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Die Ich-bin-besser-Front im Monat Ramadan durchbrechen

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Von Yavuz Özoguz am 28. August 2009 10:36:42:

Die Ich-bin-besser-Front im Monat Ramadan durchbrechen

Der Heilige Qur´an führt sämtliche Sünden der Menschheit auf eine Ursünde zurück, die sich in dem Gefühl ausdrückt, besser zu sein als andere. Jenes Gefühl ist in Wirklichkeit eine Wahnvorstellung, die auch Ursache für alle Missstände in der Außen- und Innenpolitik ist.

Die Geschichte des “Ich-bin-besser-Wahns“ im Heiligen Qur´an ist schnell erzählt. Gott fordert Satan auf, sich vor dem Menschen niederzuwerfen. Diese Handlung symbolisiert nicht etwa, dass er den Menschen anbeten soll, sondern dem Menschen dienen soll um Gottes Willen. Der aber weigert sich. Dann heißt es: „Er sprach: »Was hat dich daran gehindert, dich niederzuwerfen, als Ich es dir befohlen habe?« Er sagte: »Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Ton erschaffen.« ( Heiliger Qur´an 7:12)

Satan wird aufgefordert, dem Menschen dienlich zu sein, um Gottes Willen, aber er weigert sich. Er will dem Menschen nicht dienlich sein! Und er begründet es damit, dass er besser sei aufgrund seiner “Herkunft“. Und damit nimmt der Wahn seinen Lauf, der den inneren Widerspruch aufdeckt. Denn die wahre Herkunft jeglicher Schöpfung ist nicht der “Zwischenschritt“ Feuer oder Ton, sondern Gott selbst. Die Verblendung setzt ein. Es ist die gleiche Verblendung, die Menschen haben, wenn sie andere Menschen aufgrund der Hautfarbe oder anderer Merkmale “einordnen“ und ihnen nicht dienen wollen, weil sie eine andere Ethnie hätte usw..

Tatsächlich ist der Dienst am Menschen keine Stufe der Erniedrigung, sondern eine Stufe der Erhöhung! Nicht umsonst gibt es etliche Überlieferungen des Propheten Muhammad (s.), dass der beste Mensch derjenige ist, der den anderen am dienlichsten ist. Auch der Hinweis, dass der Gottesdienst sich im Dienst am Menschen widerspiegelt deutet in diese Richtung. Wer wünscht, dass ihm gedient wird, glaubt, etwas Besseres zu sein und verliert sich in jenem teuflischen Wahn.

Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte von Fronten! Kains Neidfront gegen Abel, die Fronten von Herrschern gegen Propheten, die Front der Römer gegen Juden und Christen, die Front der Christen gegen Juden und Muslime in Spanien, Kreuzzügler gegen Muslime und Juden in Jerusalem, Muslime gegen Christen und Juden in Wien, die Front heutiger Kreuzzügler gegen Christen und Juden im Irak, die Front des Zionismus gegen alle, die in Palästina wohnen und keine Juden sind, die Front der Westlichen Welt gegen den Rest der Welt, die Front der Reichen gegen die Armen, Kapitalismus gegen alternative Wirtschaftssysteme usw.. Aber auch bei einer weniger kriegerischen Front, wie dem Wahlkampf gibt es diese Auswüchse: Die Front von Rechts gegen Links, Schwarz gegen Rot, Realos gegen Fundis usw..

Eines ist aber allen diesen Fronten gemeinsam, ob im Großen oder im Kleinen! Stets glaubt die eigene Seite “besser“ und “überlegen“ zu sein und nie steht die Dienlichkeit am Menschen im Vordergrund, selbst wenn es manchmal all zu heuchlerisch vorgegeben wird. Man schaue sich dazu nur den Wahlkampf an. Wo gibt es irgendeine Parole, einen Wahlslogan oder Hinweis, dass eine Partei dafür antritt, den Menschen dienen zu dürfen? Aber alle behaupten “besser“ zu sein, als die anderen!

Die letztendliche Wahnvorstellung “besser zu sein“ kann nur durch den Bezug auf den Schöpfer und die eigene Relativierung zum Diener Gottes überwunden werden. Und die Freude am Dienst, Gottesdienst, um dem Menschen besser dienlich sein zu können, kann ebenfalls nur dann gelebt werden, wenn man es als Gnade Gottes empfindet, dieses Geschenk erhalten zu haben, dienen zu können und zu dürfen! Wer es nicht als Geschenk, als Gnade, als wunderbare Selbsterziehung zur Vervollkommnung versteht, der wird den Dienst nicht lange durchhalten können. Hunderte von „Linken“ zur Studienzeit, die später in den Aufsichtsräten von DAX-Unternehmen zu “Bossen“ in jeder Hinsicht mutiert sind, sind ein deutlicher Beweis für das fehlende Durchhaltevermögen diesbezüglich ohne den Gottesbezug.

