Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Elizabeth Mouzaoui
 

Muslim-Markt interviewt 
Elisabeth Mouzaoui, Mutter, Hausfrau, Fotografin und Musikerin

15.6.2005

Elisabeth Mouzaoui ist 1965 in Oberbayern geboren und wurde katholisch erzogen, hatte allerdings bereits als Kind Zweifel an katholischen Dogmen. Nach ihrer Ausbildung zur Fotografin folgte das Musikstudium am Konservatorium Nürnberg. Durch den Kontakt mit Muslimen bekam sie Interesse am Islam und nahm diesen 1990 an. Vier Jahre später heiratete sie einem algerischstämmigen Muslim und ist Mutter von 3 Kindern.

Elisabeth Mouzaoui ist Hausfrau und 2. Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Nürnberg e. V. .

MM: Sehr geehrte Schwester im Islam. Sicherlich hunderte Male haben Sie die Beweggründe für Ihre Entwicklung zum Islam geschildert, aber auch unsere Leser interessieren sich immer wieder dafür.

Mouzaoui: Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen, jedoch das Gottesbild, das mir im katholischen Glauben vermittelt wurde, habe ich schon als Kind nie nachvollziehen können – warum braucht Gott einen Sohn, wenn Er selber unendlich ist, Dreifaltigkeit, etc. Leider konnte mir niemand befriedigende Antworten auf meine Fragen geben. Ich wandte mich irgendwann völlig vom Glauben ab, hoffte aber innerlich doch, dass es eine höhere Macht gäbe, die alles leitet und sich irgendwann mir offenbaren würde.

Als ich in Kontakt mit Muslimen kam, hat mich deren Lebensweise sehr fasziniert. Ich wusste zu dieser Zeit praktisch nichts über den Islam, so dass ich mich ohne große Vorurteile nähern konnte. Nach vielen Büchern und durchdiskutierten Nächten mit Muslimen war mir klar, die Vorstellung, die der Islam von Gott hat, deckt sich genau mit meinen Vorstellungen. Ich war damals noch nicht bereit, mich an alle Regeln, die der Islam hat, zu halten, aber der philosophische Weg war mir klar. Eines Abends, ich befand mich gerade in einer Lebenskrise, auf einem meiner zahlreiche Spaziergänge in der Natur, die mich sehr beruhigten, hatte ich beim Betrachten des Sonnenunterganges eine Art persönlicher Offenbarungserlebnis: Gott existiert, Er ist bei mir, er wird mir helfen aus dieser Krise zu kommen, vertrau Ihm nur!

Plötzlich verspürte ich ein tiefes Verlangen zu beten wie die Muslime: Ich verspürte den inneren Drang, mich voller Demut auf dem Boden vor Gott zu verneigen – wie ich es bei den Muslimen gesehen hatte. Ich widerstand dem Drang, dies nun in aller Öffentlichkeit zu tun und betete dann zuhause voller Befriedigung. Dies war mein persönlicher Übertritt zum Islam, nur Allah war mein Zeuge!

Ich kostete damals noch das Gefühl aus, meinen Übertritt geheim zu halten, wie eine Liebesbeziehung, von der niemals etwas erfahren soll, weil sie erstens so überwältigend ist, dass man sie in Worten nicht ausdrücken kann, und weil zum anderen die Mitwelt mit der Partnerwahl nicht einverstanden sein könnte. Mein Leben hat sich dadurch verändert, dass ich allem ein bisschen gelassener entgegensehen konnte, weil ich die göttliche Unterstützung direkt erfahren habe.

MM: Eine erwachsene Frau aus Oberbayern, die zum Islam übertritt, war das nicht ein Skandal für Ihre Umgebung und die Verwandtschaft?

Mouzaoui: Es gibt durchaus auch tolerante und aufgeschlossene Bayern und ein nicht unerheblicher Teil davon ist in meinem Heimatdorf angesiedelt.

Anfangs – ich bin ja nicht gleich mit Kopftuch und wallenden Gewändern aufgetaucht – nahm man es als eine Art Esoterik-Spinnerei mit orientalischem Touch. Irgendwann trug ich dann ein Kopftuch – das nahm mir meine Familie schon erst mal übel. Ich habe aber versucht, mich dem moralischen Ideal des Islam anzunähern – Respekt vor den Eltern, Hilfsbereitschaft, gute Nachbarschaft etc.

Die Nachbarn fanden den Übertritt eher interessant und waren neugierig, meinen Eltern war es anfangs peinlich. Mittlerweile haben sie aber erkannt, dass dies mein Weg ist, und vor nicht allzu langer Zeit sagte meine Mutter zu mir: „bleib wie du bist“.

MM: Und hat ihr Dorf heute keine Angst mehr vor einer Kopftuchträgerin?

Mouzaoui: Ich bin nicht oft dort zu Besuch, aber grundsätzlich erfahre ich positive Reaktionen. Man merkt, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, auch den Menschen zusehen, der unter dem Tuch steckt.

