Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Familie Grimm
 

Muslim-Markt interviewt 
Muhammad Abdul Karim und Fatima Grimm 
(aktive deutsche Muslime der ersten Stunden nach dem Weltkrieg)
17.1.2005

Ihr gemeinsames Leben begann am 1. April 1984.

Muhammad Abdul Karim Grimm (Jahrgang 1933) war bereits 30 Jahre lang Muslim, verwitwet, Vater von vier Kindern und seit vielen Jahren schon nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Islam-Szene. Ob es darum ging, Anfang der 60er-Jahre im winzigen Moschee-Häuschen an der Bornstrasse nahe der Hamburger Uni den Brüdern aus aller Welt als Imam zur Verfügung zu stehen, den türkischen Brüdern beim Erwerb des Hammonia-Bads - heute Merkez Cami - in der Böckmannstrasse 40 nahe dem Hamburger Hauptbahnhof zu helfen oder den Prozess um die Einräumung der rituellen Schächtungs-Erlaubnis zu führen, oder bei muslimischen Treffen den Kochlöffel zu schwingen  man konnte auf den ehemaligen Ringkämpfer (Europameister 1956) zählen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er damals als Chiropraktor und Heilpraktiker.

Nachdem Abdul Karim Grimm ca. sieben Jahre lang allein für seine Kinder gesorgt hatte, kam seine Tochter Nadija auf die Idee die bei den deutschsprachigen Muslimen aufgrund ihrer zahlreichen Aktivitäten bekannte Fatima (Jahrgang 1934) den Vorschlag zu machen, von München nach Hamburg überzusiedeln und ihren Vater zu heiraten. Und so geschah es. Fatima Grimm (1960 Muslima geworden) kam mit ihrem noch in den Anfängen steckenden „Bavaria-Koran“-Projekt im Gepäck in die Stadt an der Alster und fand überall liebevolle Aufnahme. Fatima Grimm ist Autorin mehrerer Bücher.

Beide engagieren sich in islamischen Gemeinden, leiten einen eigenen Gesprächskreis und sitzen im Vorstand der Deutschen Muslim-Liga e.V..

MM: Liebe Fatima und Abdul Karim Grimm. Sie gehören zweifelsohne zu den deutschen Muslimen der ersten Stunde. Und sicherlich war und ist die häufigste Frage, die Sie im Laufe von mehreren Jahrzehnten Islam beantworten mussten die Frage nach den Gründen Ihrer Konversion zum Islam. Auch wir kommen in diesem Interview nicht Drumherum danach zu fragen. wie würden Sie heute rückblickend die Frage beantworten, und würden sie heute immer noch zum Islam übertreten, wenn sie noch keine Muslime wären?

Muhammad Abdul Karim Grimm: Ich war im Dritten Reich Schüler in einer privilegierten Schule. Als der Krieg zu Ende war, versuchte man, uns hier in Deutschland einzureden, dass das NS-Regime ein verbrecherisches Regime gewesen sei. Als aufmerksamer Schüler hatte ich gelernt, nicht auf „Feindpropaganda“ zu achten. Für mich also waren die Vorwürfe, die gegen das Dritte Reich erhoben wurden, nicht des Beachtens wert. In der Zeit meiner Lehre wurde ich Mitglied der Metaller-Gewerkschaft und trat in den Sportverein der Gewerkschaft ein. Dort hatten wir zwei Jugendbetreuer, die als alte Gewerkschaftler den Krieg über im Konzentrationslager gesessen hatten. Durch den näheren Kontakt mit diesen Personen und durch das Kennenlernen ihrer Lebens- und Leidensgeschichte stellte ich fest, dass die Anschuldigungen, die die Siegermächte gegen das Dritte Reich erhoben, keine Feindpropaganda waren, sondern mehr oder weniger der Wahrheit entsprechen. Ich konnte nicht begreifen, wieso man Menschen verfolgt und tötet, weil sie einer anderen Rasse oder einer anderen Religion oder Überzeugung angehörten. Von christlicher Seite hörte ich, dass man die Juden als Gottesmörder bezeichnete. Also müsste ich doch, um der Sache auf den Grund zu gehen, die Antwort in der Bibel finden. Ich nahm daraufhin das Bibelstudium auf. Ganz alleine für mich, und zwar drei Übersetzungen, die Elberfelder Bibel, die Übersetzung von Martin Luther und die Übersetzung von Alexander von Eß. Die Bibel ist eine höchst interessante und spannende Lektüre. Ich habe diese Bibeln nach und nach – ich glaube im Zeitraum von zwei Jahren – mehrmals durchgelesen von vorne bis hinten. Die für mich wichtigen Stellen habe ich mit Unterstreichungen versehen, um nachzufragen und nachzulesen, welche Erklärung es dafür gibt in den Kommentaren. Ich war in dieser Zeit ein richtiger Bibelwurm geworden.

Eines Tages lese ich zum x-ten Male im fünften Buch Mose, Deuteronomium, Kapitel 5 Verse 6-22 die Satzung des ersten Gebotes. „Ich bin der Herr, dein Gott..., du sollst keine anderen Götter haben neben mir...“ Da ich mich mittlerweile in der christlichen Theologie etwas auskenne, beginnen meine Fragen: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir...“ Was ist also mit Jesus als Sohn Gottes, was ist mit der Dreieinigkeit?

