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Johannes Auer im Gespräch mit Dr. Yavuz Özoguz

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Muslim-Markt

Von Muslim-Markt am 24. Februar 2009 11:33:36:

Johannes Auer im Gespräch mit Dr. Yavuz Özoguz
Ein Beitrag zur sogenannten „Islam-Debatte“

Bereit gestellt von
Abendland, Quartalsschrift, Heft 6, 2008

Zur Person:
Yavuz Özoguz ( Jahrgang 1959 in Istanbul) ist ein Muslim türkische-sunnitischer Eltern, der mit einem Jahr nach Deutschland kam, dort aufwuchs und die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Religiös „konvertierte“ er zur Schia, nachdem er jahrelang in der ESG (Evangelische Studenten Gemeinschaft) mitwirkte. Nach seinem Abitur in Hamburg und dem Studium der Verfahrenstechnik an der TU Clausthal, schrieb er seine mit Auszeichnung "summa cum laude" bewertete Doktorarbeit in der Ingenieurswissenschaft an der Universität Bremen.

Zusammen mit seinem Bruder Gürhan Özoguz gründete er u.a. die Website "Muslim Markt", für die er gleich mehrfach von deutschen Medien scharf attackiert wurde. Insbesondere seine Kritik an Israel führte 2004 zu einem Urteil wegen Volksverhetzung (er hatte Bilder israelischer Soldaten, die Palästinenser unterdrücken, kommentarlos Bildern von unterdrückten Juden in der Nazizeit gegenüber gestellt). Das Urteil wurde aber nie rechtskräftig, da Özoguz einen Vorschlag der nächsthöheren Instanz zur Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldspende an ein Kinderhospiz akzeptiert hat. All jene Erfahrungen hat Özoguz zusammen mit seinem Bruder in seinem sehr bekannt gewordenen Buch "Wir sind "fundamentalistische Islamisten" in Deutschland" zusammen¬gefasst, wobei die Gänsefüßchen nicht zufällig gesetzt sind. Schwerwiegender auf sein Leben wirkte der Vorwurf zum angeblich verdeckten und codierten Mordaufruf, der vom Publizisten Raddatz und der ARD-Sendung Report gleich mehrfach gegen ihn erhoben wurde. Obwohl selbst das BKA jenen Vorwurf zurückgewiesen hatte und obwohl es keine rechtliche Handhabe gegen ihn gab, kündigte Dr. Özoguz von sich aus nach 15 Jahren Tätigkeit seine Stellung als Oberingenieur an einem renomierten Institut an der Universität Bremen, da er nach Druck durch den damaligen Innenminister Schily auf die Uni-Leitung, den ihn stets fair behandelnden Vorgesetzten nicht mehr zur Last fallen wollte.

Im Rahmen seiner neuen Selbständigkeit gründete und entwickelte er u.A: die "Enzyklopädie des Islam" (eslam.de), das in ihrer Art wohl umfangreichstes Nachschlagwerk in deutscher Sprache. Gefördert wird sie unter anderem von der Kulturabteilung der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin. Özoguz hat inzwischen zahlreiche islamische Bücher ins Deutsche übersetzt und sieben Bücher selbst geschrieben. Seine regelmäßigen Texte im Muslim-Markt finden Interesse bei Tausenden von Lesern und werden im Internet von vielen Gruppen zitiert. Er ist seit 23 Jahren mit einer deutschen Muslima verheiratet. Sie ist eine der besten Übersetzerinnen ins Deutsche aus dem Arabischen, welche extrem schwere alte religiöse Texte übersetzt hat und selbst auch Autorin ist. Zusammen haben sie drei Kinder, die allesamt studieren wollen bzw. bereits studieren. Sie leben in Delmenhorst.

1. Herr Dr. Özoguz: Seit langem wird die Islamische Republik Iran der von den USA erfundenen „Achse des Bösen“ zugerechnet, warum glauben Sie ist dies so?

Zunächst einmal ist die Gegenfrage zu stellen, wer die USA denn dazu legitimiert hat, Gut und Böse in der Welt zu definieren? Es wundert mich immer wieder, wenn ausgehend von den Definitionen dieser selbsternannten Supermacht, dessen Regime für die größten Verbrechen unserer Zeit verantwortlich ist – Irak und Guantanamo genügen als Stichworte – Politik gemacht wird. Aber es stellt sich auch die Frage für jeden anständigen Bürger, wann den jenes Regime, daß so viele unmenschliche Diktatoren in der Welt stützt und so viele unschuldiger Leben auf dem Gewissen hat – nicht nur in Afghanistan und Irak – auch in der westlichen Welt als unmenschliches System verurteilt wird. Ich kann nur schwer verstehen, daß die gesamte ärmere Welt das heutige US-Regime mehr denn je zuvor hasst, während die reiche westliche Welt sich mehr denn je mitschuldig macht an den Verbrechen. Ausgehend von dieser Betrachtung ist es als eine Wertschätzung und Kompliment zu verstehen, daß gerade die USA bzw. das heutige US-Regime die Islamische Republik Iran so stigmatisiert. Es ist ein Zeichen und Beweis dafür, daß die Aktivitäten des heutigen Iran den Hegemonialbestrebungen der USA widersprechen. Zudem sind sie ein Symbol dafür, dass sich jedes Volk in der Einheit von Volk und selbst gewählter politischer wie auch geistiger Führung, gestützt auf geistige Werte von der Unter¬drückung der USA befreien kann, wie sich das iranische Volk vom Schah befreit hat, übrigens Muslime und Christen Hand in Hand.