MM: Was können Sie jungen konvertierten Muslimas im Umgang mit ihren Eltern ausgehend von ihren Erfahrungen empfehlen?

Mouzaoui: Der Islam lehrt, Respekt vor den Eltern zu haben. Das heißt auch, deren Überzeugungen und evtl. Vorurteile zu respektieren. Die Meisten Menschen beziehen ihr Wissen über den Islam von den Medien. Bei Eltern von Konvertierten ist auch ein großes Stück Angst mit dabei, dass das Kind – und man bleibt immer Kind seiner Eltern! - auf falsche Wege gerät oder Probleme bekommt, durch seine Überzeugung.

MM: Bei den Angaben zu Ihrer Biographie haben Sie Mutter und Hausfrau vor dem Vorsitz in einer islamischen Gemeinde und anderen Dingen angegeben, was darauf schließen lässt, dass Sie auch darin eine Berufung sehen. Wie kann man Ihrer Meinung nach jungen Muslimas erklären, dass die Antwort auf die Berufsfrage "Ich bin Mutter und Hausfrau" nichts abwertendes ist?

Mouzaoui: Jede Muslima kennt den Hadith (Überlieferung des Propheten): „Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter.“ Nur leider ist im Alltagstrott nicht viel davon zu spüren! Es ist aber schade, dass auch unter den Muslimen der Trend dahin geht, dass etwas, das kein Geld bringt, auch keinen Wert hat.

Wir sollten die Verantwortung, ein Kind zu erziehen, nicht unterschätzen! Nur ein Kind, das fest verwurzelt ist, kann später hoch hinaus wachsen. Wer soll den Kindern Wurzeln geben, wenn nicht die Eltern? Es hat mit Urvertrauen zu tun, mit dem Wissen, es ist jemand da, wenn ich Hilfe brauche – egal ob es ein aufgeschlagenes Knie ist oder Liebeskummer! Sicher könnte dieses Vertrauen auch von einer Tagesmutter, Erzieherin usw. kommen. Aber das Kind wird sich irgendwann fragen, ob wir es als Eltern wirklich gewollt haben, wo wir es doch abschieben und uns keine Zeit dafür nehmen! Bei allem Stress den das Familienmanagement manchmal mit sich bringt, wer sich der Kindererziehung entzieht, verschenkt damit ein großes Potential! Wir Frauen sind nicht umsonst mit emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz ausgestattet. Es ist auch eine Frage von weiblichem Selbstbewusstsein zu sagen: Ja, ich bin in der Lage meinen Kindern all das, was sie für ihr späteres Leben brauchen, selber zu geben – besser als jede Erzieherin, weil es keine größere Motivation als die Liebe geben kann!

Oft sind es die Eltern, die ihre Kinder abgeschoben haben, die später als alte Menschen auch von ihren Kindern abgeschoben werden, weil diese nichts von verantwortlicher Liebe gelernt haben.

MM: Als ausgebildete Fotografin und Musikerin versuchen Sie Ihre Kenntnisse für den Islam einzusetzen. Wie erfolgt das konkret?

Mouzaoui: Ich schreibe Kinderlieder mit islamischen Texten, weil Lieder für die kindliche Entwicklung enorm wichtig sind und ich auch die religiösen Inhalte über die Musik spielerisch transportieren kann.

Mittlerweile habe ich 2 CD’s aufgenommen, eine dritte, die ohne Melodieinstrumente, nur mit Trommeln begleitet werden soll - ist noch in Arbeit – momentan kann ich aber aus Zeitmangel nicht ins Studio. Mit islamischen Religionslehrern veranstalte ich Workshops zum Thema Musik im Unterricht.

Darüber hinaus plane ich einen Fotoband über Muslime in Deutschland – ich will damit die Normalität des islamischen Alltags darstellen und über eine betont persönliche Betrachtungsweise Intimität herstellen. Der Mensch ist sehr visuell geprägt und im Zeitalter der optischen Reizüberflutung ist es wichtig, ein Gleichgewicht zu den sehr einseitigen Darstellungen über den Islam zu schaffen.

MM: Wie haben Sie den Chor für Ihre CDs zusammengestellt?

Mouzaoui: Das waren Kinder von Bekannten und meine eigenen Kinder. Die Aufnahmen im Studio waren ein wenig chaotisch, haben aber einen Riesenspaß gemacht.

MM: Haben Ihnen jemals Muslime Probleme wegen der Musik gemacht?

Mouzaoui: Ja, ich habe schon einige sehr heftige Reaktionen erhalten, warum ich Musik verwende, das sei doch alles haram (verboten) und man darf höchstens trommeln usw. Diese Stimmen verstummten aber, sobald ich konkrete Belege forderte, ob und wo denn der Koran Musik verbiete.

Ich habe auch selber Texte gesammelt, in denen islamische Gelehrte zum Thema Musik Stellung nehmen.

