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Das Tierische überwinden, um Menschlichkeit zu erlangen

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Von Yavuz Özoguz am 23. November 2009 13:50:06:

Das Tierische überwinden, um Menschlichkeit zu erlangen

Im Tierreich gibt es so ziemlich jede Handlung, die unter Menschen als schlimmste Verbrechen gewertet werden würde. Und so muss der Mensch seine “tierische“ Ader überwinden, um menschlich zu werden.

In alle Sprachen der Welt werden Tieren bestimmte Eigenschaften zugeordnet, die auf den Menschen übertragen und hier meist als Schimpfworte verwendet werden. Das hängt damit zusammen, dass der Mensch einerseits die Veranlagung zu einem “Tier“ hat aber andererseits auch die Veranlagung, diese zu überwinden. Die Tiere spielen ihm dabei lediglich das vor, was und wie er sein würde, wenn er seinen Trieben freien Lauf ließe und Sinn und Ziel seiner Schöpfung als Mensch vergisst bzw. ignoriert. Neben den Kapitalverbrechen Mord, Raub und Vergewaltigung gibt es auch alle unliebsamen Charakterzüge im Tierreich wie Neid, Prahlerei, Stolz, Hochmut, Eitelkeit, Ruhmsucht, Geiz, Habgier, Genusssucht, Rachsucht, Völlerei, Faulheit, Feigheit und viele andere den Menschen erniedrigende Eigenschaften.

In der deutschen Sprache werden eine ganze Reihe von Tieren zur Verunglimpfung von Menschen und menschlicher Handlungen eingesetzt. Rindvieh, Kamel, Esel und Affe müssen für den jeweiligen Intelligenzgrad eines Menschen herhalten, obwohl Letzterer zu den Intelligentesten im Tierreich zählt. Ein Esel kann neben dem fehlenden Intelligenzgrad auch als Kennzeichnung des Störrischen dienen. Das Schweinische steht eher für den Mangel an Hygiene, insbesondere in Form des Ferkels und der Fuchs für die schlaue List. Falkenaugen hingegen wünscht sich jeder, wie auch die Flinkheit eines Wiesels. Aber niemand möchte zur Schnecke gemacht werden oder sich einigeln müssen. Raubtiere stehen heutzutage eher im Zusammenhang mit der Finanzwelt, wie Aasfresser, Geier und Hyänen. Aber auch Heuschrecken führen zu Katastrophen. Eine eher weniger liebevolle körperliche Beziehung zu seinem Partner symbolisieren männliche Hasen und eine weniger wertende Bezeichnung kommt aus allem Fluggetier. Löwenstark oder Bärenstark will zwar gerne jeder sein, aber es ist nicht klar, welcher stärker ist, vielleicht auch deshalb, weil sie sich so selten begegnen. Das Katz-und-Maus-Spiel hingegen fällt inzwischen schon in den Bereich des Mobbingstrafrechts und Schlangen werden wegen Anstiftung zu Straftaten verfolgt. Warum manche Frauen das Mäuschen oder Häschen eines Mannes sein sollen, bleibt allerdings unklar. Als Ochse wird selten ein Mann bezeichnet, der nur noch Onkel werden kann. Und mit Hund bezeichnet man nicht einen treuen Menschen, sondern eher einen niederträchtigen. Aber beim Hund gibt es Sonderregeln: Wenn man ein Adjektiv voranstellt wir “harter Hund“ oder “elender Hund“ wird die Bedeutung modifiziert. Die Ratte steht hingegen fast immer für Hinterlist. Die Gans kann nur weibliche Personen treffen und symbolisiert nicht gerade Klugheit wohingegen der Rabe oft auf weniger liebevolle Eltern angewandt wird. Schafe stehen oft für eine Herde, die blind folgt, unabhängig davon, ob die eingeschlagene Richtung sinnvoll oder schädlich ist, selbst wenn der Hammel anders zu werten ist. Der Entenmarsch hat dafür umso weniger mit dem Militärischen zu tun. Und wer wollte schon ein Frosch sein, selbst wenn es nicht um die Wetterfühligkeit ginge.

So werden für viele Tiere viele Eigenschaften zugerechnet. Fabeln und Märchen sind voller Tiere, die stellvertretend für eine Eigenschaft stehen. Als Beispiele seien genannt: Der Wolf und die sieben Geißlein, Rotkäppchen, Bremer Stadtmusikanten und Froschkönig. Zeichentrickserien als Buch oder Film, insbesondere von Walt Disney, haben im letzten Jahrhundert die alten Märchen abgelöst. Und sehr berühmte Bücher wie “Animal Farm“ gehen auf dieses Rollenspiel ein.

Sehr schön zusammengefasst hat die tierische Menschenwelt der deutsche Dichter Erich Weinert (1890-1953) in seinem Gedicht “Von allerhand Tieren“, das er 1921 verfasst hat:

Einst hatt' ein Löwe sein Getier versammelt
Und hatte lange und ergrimmt
Im Gottesgnadenton gestammelt
Und schließlich feierlich bestimmt:
Man müsse sich zum heil'gen Kriege rüsten,
Zur Rettung der Nation und Dynastie!
Da scholl bewegt aus Untertanenbrüsten
Ein Hoch dem Kriege und der Monarchie.
Da stiegen alle Esel von Kathedern
Und zeigten militärische Allüren.
Die Füchse spitzten ihre Gänsefedern
Und schrieben Leitartikel und Broschüren.
Der Löwe schrieb: „An meine braven Schafe!
Der König ruft! Erwacht aus eurem Schlafe!
Verkennt den Ernst der großen Stunde nicht!“ -
Da taten auch die Schafe ihre Pflicht.
Sie stürmten wild an ihre Landesgrenzen,
Dem Feind die Hörner in das Herz zu bohren.
Im Lande blieben die Intelligenzen
Als unabkömmliche Kulturfaktoren.
Die Esel stiegen wieder aufs Katheder
Und sprachen von heroischer Verklärung.
Die Schweine handelten mit Fett und Leder
Und garantierten so die Volksernährung.
Die Geier stürzten sich auf die Tribute
Und schufen mit den Wölfen Syndikate.
Die Schafe aber zahlten treu dem Staate
Mit ihrer Wolle und mit ihrem Blute.