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen...“ Was ist jetzt mit den vielen Kruzifixen mit den Altarbildern. Das heißt, die christlichen Theologen kennen dieses Phänomen und nennen es „die Schwelle des ersten Gebotes“. Ich stolpere also über diese Schwelle und nun erst beginnt mein Fragen und Hinterfragen. Das war zu Ende der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts und zu Beginn der Fünfziger, eine unruhige Zeit voller Ängste und Zweifel. Kein erhellender Moment in der Auseinandersetzung mit evangelischen und katholischen Theologen. Ich bin plötzlich Monotheist, habe den Glauben an die Dreieinigkeit verloren und suche eine christliche Gemeinde, die monotheistisch ausgerichtet ist. Ich habe sie nicht gefunden. Wahrscheinlich steht und fällt das Christentum mit dem Dogma der Dreieinigkeit. Jüdische Freunde oder Bekannte hatte ich nicht, mit denen ich dieses mein Dilemma diskutieren konnte und so blieb die Unruhe in mir.

1950 war ich das erste Mal in Alexandrien und ich schloss Bekanntschaft mit zwei Studenten, die ich in einem Tischtennisclub kennen gelernt hatte. Wir sprachen über die Schönheit der Stadt und sie zeigten mir die Katakomben und andere Sehenswürdigkeiten. Eines Abends kurz nach Sonnenuntergang äußerte ich den Wunsch, eine Moschee auch einmal von innen zu sehen. Es war zur Zeit des salat-ul-maghrib (Abendgebets), als wir diese Moschee betraten. Meine beiden Begleiter stellen sich in die Reihe und bedeuteten mir, mich neben sie zu stellen und das zu tun, was sie tun würden. So betete ich mit ihnen in der Reihe. Nach dem Fard-Teil (Pflicht-Teil) nahmen sie mich etwas an die Seite und erklärte mir den Ablauf der zwei Raka’at Sunna (Gebetsabschnitte - freiwillige Gebete). Das waren die ersten zwei Raka’at (Gebetsabschnitte) welche ich bewusst gebetet habe. Unsere Reise führte uns im selben Monat noch nach Istanbul und es ist ein phantastisches Panorama, wenn man vor der Galata-Brücke vor Anker geht. Die Reede von Istanbul war damals sehr nahe an der Stadt. Wie gesagt, das überwältigende Panorama machte einen tiefen Eindruck auf mich und das erste, was ich tat, als wir an Land gingen war, dass ich versuchte, in eine Moschee zu kommen. Das gelang mir auch ohne weiteres, weil ich aus Alexandrien den Ablauf für einen Moscheebesuch kannte.

Es dauerte weitere vier Jahre des Zweifelns und der Suche, bis ich auf einer Reise entlang der westafrikanischen Küste, folgendes Erlebnis hatte: Wir nahmen in Dakar Passagiere an Bord und unter ihnen war ein junger Mann, der ganz ungeniert seine Gebete in aller Öffentlichkeit verrichtete. Ich hatte die Gelegenheit, ihn tagelang zu beobachten, mit welcher Intensität er seine Gebete sprach. Ich wurde an meinen Großvater erinnert, der ähnlich diesem jungen Mann ganz konzentriert bei seinen Gebeten war. Eine gewisse seelische Verbindung wuchs in mir zu diesem Mann und seiner Gebetshaltung. Und eines Tages kamen wir ins Gespräch. Wir setzten unsere Gespräche fort bis zu dem Abend, an dem wir in Duala in Kamerun eintreffen sollten. An dem Abend, bevor er also von Bord ging, hatte ich den Entschluss gefasst, Muslim zu werden, weil der Islam mir all die Antworten gab, die mich so lange beschäftigt hatten.

Am 10. September 1954 war es dann soweit – ich wurde in der Moschee des Compound Senegalese in Duala Muslim.

Wie sich herausstellte, war dieser junge Bruder Muhammad Makkital, der Sohn des obersten Schari’at-Richters von Senegal. Nach diesem Ereignis in Duala trafen wir nur noch einmal im Leben aufeinander, als ich ihn etwa drei Jahre später in Dakar besuchte. Wir haben noch öfters miteinander telefoniert, vor allem, wenn er in Paris war.

Also, der Grund meines Übertritts war der, dass ich eines Tages die Schwelle des ersten Gebotes nicht mehr überschreiten konnte.

Fatima Grimm: Im Gegensatz zu Abdul Karim, der immer wieder betont, dass es keinen Tag in seinem Leben gegeben hat, an dem er nicht gebetet hat, bin ich eigentlich schon sehr früh auf der Suche nach einem religiösen Halt gewesen. Denn in meinem Elternhaus spielte Religion überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil, meine vier Jahre ältere Schwester redete mir vor, dass es überhaupt keinen Gott gibt und dass alles auf der Welt durch Zufall entstanden sei und ich plapperte es artig nach, weil ich ja nicht als rückständig gelten wollte.

