutionalisiert. Die westdeutsche Arbeiterklasse halte ich nicht für so ungebildet, wie sie sich zu geben beliebt. Sie weiß ganz gut, was gespielt wird. Ich würde sie eher verderbt oder lasterhaft denn dumm nennen. Ihrem etwas verbasterten Stamm die Arbeiterklasse der DDR, die, beiläufig gesagt, nicht nur belesen, sondern auch bewaffnet war, aufokuliert zu haben, wird die deutsche Bourgeoisie noch bereuen.“ Ich würde ergänzen, die Masse der Kritischen im Osten ist vorerst auf dem Weg, sich den westdeutschen Befindlichkeiten anzupassen und vorderhand verderbt und lasterhaft zu werden. So Hacks Recht hat, sollte den Ostdeutschen ebenso wie den Westdeutschen die allgemeine Volksverdummung lediglich zur Zierde denn zur Charakterprägung gereichen. Ich vertraue diesbezüglich einfach mal auf Hacks und bin daher guter Hoffnung; zumindest was die Ostdeutschen betrifft.

MM: Sie lassen in Ihrer Argumentation Ihre Vorliebe für den Sozialismus bzw. Kommunismus sehr deutlich durchblicken. Aber offensichtlich hat jene Ideologie gegen das, was wir Raubtierkapitalismus nennen, vorerst verloren. Und diejenigen, die Sie als "Dummköpfe" darstellen, sind immerhin so klug, dass Sie einen großen Teil der Welt beherrschen. Kann es nicht sein, dass Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen gescheitert sind und das scheitern sich nur unterschiedlich äußert?

Külbel: Ich kann Ihnen nur zustimmen; würde aber präzisieren: Das, was wir als Sozialismus bzw. Kommunismus kennen gelernt haben und wie das praktiziert wurde, ist nicht im Sinne der Erfinder gewesen, um es mal salopp auszudrücken. Ein Sozialismus, der eigentlich Frieden zum Gedeihen braucht, hat es schwer, wenn er neben seinen umfangreichen Leistungen im Sozialbereich – darauf ist ja ein solcher Gesellschafsvertrag ausgerichtet – Unmengen für seinen Schutz ausgeben muss. Darauf hat der Imperialismus auch spekuliert; man spricht nicht umsonst davon, es gab natürlich auch andere Umstände, die zu seinem Niedergang geführt haben, dass der Sozialismus am Ende tot gerüstet wurde.

Um für mich zu sprechen: Natürlich bin ich Kommunist; mir gefällt die Idee eines menschenwürdigen Miteinanders.

Ob der Kapitalismus gescheitert ist? Natürlich nicht. Viele verwechseln da meiner Meinung nach etwas. Sagen wir mal so: Der Kapitalismus in der Variante der sozialen Marktwirtschaft, die sich viele Menschen zurückwünschen, eben weil sie eine soziale Komponente hatte, ist vergleichbar mit dem Stadium eines Krebspatienten kurz vor dem Tod. In dem Falle muss sich der Kapitalismus, weil er gegen seine Natur, das Profitstreben, lebt, jeden Tag aufs Neue wegen des unfreiwilligen Aderlasses an seine Mitbürger übergeben. Der Kapitalismus blüht erst dann auf, wenn er ungehemmt akkumulieren kann. Und das momentane „demokratische Barbarentum“ (mein Arbeitsbegriff), ein äußerst aggressives Stadium des Imperialismus nach dem Implodieren des sozialistischen Weltsystems, schafft eben die besten Voraussetzungen für seinen Tigerritt nach Kapital und Aktien. Doch das leitet auch, so hoffe ich und wieder auf Hacks vertrauend, sein Ende ein, und dieser Imperialismus gerät an den Abgrund. Denn: Die Erniedrigung der immer mehr verarmenden Menschenmasse kann nicht bis in die Unendlichkeit gesteigert werden. In Frankreich konnte man vor wenigen Tagen schemenhaft die Umrisse der während der Französischen Revolution errichteten Guillotinen sehen. Die Menschen sind klug genug, um irgendwann zu erkennen, wenn sie keinen Ausweg mehr haben sollten, dass ein gesellschaftlicher Umsturz unumgänglich ist. So läuft die Geschichte. Auch ich bin dafür; sollen diejenigen, die arbeiten, auch die Lorbeeren ernten und nicht diejenigen mit den Yachten, Banken, Spielkasinos, all die Vettern und Kriegsherren, die ihre Völker immer und wieder in blutige Schlachten führen.

MM: Sie erwähnten den "Geist des Arbeiterstande". Können Sie sich vorstellen, dass ein "Geist", der viel umfassender ist, eine Gefahr für den Raubtierkapitalismus darstellt, und dass neben all den von Ihnen erwähnten Interessen auch eine ideologische "Gefahr" für diejenigen besteht, die heute den Irak, den Iran und den Libanon verunsichern wollen.

Külbel: Ich erkenne, was Sie vorsichtig andeuten. Sie stellen diese Frage natürlich einem Kommunisten. Schließen wir vorderhand einen so genannten Dhimmi (Schutzbefohlenen) aus, so würde auch ich vorsichtig antworten, dass es nicht nur einen „Geist“ auf unserem Globus gibt, der den Säbelrasslern zur bedeutenden ideologischen „Gefahr“ werden könnte. Toleranz zwischen diesen „Geistern“ könnte Schulterschluss bewirken. Vielleicht ließe sich da was machen.

MM: Was für zukünftige Projekte sind von Ihnen als Ermittler zu erwarten?

Külbel: Erstens, wie angedeutet, das Buch über Osama aka USAma bin Laden. Zweitens arbeite ich an einer Fortsetzung der „Mordakte Hariri“. Der neue Band soll sich hauptsächlich mit dem „ölwirtschaftlichen“ Hintergrund befassen, der bislang weitestgehend unbekannt ist und untrennbar mit den im ersten Band erläuterten politischen Aspekten verbunden ist. Das alles zusammen hätte den Rahmen nur eines Buch gesprengt.

MM: Mit Karate begann die erst Frage, mit Karate wollen wir enden. Warum war Karate in der DDR verboten?

Külbel: Da kann ich Ihnen sogar mit einem offiziellen Statement des Ministerrates der DDR vom 4.5.1987 dienen. Ich schrieb damals eine Beschwerde und erhielt folgende Antwort: „Die DDR ist nicht an der Ausübung von Karate durch ihre Bürger im Freizeitbereich interessiert. Karate als aggressive Form der Selbstverteidigung und als derzeitiger Modetrend zur kommerziellen Vermarktung in kapitalistischen Ländern, liegt nicht im Interesse unserer sozialistischen Gesellschaft…“ Kurzum, die Machthaber hatten kein Interesse, dem Volk eine solche „Waffe“ in den Schoß zu legen.

MM: Herr Külbel, wir danken für das Interview.

Külbel: War mir Ehre und Vergnügen zugleich.

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