Man schreit hurra. Es hagelt nur von Siegen.
Rein überschaflich sind der Schafe Kräfte.
Die Wälder füllen sich mit Beutezügen,
Und alle Welt macht glänzende Geschäfte.
Die Wölfe schmücken sich mit hohen Orden,
Die Schweine werden schier zum Platzen mollig.
Doch nur die Schafe scheinen nicht mehr wollig
Und sind erheblich magerer geworden.
Das ganze Hammelvolk kam auf den Hund.
Die Sache hatte einen tiefren Grund:
Das Schweinevolk in höhren Positionen,
Das fraß begeistert doppelte Rationen.
Doch so was war den Schafen selbst zu bunt.
Und eines Nachts ist plötzlich alles stumm,
Die satten Bäuche fahren aus dem Schlafe:
Die Hammelschaft dreht die Gewehre um
Und konstituiert die Republik der Schafe.

Da flohn die Heimathelden in die Wälder.
Der Löwe selbst verschwand im Siegerkranz.
Das Schweinevolk versteckte seine Gelder.
Man zitterte vor jedem Lämmerschwanz.
Nun fühlten sich, von Etsch bis Belt,
Die Schafe über alles in der Welt.
Dann gaben sie, als einzig Volk von Brüdern,
Für jedes Raubtier volle Amnestie.
Das kroch sogleich heran, sich anzubiedern,
Und predigte von Gleichheitsharmonie.
Es wandelte wie Schafe unter Schafen
Und huldigte Verfassungsparagraphen.
Gefallen waren die sozialen Hürden;
Und Wölfe, Esel, Geier, Schweine
Bekamen wieder Amt und Würden
Und gaben wieder jedem Schaf das Seine.
Der Oberhammel sprach zu seinen Heeren:
„Wir brauchen nichts als unsers Leibes Nahrung.
Die uns regieren, haben die Erfahrung.
Drum lasst euch nur verfassungsmäßig scheren!“
Da wurden gleich die Esel wieder keck,
Die Schweine wurden wieder fett und fetter,
Die Füchse schufen nationale Blätter,
Und selbst der Löwe kroch aus dem Versteck.
Die Wölfe trugen Orden auf den Lenden,
Die Geier schluckten hohe Dividenden.
Und eh man sich versehn, war weit und breit
Auf einmal wieder gute, alte Zeit.
Und auch die Wölfe hatten unterdessen,
Wo sie als Staatsanwälte figuriert,
So manchen armen Hammel aufgefressen,
Der einst für Hammelfreiheit agitiert.
Die Schafe lagen bei den Wiederkäuern
Und kauten Gras und zahlten ihre Steuern.
Und riss zuweilen eine Lammsgeduld,
Dann rief das Oberschaf: „Nur kein Tumult!
Ertragen wir mit Würde Gottes Strafe,
Denn wir sind auch nicht ohne Schuld.“
Das sahen denn die treuen Lämmer ein,
Die nichts verstehn und alles gern verzeihn,
Und kehrten heim zum großen Dauerschlafe.
Es waren eben veritable Schafe!

Im Heiligen Qur´an (7:179) heißt es über eine bestimmte Art von Menschen: „... sie haben Augen, mit denen sie nicht sehen; und sie haben Ohren, mit denen sie nicht hören. Jene sind wie das Vieh. Aber nein! Sie irren noch weiter ab.“ Eine ähnliche Beschreibung gibt es auch an anderer Stelle (Heiliger Qur´an 25:44). Zu solchen Menschen, die ihre Menschlichkeit nicht zur Entfaltung kommen lassen, sagte Imam Zain-ul-Abidin, der Urenkel des Propheten Muhammad und Sohn von Imam Husain: „... wenn sie dann so wären, wären sie dann aus der Grenze des Menschseins in den Kreis des Tierseins ausgetreten: Sie wären dann, wie es Gott in seinem eindeutig verfassten Buch beschreibt ...“

Die Wölfe, Hyänen und Geier kann man nicht auffordern, die Schafe und Lämmer in Ruhe zu lassen. Aber jeder einzelne Mensch kann sich innerlich durch Selbsterziehung rüsten, die Angriffen von Wölfen, Hyänen und Geiern abzuwehren und sich mit seinen Fähigkeiten – seien sie gering oder umfangreich – auf die Seite der Schaffe und vor allem Lämmer stellen, damit diese sich zu widerstandsfähigen Menschen entwickeln können.

Der Mensch ist erschaffen, um die Liebe Gottes zu empfangen. Dazu ist er aber nur als Mensch befähigt, nicht als Tier. Und ein Mensch ist dem Tier überlegen, nicht weil er ihm körperlich überlegen wäre, sondern weil er mehr ist, als nur Körper!

Der Sturz des Pfauenthrons war ein klares Zeichen, dass die Wölfe dieser Welt nicht unbegrenzt walten können, wenn sich nur ein echter Mensch ihnen in den Weg stellt. Seither gibt es in jenem Land kein Tier mehr als Symbol für sein Volk oder den Staat. Andere Länder aber, die z.B. Bären oder Adler hervorheben, sollten sich einmal fragen, warum sie das tun?



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