In meinen Tagebüchern allerdings fand ich beim späteren Durchblättern immer wieder Sätze wie: „Ich danke dir, lieber Gott, dass mir dies oder jenes Gute widerfahren ist.“ Heute wird mir klar, dass ich einfach nach einem Weg gesucht habe, meinen Dank abzustatten. Aber wie macht man das, wenn man sich nicht einmal sicher ist, ob es Gott überhaupt gibt? Es hat einige Umwege in meinem Leben gegeben, seien es die Zeugen Jehovas, das protestantische oder das katholische Christentum, ja sogar die Gralsritter und die Unitarier schienen mir beachtenswert. Aber als ich dann mit 24 Jahren erstmals einen Koran in Händen hatte, dazu Muhammad Asads „Weg nach Mekka“ las und begriff, dass sich der Islam ja nicht als neue Religion sondern als Fortsetzung von Judentum und Christentum versteht, da erwischte ich mich immer und immer wieder dabei, dass ich während meiner Koran-Lektüre unwillkürlich zu mir sagte: „Ja, ja, das ist es, was ich immer gesucht habe, das bestätigt, was ich halb unterbewusst schon selbst gedacht und empfunden habe.“

Zunächst war ich noch misstrauisch, ob es sich beim Islam nicht womöglich nur um eine schöne Theorie handelte, die in die Praxis umzusetzen aber kaum möglich ist. So probierte ich erst mal das Fasten aus mit wenig Hoffnung, dass ich das durchhalten würde. Aber siehe da, wenn ich Gott versprochen hatte, diesen Fastentag einzuhalten, erschien mir alles gar nicht mehr schwierig und abends schmeckte ein einfaches Glas Wasser, ein Stück trockenes Brot so köstlich, dass ich die vielen mit dem Fasten verbundenen Absichten – Erlangung von Gottes Wohlgefallen, Förderung der Selbstdisziplin, Mitgefühl mit Armen, die ständig mit Hunger und Durst zu kämpfen haben – vorbehaltlos verinnerlichen konnte. Und mit dem Gebet ist es mir ähnlich ergangen. Ich glaubte, in diesem Alter unmöglich das Gebet auf Arabisch erlernen zu können. Doch mit einem kleinen Gebetsbuch in Umschrift in der Hand wurde aus dem anfänglichen Stottern allmählich ein flüssiges Rezitieren. Und anstatt diese religiöse Pflichtübung als Belastung oder Beeinträchtigung meiner persönlichen Freiheit zu empfinden, begann ich mich nach den Gebetszeiten förmlich zu sehnen.

Zwei Jahre lang habe ich den Islam studiert, Koran gelesen, ausprobiert, wie es sich anfühlt, wenn man sich an die islamischen Pflichten hält, und dann wusste ich – das ist der richtige Glaube für mich. An meinem 26. Geburtstag habe ich am Küchentisch in der Wohnung eines geflüchteten russischen Imams mein Glaubensbekenntnis abgelegt. Das ist inzwischen 44 Jahre her und der Islam ist mit jedem Jahr noch schöner, reicher, beglückender für mich geworden. Wenn ich es manchmal auch kaum glauben kann – wie etwa auf der Pilgerfahrt nach Mekka -, dass Allah ausgerechnet mich, eine Frau aus Deutschland, dafür ausersehen hat – alhamdu-li-llah.

MM: Ihr gehört beide sozusagen zur ersten Stunde der deutschen und deutschsprachigen Muslime nach dem Weltkrieg. Seither ist sehr viel geschehen. Wenn Ihr zurückblickt, könnt ihr Euch an irgendeine Zeit erinnern, in denen Muslime in diesem Land es so schwer hatten wie heute?

Muhammad Abdul Karim Grimm: Wie ich bereits in meiner Übertrittsbeschreibung sagte, bin ich noch in der Zeit der Weimarer Republik geboren. Zwölf Tage trennten meinen Geburtstag von dem Tag der "Machtübernahme" Hitlers. Ich habe als wehrloses Kind die Schrecken des Krieges miterlebt, dazu die für uns "Otto Normalverbraucher" nicht deutlich sichtbaren Gräuel der Nazi-Herrschaft; alles in allem, die Bombennächte in den engen Luftschutzkellern, die Todesangst, nachdem das Haus über uns zusammengebrochen war und wir verschüttet waren. Dann zum Ende des Krieges der Einmarsch der Roten Armee in meine Heimatprovinz Ostpreußen, das alles wirkt bis heute in den Menschen meiner Generation nach, sofern sie noch leben.

Die Siegermächte übten an uns Übriggebliebenen bittere Rache. Vor allem beim Einmarsch der Russen in Deutschland passierten mit uns unglaubliche Dinge. Diese Traumata werden in der heutigen Zeit kleingeredet. Unsere Klage und Anklage tritt in Konkurrenz zu dem, was unsere jüdischen Mitmenschen bei ihrer Deportation und Inhaftierung erlitten haben. Wir standen doch zusammen auf der Liste derer, die geopfert werden sollten. Wenn Hollocaust Brandopfer bedeutet, dann stand ich in derselben Reihe wie der David Rosenbaum in Warschau und der Pjotr Iwanowitsch in Leningrad. Was macht es für ein zehnjähriges Kind aus, ob es an den Folgen der Phosphor-Bomben stirbt oder durch Artilleriebeschuss in Leningrad? Das Resultat bleibt dasselbe. Diese Kinder wurden sinnlos vernichtet in einem blinden Hass der Menschen gegeneinander.

Mich überrascht immer wieder, wie all das vergessen werden konnte, wie man heutzutage immer noch mit Menschen umgeht.