Gott hat uns erschaffen, damit wir Seine Liebe empfangen können. In Seiner wunderbaren und vollkommen selbstlosen Liebe hat er uns angeboten, dass wir zu einem Menschen erhoben werden können, in dessen Herzen der Thron Gottes wirkt. Diese höchste der Positionen können wir nur Ansatzweise erahnen in der “Tiefsten“ der Stellungen im Ritualgebet, in der Niederwerfung vor Gott. Der “Niedrigste“ wird der Höchste sein.

Der Monat Ramadan ist ein Meilenstein in der Selbsterziehung zum bestmöglichen Empfang der Gnade der Liebe durch die Gnade dienen zu dürfen. Die Glaubensgeschwister fasten, sie sind möglicherweise leichter reizbar, sie sind müde. Welch eine Gnade in diesem Monat verzeihender sein zu können als sonst! Welche eine Gnade, in diesem Monat den Geschwistern dienlicher sein zu können als sonst! Und welch eine Gnade, einmal im zeitlich begrenzten Durst und Hunger des schwachen Körpers darüber nachzudenken, wer man eigentlich ist, und wozu man erschaffen wurde.

Den Menschen dienlich sein, das ist eine Aufgabe, die den Menschen erfüllen kann, wenn er weiß, dass er es um Gottes Willen tut und den Lohn nicht etwa von den Menschen, sondern ausschließlich von Gott erhofft. Krankenschwestern in Hospizen (sehr oft Nonnen) können die Schwestern seelischen Herausforderungen nur so meistern. Aber der Lohn Gottes ist großartig!

Die widerspenstige Seele in uns, die stets dem Teufel Zugang zu unserem Herzen gewähren will, wenn wir es nicht verhindern, will aber nicht dienen. Sie will Gemütlichkeit. Sie will “besser“ sein, sie will Faulheit und Nachlässigkeit. Der Teufel will uns dazu bewegen, “starre“ Fronten aufzubauen, um in diesen Fronten abgelenkt zu werden von der eigentlichen Front in unseren Herzen. Eine derart typische Front, die manche Kräfte in unserer Zeit versuchen aufzubauen, ist “Juden gegen Muslime“ oder umgekehrt. Berühmte Schreiberlinge der Hofberichterstattung, die sich selbst als angebliche Juden zu erkennen geben, schreiben am heftigsten gegen Muslime. Israel wird in jeder Hinsicht als “besser“ dargestellt, weshalb es auch Sonderrechte erhält. Der Islam darf kritisierst werden, Israel aber nicht. Israel darf die ganze Welt mit Atomwaffen bedrohen, aber andere dürfen noch nicht einmal für friedliche Zwecke Atomenergie nutzen. Israel darf Land besetzen und alles zu seinem eigenen Schutz tun, aber die besetzten dürfen sich nicht schützen. Israel muss als “Judenstaat“ anerkannt werden, aber Palästina darf nicht einmal als Staat ohne Religionsspezifikation anerkannt werden. All das sind die zu mörderischen Feldzügen führenden Wahnvorstellungen des Besserseins!

Doch darf man hier eben nicht in die Falle hineintappen, die Fronten des “Besserseins“ von denen zu übernehmen, die sie uns aufzuzwingen versuchen. Denn so, wie sie es beschreiben, verlaufen die Fronten eben nicht. Es gibt viele Juden, die diesen Wahn nicht mitragen wollen. Und es gibt so manche Muslime, die maßgeblich mitverantwortlich sind für jenen Wahn (man denken da nur an Könige und Prinzen in ihren Wahnsinnspalästen). Die Front verläuft durch das Herze eines jeden Einzelnen, nicht zwischen Religionen.

Der Monat Ramadan ermöglicht mehr denn je sich zu läutern, mit schweren Tagen wie heute beim Ableben von Abu Talib und in wenigen Tagen beim Dahinscheiden der gesegneten Chadidscha aber auch leichteren Tagen.

Wir müssen die Ich-bin-besser-Front durchbrechen in einen „Wie-kann-ich-besser-dienen-Wettkampf“. Der Schlüssel dazu ist die Dankbarkeit. Seien wir dankbar für jeden Moment Hunger, den wir haben, um mit denen fühlen zu können, deren Hunger nicht zeitlich begrenzt ist, wie bei uns. Seien wir dankbar für jeden Moment des Durstes, den wir nicht sofort stillen können, um mit denen zu fühlen, die nicht so leicht an Wasser herankommen, wie wir. Seien wir dankbar für das gesegnete abendliche Beisammensein. Seien wir dankbar dafür, dass wir erschaffen wurden, um dienen zu dürfen. Und nehmen wir unsere Zuflucht zum Allmächtigen vor den Fehlern, die wir bei all unserem Streben begehen und Er uns schützt. Vor allem aber seien wir dankbar dafür, dass uns Gott die Dankbarkeit als Seine Gnade und aus Seiner Liebe heraus geschenkt hat.



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