2. Können Sie uns etwas mehr über das Wirken des Imam Khomeini erzählen?

Das würde zweifelsohne den Rahmen solch eines Interviews sprengen. Daher beschränke ich mich auf den Teil seines Wirkens, der aus muslimischer Sicht mit Abstand der wichtigere war, der aber in der westlichen Welt kaum wahrgenommen wurde. Imam Khomeini war unter anderem ein Mystiker und einer der größten Theologen unserer Zeit. Seine Gedichte der Liebe zu Gott sind ein einem Werk namens “Wein der Liebe“ zusammengefasst, das leider im Deutschen nicht vorliegt. (“Wein“ ist in der Mystik immer ein Symbol für die Liebe zu Gott und hat nichts mit Alkoholkonsum zu tun; Anm.d. Red.) Hingegen sind seine Erläuterungen zu dem großen Dschihad, zu dem Kampf den jeder Mensch gegen das Böse in sich selbst zu führen hat, auch im Deutschen erhältlich und gehört zu meiner Lieblingslektüre. Die Selbstläuterung und Erziehung der eigenen Persönlichkeit standen immer im Mittelpunkt all seins Wirkens. Die daraus resultierende Befreiung eines ganzen Volkes von der US-Herrschaft des Schah war "nur" die Folge davon. So ist z.B. in Deutschland auch kaum bekannt, daß bis zur Flucht des Schahs die Demonstranten kaum einmal zu jeglichen Waffen gegriffen haben, obwohl die Soldaten des Schahs Tausende bei Demonstrationen erschossen haben! Am Ende konnten die Soldaten nicht mehr die Befehle ausführen und sind scharenweise übergelaufen. Es paßt aber nicht zu dem Bild, daß man über Imam Khomeini in der westlichen Welt verbreiten “muß“, daß sein Widerstand größtenteils gewaltlos war. Zu bewaffneten Kämpfen kam es erst, als der Schah geflohen war und die USA mittels Geheimdienst und bewaffneter Gruppen versuchte die Revolution in ihre Bahnen zu lenken, sie sind aber gescheitert.

3. Die Islamische Republik Iran wird ja auch durch die Zionisten in Israel bedroht, wie ist aber die Lage der Moslems im Heiligen Land selbst?