Mein Mitgefühl ist heutzutage international engagiert. Seien es die Opfer der Tsunami-Katastrophe. Oder die bedrängten Menschen in Afghanistan und Tschetschenien. Aber womit ich überhaupt nicht klarkomme, ist die Situation, welche die Menschen, Christen sowie Muslime, in Palästina betrifft.
In Palästina leiden unschuldige Menschen dafür, welche Gräuel an den jüdischen Mitmenschen in Europa verübt wurden. Mir ist ganz und gar verständlich, dass die überlebenden Juden in Europa nach einem eigenen Staat verlangten. Jedoch, das Land, das sie besiedeln wollten, war nicht unbewohnt, wie Izhak Rabin sagte: „Wir kamen in ein Land, das nicht leer und entvölkert war.“ Dieses Volk, das darin wohnte und wohnt, war aber unschuldig an dem Horror, welchen die jüdische Diaspora in Europa erlebt hatte. Wofür müssen diese Menschen also jetzt leiden, wofür büßen, frage ich mich? Die ganze Wut, die sich beim jüdischen Volk gegen Menschen anderen Glaubens und anderer Ethnie im Laufe der Jahrhunderte in der Diaspora aufgespeichert hat, dieser eiserne Wille, der daraus erwuchs, ein jüdisches Land für jüdische Menschen zu haben, entlädt sich voll und ganz auf die arabische Bevölkerung in Palästina. Aus der Sicht der Juden und aus der Sicht eines Europäers völlig verständlich, trifft es die Araber völlig zu Unrecht. Die Araber sind ja nicht schuld an den Unmenschlichkeiten, welche die Juden in Europa erfahren haben.

Der verstorbene König Abdul Aziz von Saudi Arabien sagte bei seinem Zusammentreffen mit Präsident Roosevelt im großen Bittersee, dass man den jüdischen Staat auf deutschem Boden errichten sollte, weil die Deutschen ja an der Vernichtung der Juden schuld seien.

Ich möchte dazu sagen: Zweimal Unrecht getan ergibt – wie wir alle wissen – kein Recht. So geht es doch nicht: Wir Juden haben Unmenschlichkeit erfahren, nun sind die Araber dran, mit unserer Wut und Entschlossenheit Erfahrung zu machen. An der Situation dieser armen Christen und Muslime in Palästina verzweifle ich fast.

Dieses als background für das, was jetzt auf uns einstürzt.

Die Situation in Deutschland, wie wir sie nach dem 11.9.2001 miterleben, ist die, dass man nach dem Fall der Sowjetmacht ein neues Feindbild brauchte. Die Geheimdienste, die Waffenindustrie und ihre Zulieferer, also jeder, der interessiert ist, schnell und sicher Geld zu verdienen, braucht dieses Feindbild, um weiterhin bestehen zu können. Nur mit dem Feindbild kann man die horrenden Einkünfte sichern. Der Super-GAU für diese Art von Institutionen wäre der ? , dass die Menschen der Welt sich vertragen würden, dass sie in fairer Diskussion ein Miteinander erreichen.

Das Feindbild Islam dient nun dazu, die Ansprüche der eingewanderten Muslime in Europa und in den Vereinigten Staaten auf ein Minimum herunterzuschrauben.
Arbeitslosigkeit und Defizit an Steuereinnahmen führen dazu, dass es nur noch wenig zu verteilen gibt. Integration aber kostet Geld und von daher bemerkt Herr Schily ganz richtig: „Die beste Integration ist die Assimilation.“ Die Assimilation geht nur zu Lasten der Einwanderer. Integration verlangt dagegen Investition von beiden Seiten. Diese Investition will man nicht mehr oder kann man nicht mehr erbringen.

Nun aber stellt man fest, die Muslime lassen sich nicht so leicht assimilieren. Das macht sie zu Buh-Männern und vor allen Dingen jetzt zu Buh-Frauen in Europa. Gerade bei unseren Frauen zeigt es sich, wie manipulierbar manche Doktrin im Moralgebäude Europas ist. Mit dem Slogan „Keine Gewalt gegen Frauen!“ übt man Zwang auf die muslimischen Frauen aus. Die Bekleidungskultur wird weltweit von der Religion für uns Muslime bestimmt. Sie gilt für Männer und für Frauen. Wenn eine Frau sich also daran halten möchte, sollte man ihr diese Entscheidung überlassen und sie ernst nehmen.
Am Kampf von Fereschta Ludin, die bis zum Bundesverfassungsgericht ihr Recht auf Selbstbestimmung erstreiten wollte, und anderen vorbildlichen muslimischen Frauen in Europa, sieht man doch eindeutig, wie ernst die Frauen die Vorschriften unserer Bekleidungskultur nehmen.

Das was früher die Juden auf ihrem langen Leidensweg in Europa erdulden mussten, trifft jetzt die Muslime mit ungehinderter Härte. Studieren wir den Daseinskampf der jüdischen Bevölkerung in der Diaspora Europas, so sehen wir, dass die gleichen Mechanismen, die für den Antisemitismus verwandt wurden, in den Massenmedien jetzt auf die Muslime zur Anwendung kommen. Das belegt eindeutig die Studie von Frau Dr. Sabine Schiffer „Der Islam in den deutschen Massenmedien“.

Wie schlimm sich alles wiederholt, zeigt uns der 11. September 2001. Dieser Tag war die „Radio Gleiwitz“-Inszenierung in Amerika, die dort zum Pearl Harbour-Erlebnis mutiert wurde.
„Radio Gleiwitz-Inszenierung plus „Islam als Feindbild“ lieferten den Grund für die Kriege und das Bombardement auf Afghanistan und den Irak.