Ich respektiere aber durchaus die persönliche Einstellung eines Menschen, der keine Musikinstrumente hören möchte, weil sie ihn von Gott ablenken. Deshalb habe ich auch Lieder geschrieben, die ganz ohne Musikbegleitung auskommen.

MM: Fotografieren Sie auch noch?

Mouzaoui: Ja, momentan mehr privat. Es beruhigt mich, wenn ich in der Natur wandere und auf der Suche nach Motiven bin.

MM: Als zweite Vorsitzende einer islamischen Gemeinde in Deutschland widersprechen Sie den Klischees bezüglich Frauen im Islam. Welche Aufgaben verbinden sich damit?

Mouzaoui: Das sind in erster Linie Verwaltungsaufgaben und Öffentlichkeitsarbeit. Ich versuche vor allem, mich auf dem kulturellen Sektor einzubringen.

MM: Hat die Heirat mit einem Ausländer Sie zu einem Multi-kulti-Menschen gemacht?

Mouzaoui: Nicht wirklich, ich glaube, ich war schon vorher eine Art Multi-Kulti-Mensch und deshalb habe ich mich zu Menschen hingezogen gefühlt, von denen ich auf kulturellem Gebiet etwas Neues lernen konnte, wo eine gegenseitige Ergänzung möglich ist.

Wenn man, wie ich, auf einem geografisch wie kulturell sehr kleinen und eng gesteckten Rahmen aufwächst, dann gibt es zwei Möglichkeiten: erstens man entwickelt Angst vor allem was fremd und Unbekannt ist, oder zweitens man bekommt eine große Sehnsucht nach Fremdem und Neuem. So war es bei mir. Ich wollte immer fremde Länder und Menschen aus anderen Kulturen und unterschiedliche Denkweisen kennen lernen.

Das hat mir geholfen, toleranter zu werden, aber auch, mich mit meiner eigenen Herkunft, meinem „Deutsch-sein“ zu versöhnen!

MM: Hat sich Ihr Leben seit dem 11. September geändert?

Mouzaoui: Ich habe gottlob in meinem persönlichen Umfeld keine große Veränderung erfahren. Der Eindruck, dass viele Menschen durchaus in der Lage sind zu unterscheiden, hat sich immer wieder bestätigt.

Ich bin aber auch selber aktiver geworden und ich achte auch verstärkt darauf, wie das, was ich tue und sage, von meinem Gegenüber wahrgenommen und verstanden werden könnte. Besonders deshalb versuche ich, den Dialog auch auf andere Ebenen zu leiten, denn Sprache birgt grundsätzlich die Gefahr, missverstanden zu werden.

So habe ich kürzlich in der Moschee ein Kunstausstellung organisiert mit zeitgenössischer islamsicher Kunst, die ein völlig anderes Bild vom Islam widerspiegelt, als es momentan in den Köpfen präsent ist. Wie ich oben schon erwähnte, versuche ich, mich vor allem auf kulturellem Gebiet einzubringen, um zu zeigen, dass die Religion zu allen Zeiten ein Motor war für die kulturelle und künstlerische Entwicklung, und dass der Islam da keine Ausnahme macht. Man denke z. B. an die großartigen Kunstwerke aus der maurischen Epoche Spaniens.

MM: Können Sie sich als Kennerin eines bayerischen Dorfes vorstellen, dass der Islam eines Tages einheimisch, also von der Bevölkerung genau so akzeptiert wird, wie diverse christliche Konfessionen?

Mouzaoui: Ich habe sehr viel Phantasie und deshalb kann ich mir das schon vorstellen.

Im Ernst: Es braucht bestimmt noch sehr viel Zeit und sehr viel Dialogarbeit – auf allen Ebenen, aber ich denke, dass unsere Kinder und Enkel die Situation sehr viel positiver erleben werden.

Wir befinden uns in einer Phase, in der die Fehler der Vergangenheit – von Seiten der Politik aber auch von Seiten der Muslime selber – ausgeräumt werden müssen. Das ist ein großes und schweres Stück Arbeit, aber ich sehe wirklich positiv in die Zukunft.

MM: Welche Hoffnung verbinden Sie mit der Zukunft in diesem Land?

Mouzaoui: Wir erleben hier Demokratie und Meinungsfreiheit – auch wenn der Begriff der Meinungsfreiheit manchmal etwas verzerrt wahrgenommen wird.

Die überwiegende Mehrheit der Muslime fühlt sich der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Deutschland verpflichtet und sieht in Deutschland ihre Heimat. Wenn dies auch von der Öffentlichkeit als selbstverständlich wahrgenommen wird, kann ein Prozess der gegenseitigen Bereicherung, der Akkulturation einsetzen.

MM: Frau Mouzaoui, wir danken Ihnen für das Interview

Mouzaoui: Ich danke Ihnen!

Links zum Thema

bulletNasheed

 

Senden Sie e-Mails mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: info@muslim-markt.de 
Copyright © seit 1999 Muslim-Markt