Ich sehe in den Verbalattacken des Zionismus gegen die Islamische Republik Iran keine ernsthafte Bedrohung. Das ist eher die Bankrotterklärung eines Regimes, daß hilflos mit ansieht, wie 60 Jahre nach der Besatzung Palästinas ein ganzer Staat tagtäglich Wahrheiten ausspricht, deren Verbreitung zumindest in der Westlichen Welt jahrzehntelang verboten waren. So wird z.B. im Iran die Frage nach der Identität von Judentum und Israelitum hinterfragt. Kann es sein, daß Gott eine exklusive volkseigene Religion verbreitet, die nur einem Volk gehört unter Ausschluss aller anderen Menschen? Solch einen rassistischen Gott können sich selbst orthodoxe Juden im Iran nicht vorstellen. Nein, das Judentum ist eine monotheistische, abrahamitische Religion, wie das Christentum und der Islam auch. Hingegen ist der Zionismus eine Ideologie, die das Judentum für ihre rassistischen Zwecke mißbraucht. Wenn Israel ein Land der Bürger Israels wäre, dann könnte ein Muslim, Christ, Druse oder Buddhist gleichberechtigter Israeli sein. Das aber ist faktisch nicht der Fall. Wenn es das Land der Juden wäre, dann hätte ein deutscher Jude mehr Rechte in Israel, als ein seit Generationen dort lebender Christ, also wären Nichtjuden diskriminiert, und das soll die westliche Welt, die ja Israel uneingeschränkt unterstützt, einmal den eigenen Bevölkerungen erklären, was das mit Demokratie und Freiheit zu tun hat. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist auch, daß im Iran über den Holocaust diskutiert wurde. Ich selbst weiß zwar, daß die damaligen Deutschen viel Schuld auf sich geladen haben, allein schon deshalb weil sie die antijüdischen Rassengesetze so schweigsam hingenommen haben, aber für mich war es nie verständlich, warum man in Deutschland sogar Gott öffentlich problemlos anzweifeln darf und kann, aber bei der geringsten Meinungsabweichung zum Holocaust schwere Strafen drohen, selbst für wissenschaftlich begründete Abweichungen. Dabei habe ich bereits mehrfach die Frage aufgeworfen, was denn die Zahl und die Singularität jenes Ereignisses mit der Besatzung Palästinas zu tun haben. Was können die Palästinenser dafür, daß Juden von Nazis verfolgt wurden? Und wären es 10 Millionen ermordeter Juden gewesen, hätten dann noch mehr Menschen ein Recht gehabt, Palästina zu annektieren und den Einwohnern zu entreißen? Dieser Zusammenhang der Gründung Israels auf palästinensischem Boden als Staatsräson Deutschlands durfte weder in Deutschland noch in irgendeinem anderen Land der Westlichen Welt diskutiert werden, ohne dass die Diskutierenden mit ernsthaften Sanktionen rechnen mußten. Die Islamische Republik Iran aber hat diesem Widersinn ein Ende bereitet. Das genau ist der Grund, warum der Zionismus sich vor allem gegen die Islamische Republik Iran richtet. Es handelt sich also vor allem um eine ideologische Feindschaft, nicht um eine militärische Bedrohung. Dem Zionismus selbst ist klar, daß eine ideologische Schwachstelle in der eigenen Ideologie nicht durch einen Militärschlag repariert werden kann. Aber er könnte durch eine ernsthafte Auseinadersetzung mit dem Zionismus in seiner heutigen Ausprägung überwunden werden. Warum sollte der Zionismus nicht genau so enden, wie der Rassismus in Südafrika? Immer noch leben viele “Weiße“ (ich hasse solche rassistischen Begriffe) in Südafrika und sind maßgeblich an der Entwicklung des Landes beteiligt.

4. Welche Lösungen oder Lösungsansätze sehen Sie im sogenannten "Kampf um Palästina“?

Den Lösungsansatz hat Imam Khamene’i – der Nachfolger Imam Khomeinis – bereits vor Jahren sehr deutlich skizziert. Warum sollten nicht Juden, Christen und Muslime gemeinsam in einem gleichberechtigten Staat leben können? Ich bin gegen einen Exklusivstaat für Juden, Christen oder Muslime. Aber ein gleichberechtigter Menschlichkeitsstaat in Palästina könnte eine Leuchtturmwirkung auf die ganze Welt haben. Derzeit wird immer nur über die Perspektiven der Perspektivlosigkeit jener Region diskutiert. Das liegt u.a. daran, daß der Zionismus genau jene Hoffnungslosigkeit bedarf, um weiter existieren zu können. So lange es hinreichend “Feinde“ gibt, so lange mit Atomwaffen gedroht werden kann, wirkt der Zionismus als Speerspitze des Raubtierkapitalismus in einer Region, in der die Nachbarländer durch westlich gekaufte Despoten unterdrückt werden. Aber das muß nicht so sein. Eine Vision von Frieden könnte Abhilfe schaffen. Sie muß nur laut und deutlich verbreitet werden. Es gibt doch genug Land in der Region. Und es gibt doch genug Know-How in der Region, um Zugänge zu den Heiligkeiten z.B. in Hebron zu schaffen, ohne daß zionistische Siedler ihren Unrat auf Muslime werfen müssen. Weder das Judentum noch der Islam rufen zu solch einer Feindschaft auf. Beide haben Jahrhunderte der Angriffe der Kreuzzügler gemeinsam überstanden! Umso tragischer ist es, daß sich heute Zionisten mit den Kreuzzügler vereinigt haben bzw. diese sich gegenseitig einspannen für mörderische Ziele. Eines der größten Probleme der Region und der Zeit sind Energie und Wasser. Eine “Methode“, dieses Problem zu lösen, führt das US-Regime derzeit vor in der Besetzung eines fremden Landes und Plünderung dessen Bodenschätze. Eine andere Methode, die viel Erfolg versprechender und nachhaltiger ist, könnte darin bestehen, den Energiebedarf zu senken, alternative Energien zu fördern und zu entwickeln und anders mit Wasser umzugehen. Und hier sehe ich eine große Chance in Palästina mit einer gemeinsamen Bevölkerung von Juden, Christen und Muslimen. Ja, ich glaube daran, daß Palästina ein Hort des Friedens sein kann für Juden, Christen und Muslime zusammen, die sich dann in einen geistigen Konkurrenzkampf begeben, der wiederum weitere Entwicklungen fördern könnte. Mag sein, daß diese Idee heute wie eine kaum erreichbare Vision, eine Utopie wirkt. Aber es ist das Ziel des Zionismus selbst solche Utopien zu verhindern, wogegen alle friedliebenden Menschen aufstehen müßen.