Fügt man all diese Fakten zusammen und fragt: Wer hat einen Nutzen von so einem Anschlag? So kommt man sehr schnell zu der Antwort: Das alles nutze keinem Muslim auf der Welt. Kein Kind in Palästina, kein Kind in Tschetschenien und kein Kind in Afghanistan profitierte von diesem katastrophalen Szenario. Im Gegenteil, wir Muslime sind seitdem die Prügelknaben für all diejenigen Politiker, die es versäumt haben, eine gerechte Verteilungsordnung auf dieser Welt zu schaffen. Wer hat also diese Anschläge in Szene gesetzt?

Es geht noch weiter mit den Gegenüberstellungen aus der Geschichte jüdischen Lebens in Europa und dem Vergleich zu der muslimischen Situation heute. Der frustrierte jüdische Emigrant Grünspan erschoss einen reichsdeutschen Legationsrat in Paris und lieferte den Nazis den Vorwand für die "Reichskristallnacht" und in deren Folge, den Holocaust in Deutschland einzuleiten. Ein aus Marokko stammender Holländer ermordet den Filmemacher van Gogh und islamische Einrichtungen werden in ganz Europa attackiert. Es sind bisher 167 Anschläge auf muslimische Einrichtungen in Europa gezählt wroden. Also, dieses sollte doch jedem denkenden Menschen ein Anlass der Besinnung sein.

Die Deutsche Muslim-Liga feierte am 4. Dezember 2004 ihr 50-jähriges Bestehen. 1954 war die Eintragung ins Hamburger Vereinsregister erfolgt, die Gemeinschaft bestand aber schon länger. Der Festakt wurde in einem feierlichen Rahmen in der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg an der Trostbrücke begangen. Als wir zu dieser Veranstaltung gehen wollten, wurden zwei Zufahrtsstrassen blockiert und vor dem Gebäude der Patriotischen Gesellschaft standen etwa 30 Personen, bewaffnet mit den Flaggen Israels und der Bundesrepublik sowie mit einem riesigen Transparent, auf dem zu lesen war: „Gegen Antisemitismus und Antizionismus - Deutschland denken heißt Auschwitz denken“. Wir haben diese Leute und das Transparent photographiert, weil man sonst nicht glauben würde, was uns Muslimen da widerfahren ist.

Durchdenkt man den Inhalt dieses Satzes „Deutschland denken heißt Auschwitz denken“, so kann man zu mehreren Schlüssen gelangen. Mit dem Hintergrund meiner Lebenserfahrung aber durchfuhr mich natürlich bei dem Namen „Auschwitz“ ein Schrecken. Will man jetzt für die Muslime ein Auschwitz bauen? Ein Birkenau, ein Treblinka? Ist für die Muslime ein Ghetto wie in Warschau vorgesehen? Ich weiß nicht, welchen Gedanken diese jungen Menschen hegten. Allem Augenschein nach waren sie Sympathisanten des Staates Israel. Aber war ihnen auch im Gedächtnis, dass die Muslime nicht schuld an der Ermordung und Austreibung der Juden aus Europa waren? Alles in allem schien mir das sehr konfus und von Verdrängungsmechanismen gesteuert. „Wrong or right, my country!

Auch habe ich mich gewundert, welch eine Macht diese Demonstranten hatten. Sie blockierten in der engen Innenstadt die einzigen Zufahrtsstraßen zum Gebäude der Patriotischen Gesellschaft, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre. Jede andere Organisation wäre bestimmt daran gehindert worden, die Strassen zu blockieren. Lag es an den Flaggen Israels? Die Demonstranten verteilten an jeden, der in das Gebäude wollte, ein Flugblatt, in dem unsere Festredner Prof. Dr. Udo Steinbach und Professor Dr. Tariq Ramadan verunglimpft wurden. Das Flugblatt war mit den Worten überschrieben: „Keinen Dialog mit Islamisten“. Nun bin ich der Ansicht, dass gerade mit Menschen anderer Denkungsart der einzige Weg, mit ihnen ins Reine zu kommen, der des Dialoges ist. Kein Dialog bedeutet in der Konsequenz Auschwitz.

Also, wie gesagt, die Situation der Muslime wird zunehmend gefährlicher. Menschen reagieren sich bereits an uns ab, wie die Brandanschläge in muslimische Einrichtungen zeigen. Dass unsere Kopftuch tragenden Mädchen auf der Straße beschimpft und sogar angespuckt werden – wo soll das bloß enden, Herr Schily, Herr Beckstein? Herr Schily ist doch meine Generation, er ist genau so alt wie ich. Politisch gesehen stammt er aus der linken Bewegung. Das heißt also, er müsste das Ohr am Volke haben. Was Herrn Beckstein bewegt, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ist es die Angst vor den Ausgaben, welche eine ernsthaft durchgeführte Integrationspolitik mit sich brächten? Ist es Angst vor Überfremdung? Oder ist es gar Religionsfeindlichkeit? Aufgehängt an der Metapher „Feindbild Islam“. Herr Beckstein wird mir wohl diese Fragen nicht ehrlich beantworten wollen. Wenn, dann höchstens in einer äußerst diplomatischen Verklausulierung. Die Erfahrung der Deutschen mit dem Dritten Reich schreckt die Politiker natürlich ab von eindeutiger Konfrontation zu den Muslimen. Sie verstecken ihre wahren Gedanken und Vorhaben immer mehr hinter Metaphern. Der Pauschalverdacht gegen die Muslime ist schon gang und gäbe. Mit den Metaphern Fundamentalismus, Islamismus, Dschihadismus transportiert man nicht nur Islamfeindlichkeit in das Unterbewusstsein der europäischen Bevölkerung, sondern Religionsfeindlichkeit allgemein. Auf diese Umstand möchte ich gerade meine gläubigen jüdischen und christlichen Mitmenschen aufmerksam machen. Es geht gegen Religiosität überhaupt, nicht nur um die Religiosität der Muslime.

Die Frage, die an mich gestellt wurde, war doch, ob wir schon mal ähnlich schwere Zeiten in Deutschland durchlebt haben. Als deutscher Staatsangehöriger, der den Krieg und die Nachkriegszeit miterlebt hat, habe ich wohl schwere Zeiten durchlitten. Aber ich durchlitt sie mit meinem Volk gemeinsam. Und ich als Bürger dieses Landes habe mit ihnen gemeinsam Deutschland aus einem Trümmerfeld wieder aufgebaut. Nun aber steht mein Volk gegen mich, weil ich ein anderes Glaubensbekenntnis habe, oder für manche, weil ich überhaupt ein Bekenntnis habe. Als deutscher Muslim allerdings fühlte ich mich in der Bundesrepublik doch recht gut aufgehoben und am richtigen Ort lebend. Jedoch, was auf uns zukommt, das macht mir Angst. Läuft alles auf eine Wiederholung der Geschichte hinaus?

Müssen wir wirklich dasselbe miterleben, was unsere jüdischen Mitbürger durchgemacht haben? Soll Auschwitz wiedererstehen? Vielleicht mit einem anderen Namen versehen, wie zum Beispiel Guantanamo, Abu Ghraib und Bagram?

Ich habe also die Frage mit einer Gegenfrage beantworten müssen. Natürlich habe ich die Hoffnung, dass alles gut gehen wird, denn wer seine Hoffnung nicht hegt und pflegt, der verlässt den Boden unserer Religion.

Fatima Grimm: In den ersten 40 Jahren meines Muslimseins gab es natürlich auch sehr schmerzliche Momente. Ich denke da vor allem an die Ereignisse um die Olympischen Spiele in München im Jahr 1972. Und ich erinnere mich an den sogenannten ersten Golfkrieg, oder besser, die Zeit unmittelbar davor, als ich zur Umra, also zur kleinen Pilgerfahrt, in Mekka weilte. Da wurden bei den Gebeten in der großen Moschee vor der zweiten Ruku’, der zweiten Verbeugung, unglaublich lange Bittgebete zur Abwendung der befürchteten kriegerischen Handlungen gesprochen, etwas eigentlich absolut Unübliches in der sunnitischen Gebetspraxis. Nach Deutschland zurückgekehrt war ich allerdings erstaunt, wie viele Kirchengemeinden uns Muslime zu gemeinsamen Friedensgebeten einluden – man hatte deutlich das Gefühl, dass man in einem Boot sitzt.

Generell muss ich jedoch zugeben, so bedrückt wie heute habe ich mich noch nie vorher gefühlt. Vor allem weil ich den Eindruck habe, gegen Windmühlenflügel anzukämpfen. Wie immer ich argumentiere, was immer ich auch vorbringen mag, es wird stets negativ ausgelegt, ich finde mich alsbald in der Feindbild-Schublade wieder.

Es tröstet mich allerdings ungemein, dass die Leute aus unserem nicht-muslimischen Umkreis, die uns schon länger kennen, keine Vorbehalte zu haben scheinen – sie begegnen uns genau so freundlich und unvoreingenommen wie bisher. Ja es gibt sogar welche darunter, die uns förmlich zu trösten versuchen, uns versichern, dass es Missbrauch von Religion bei allen Glaubensgemeinschaften gibt und gegeben hat und dass man die Menschen, die dabei ihre Finger im Spiel haben, nicht mit der Idee oder den Idealen der betreffenden Glaubensgemeinschaft verwechseln darf.

MM: Werfen wir abschließend den Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft. Was sind ihre Wünsche für die Mehrheitsgesellschaft der Nichtmuslime und was wünschen sie von den Muslimen, um das Zusammenleben in diesem Land konstruktiv zu gestalten?

Muhammad Abdul Karim Grimm: Was diese Frage anbetrifft, so ist sie leicht zu beantworten. Ich habe festgestellt, wenn es meinen Landsleuten gut geht, wenn sie ihren Lebensunterhalt ohne Sorge bestreiten können, dann sind sie bereit, sich auch um die Probleme von Minderheiten zu kümmern. Die Jahre vor 1933 aber haben es gezeigt, dass der Hass gegen Minderheiten dann besonders Nahrung findet, wenn die wirtschaftliche Lage des Volkes nicht zum besten steht. Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit, dann ist genau das immer das Kriterium, welches auf das Zusammenleben, auf das Miteinander der Menschen nachhaltige Wirkung hat.

So betrachtet, haben wir mit großen Schwierigkeiten zu rechnen. Ein paar Arbeitslose mehr, ein paar Neonazis mehr, und es gibt eine Pogromstimmung. Die eingewanderten Muslime schleppen die Probleme ihrer Heimatländer mit ihrem Gepäck nach Europa hinein. Sie tragen in ihrem Herzen Feindbilder und suchen eine Möglichkeit, ihren Feinden von hier aus zu schaden. Das stellt die Innenministerien der Länder und des Bundes natürlich vor Aufgaben, die sie polizeitechnisch zu lösen haben. Die Motivation unserer Glaubensgeschwister ist nicht immer rein islamischer Natur. Nationalismen spielen eine Rolle. Religion und daraus gebastelte Befreiungsideologien sind ein unheilvolles Mittel, Krisen auf der Welt zu beseitigen. Manche Menschen auf unserem Erdenrund, nicht nur Muslime, halten die Religion für eine Lizenz zum Töten. Andere sehen in der Religion eine Anleitung, den Märtyrertod zu suchen. Islam leben kommt doch darauf, wo ich Islam lebe. Geographische, klimatische und politische Umstände im Lande sind ein Lebensrahmen. Die Religion gibt Anweisung für den Lebensvollzug, in welchem auch immer wie gearteten Rahmen der Muslim zu leben hat.

Wir hier in Europa, zumal die Staatsbürger islamischen Glaubens, haben eine Verpflichtung zur Loyalität gegenüber diesem Heimatland. Sie haben aber auch eine Verpflichtung der Ummat-ul-Muslimin gegenüber. Ganz klare Richtlinien diesbezüglich gibt es im Koran. Die europäische Staatengemeinschaft muss ganz selbstverständlich die Sicherheit ihrer Bewohner garantieren. Wenn dort Störenfriede sind, welche diese Sicherheit gefährden, dann müssen sie damit rechnen, bekämpft zu werden. Ich empfehle also jedem Muslim, der sich in Europa um eine Staatsbürgerschaft bemüht, die Landesgesetze einzuhalten. Und sein Leben als ein gläubiger Muslim einzurichten, wie Allah ihm das befiehlt.

In diesem Zusammenhang sind vier Begriffe zu nennen, welche bei den Muslimen nicht mit der Klarheit definiert werden, mit der man sie jedoch definieren sollte:

1. Begriff: Dar-ul-Islam – das ist das Land, mit einer nach islamischen Grundsätzen ausgerichtete Regierung.

2. Begriff: Dar-ul-Harb – das ist das Land, mit dem sich diese islamische Regierung in einem Kriegzustand befindet.

3. Begriff: Dar-ul-‘Ahd – das sind die Völker, mit denen die Muslime einen Vertrag eingegangen sind, wie auch immer dieser geartet sein mag: Handelsverträge, Beistandsverträge etc., und dann gibt es als

4. Begriff: Dar-ul-Schahada – das ist die Erkenntnis des gläubigen Muslims, dass die ganze Welt, das ganze Universum Allah gehört und dem Menschen dieses Land und die Meere nur in Treuhandschaft überlassen worden sind.

Also, der Muslim muss auf der ganzen Welt und in jeder dieser Positionen, die oben angegeben sind, Zeugnis dafür ablegen, dass er ein verantwortungsbewusstes Leben führt als Khalifa-ul-Llahi fi-l ‘Ard, als Statthalter Gottes auf Erden.

Dem Muslim ist es verboten, von sich aus Fasad fi-l-‘Ard, das heißt Unheil auf Erden, zu stiften. Fasad fi-l-‘Ard ist eines der schwersten Verbrechen, neben Schirk, Gott etwas oder jemand anderen zur Seite zu stellen / beizugesellen, weil es das friedliche Zusammenleben der Menschen untereinander unmöglich macht. Der Muslim aber ist verpflichtet, Frieden zu machen. Ahmad von Denffer benutzt in seiner Koran-Übersetzung diese Wortneuschöpfung für „Muslim“: „Unser Herr, und mache uns Dir friedenmachend Ergebene, und von unserer Nachkommenschaft eine Dir friedenmachend ergebene Gemeinschaft...“ (Sure 2 Vers 128)

Die Richtung ist klar vorgegeben. Dann klappt es auch mit dem Nachbarn. Wenn ich auf der ganzen Welt als Muslim dazu verpflichtet bin, ein Zeugnis für die Religion Gottes abzugeben, dann kommt es doch sehr darauf an, wie ich persönlich die Botschaft meinem Nachbarn verständlich, erfahrbar mache. Denn der Nachbar hat ein Recht darauf, von mir beachtet zu werden. Seine Sicherheit darf ich nicht gefährden. Wenn der Nachbar weiß, dass ich ein Muslim bin, dann wird er sich fragen: Wie wirkt diese Religion in diesem Menschen? Nun liegt es an mir, ihm zu beweisen, dass der Islam durch mich für ihn keine Gefahr bedeutet – im Gegenteil, er hat einen hilfsbereiten, friedfertigen Nachbarn gefunden.

Ich habe noch drei Indikatoren, an denen sich feststellen lässt, wann der Islam in Europa angekommen ist.

1. Indikation: Wenn wir aus der Verbannung ins Hinterhof-Milieu an die lichte Öffentlichkeit treten.

2. Indikation: Wenn die Toiletten und Waschräume in unseren Moscheen das Niveau eines zumindest Vier-Sterne-Hotels erlangt haben, und vor allen Dingen, wenn die Benutzer dieser Anlagen gesittet-reinliche Örtlichkeiten hinterlassen.

3. Indikation: Wenn ich auf den Raststätten an der Autobahn Waschmöglichkeiten für meine Ausscheidungsorgane vorfinde und auf jedem Rastplatz an der Autobahn ein sauberer, nach Mekka ausgerichteter Gebetsplatz bereitgehalten wird.

Dann sind die Muslime tatsächlich in Europa angekommen.

An meinen Ausführungen kann man klar erkennen, dass es immer auf die Einzelperson Muslim ankommt. Jeder von uns muss auf der ganzen Welt Zeugnis ablegen für die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit seiner Religion. Bei verbalen Bekenntnissen kann man das nicht bewenden lassen. Glaube und Tat sind im Islam eine Einheit.

Nun möchten manche von Europhilie geplagte Muslime den Islam weichspülen. Auch zu diesem Punkt müssen wir Stellung beziehen, wenn wir das Zukunftsbild des Islam ausmalen wollen. Der Islam ist nicht militant. Der Islam ruft die Menschen nicht zur Militanz auf. Aber er ruft sie dazu auf, dass sie wehrhaft sind, dass sie sich verteidigen mögen, wenn sie angegriffen werden. Der Koran ist das Heiliges Buch, in dem meines Wissens nach das erste Mal davon die Rede ist, dass ein Angriffskrieg nicht mit der Religion begründet werden kann. Verteidigung ist denen geboten, die angegriffen werden, so steht es wörtlich im Koran. Ein Islamischer Staat hätte also nie einen Kriegsminister in seiner Regierung, sondern das wäre immer ein Verteidigungsminister.

Welch ein Zukunftsbild, wenn sich alle Menschen darauf einigen könnten, den Nachbarn nicht anzugreifen, aus welchen fadenscheinigen Gründen auch immer. Die Gründe für einen Angriffskrieg sind immer fadenscheinig vom Standpunkt der Menschlichkeit gesehen. Es gibt Armeen, die Siege errungen haben. Aber gewonnen hat noch niemand durch einen Krieg.

Fatima Grimm: Mein größter Wunsch an die Nicht-Muslime ist, dass sie begreifen: Religion kann etwa sehr Schönes, Bereicherndes sein. Sie will nicht die Freiheiten beschneiden, vielmehr sie in gesunde, insbesondere für die Familie förderliche Bahnen lenken. Und sie kann ansteckend auf eine Weise sein, die dem Einzelnen hilft, seine Lebensaufgabe zu bewältigen.

Wenn sich eine muslimische Frau bedeckt, will sie nicht Fanatismus zur Schau stellen, sondern sich und ihre Familie schützen und anderen signalisieren: ich will nur für die verfügbar sein, die zu den Meinen gehören, will andere in Ruhe lassen und selbst in Ruhe gelassen werden. Wenn also eine Nicht-Muslima einer Frau mit Kopftuch begegnet, soll ihr sogleich bewusst sein: Diese Frau möchte nicht die Aufmerksamkeit meines Mannes, meines Sohns erregen. Sie will durch ihre Zurückhaltung zum Frieden und zur Eintracht in der Gesellschaft beitragen. Darum ist sie mir eine liebe Schwester.

Und von uns Muslimen wünsche ich mir, dass wir unseren Glauben verinnerlichen und erst an uns selber arbeiten, bevor wir die größten Weltverbesserungsmodelle entwerfen. Dazu gehört, dass wir echtes Wissen über unsere Religion suchen und dieses Wissen dann auch in die Tat umsetzen. Was wird im Koran nicht alles den Geduldigen, Standhaften, Friedfertigen versprochen? Neben dem ewigen Lohn ist es vor allem das reine Gewissen, das uns nachts ruhig schlafen und tags zielstrebig unseren Pflichten und zur rechten Zeit unseren erholsamen Freizeitbeschäftigungen nachgehen lässt.

Was mir wirklich Hoffnung macht, sind die jungen Muslime. Dazu ein Beispiel: Viele junge Leute aus den muslimischen Gemeinden in Hamburg sind durch ihre Vereine Mitglieder in der Schura Hamburg. In diesem Dachverband sind 85 Prozent der in der Hansestadt ansässigen muslimischen Vereine, Moscheen und Institutionen vereinigt, um den Behörden gegenüber mit einer Stimme sprechen zu können, wenn es um muslimische Belange geht. Diese jungen Leute hatten beschlossen, unter der Federführung der Schura, vor Jahresende Mahnwachen unter dem Motto „Muslime gegen Terror“ abzuhalten. Während der letzten vier Wochen im Dezember ließen sie sich dazu einen Platz an der Einkaufszeile Mönckebergstraße zuweisen.  Zweimal wöchentlich führten die jungen Menschen, unter ihnen auch Studenten und Studentinnen der Islamischen Hochschulgemeinde Hamburg, Gespräche mit Passanten, boten warmen Tee und Kekse an und versuchten so, Vorbehalte abzubauen und Brücken zu einem besseren Miteinander zu schlagen. Hier ein paar Eintragungen aus dem Gästebuch, die beweisen, dass diese Mühe nicht umsonst war: „Wir haben auf so ein Zeichen gewartet!! Wir finden es super, dass endlich so eine Aktion stattfindet.“ Oder: „Missbrauch gibt es in allen Religionen – danke dass Ihr deutlich macht, dass Ihr nicht in denselben Terror-Topf gehört – ich wünsche Euch Mut, Kraft, Ausdauer und ganz viel Unterstützung von allen Menschen guten Willens! Gott mich Euch!“ Und: „Ich liebe Euch, dass Ihr stark seid in dieser Kälte. Nur für Gott und Frieden.

Gebetsnische in der Bauernrosenmoschee auf dem Grundstück der Grimms

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