5. Wie schätzen Sie die Rolle von Hamas, Fatah und Hizbullah ein?

Alle drei Gruppen sind in nicht direkt miteinander zu vergleichen. Die “Gemeinsamkeit“ gegen Israel zu sein, ist keine echte Gemeinsamkeit, denn wahre Gemeinsamkeiten sind konstruktiver Art. Die Fatah hat jene konstruktiven Elemente schon lange nicht mehr, was auch von Mercedes-fahrenden Vertretern einer darbenden Bevölkerung kaum zu erwarten ist. Die Fatah ist ein aussterbender Dinosaurier, der nur noch von der Westlichen Welt am Leben erhalten wird, um zumindest den Anschein zu erwecken, man wolle eine Art Friedensprozeß. Die Hamas ist geschichtlich betrachtet erst neu dabei, sich von destruktiven Ideen zu konstruktiven Ideen hin zu entwickeln, so daß hier viel Hoffnung besteht, selbst wenn die Westliche Welt alles in ihrer Macht liegende tut, um die destruktiven Elemente zu stärken. Sie ist zwar aus dem Widerstand gegen Israel entstanden, kümmert sich aber zunehmend um die Belange der “kleine“ Leute. Die Hizbullah ist in der konstruktiven Entwicklung sicherlich die am weitesten vorangeschrittene Organisation der drei, was in ihrem politischen aber vor allem sozialen Einfluß im Libanon deutlich wird. Als die reichen Libanesen nach den ersten Bombenhageln der Zionisten geflohen sind, waren es Sympathisanten und Mitarbeiterinnen der Hizbullah, welche den Krankenhausbetrieb aufrecht erhalten haben, und das Land gegen jenen völkerrechtwidrigen Angriffskrieg geschützt haben. Die Westliche Welt hat in jenen Tagen sehr viel Kredit selbst bei vielen Westfans in der Region verspielt. Während die Fatah für einen “Palästinenserstaat“ eintritt und die Hamas noch in einem Lernprozess diesbezüglich ist, vertritt die Hizbullah aber genau jene Vision des gemeinsamen Friedens von gleichberechtigten Juden, Christen und Muslimen und haben das auch bereits im eigenen Land erfolgreich praktiziert. In der Endphase der zionistischen Besatzung des Libanon nach Scharons Einmarsch haben auch viele Christen die Hizbullah tatkräftig unterstützt; nicht nur “gegen“ einen gemeinsamen Feind, sondern vor allem “für“ eine gemeinsame Zukunft. Und nebenbei sei erwähnt, daß heute auch irakische Christen, gegen die US-Besatzer kämpfen, für einen gemeinsamen Irak.

6. Kommen wir nun auch zu Deutschland, Herr Dr. Özoguz, wie fühlen Sie sich als Moslem in Deutschland?

Grundsätzlich versuche ich mich selbst dahingehen zu erziehen, daß ich immer dankbar bin. Und so bin ich derzeit dankbar für die extreme Feindschaft, welche Muslime in diesem Land in einer vor 2001 nicht vorstellbaren Weise erfahren. Diese Feindschaft kommt allerdings nicht von nichtmuslimischen Nachbarn, Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen usw. sondern von der Politik, Teilen des Staatsapparats und vor allem von der Hofberichterstattung. Den Haß, den derzeit einige Journalisten im Land säen, können Tausende Friedensengel kaum wieder gut machen. Einstmals habe ich geglaubt, daß Deutschland ein sehr friedfertiges Land ist, mit einer Bevölkerung, die niemals wieder in einen Angriffskrieg verwickelt sein will, unabhängig davon, wie sehr Hofberichterstatter sie dazu aufstacheln. Die sehr “müden“ Reaktionen im Lande auf die Äußerung, daß Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werde, haben mich allerdings eines besseren belehrt. Gleichzeitig sehe ich, wie Deutschland diesen aggressiven Kurs im Ausland auch im Inland praktiziert. Wenn man weiß, daß Österreich z.Z. viele der Muslimas auffängt, die durch das Berufsverbot für praktizierende Muslimas in Deutschland nicht Lehrerin werden können, wenn man weiß, daß es in London offizielle Berufskopftücher für muslimische Polizistinnen gibt, in Italien einen Strand für Kopftuch tragende Frauen, die ohne Männerblicke baden wollen, wenn man weiß, daß das respektvolle Miteinander durchaus auch Europa möglich ist, dann ist man als Deutscher sehr traurig, daß es im eigenen Land durch Politiker, die mehr an sich selbst als an die Zukunft ihres Landes denken, so unmöglich gemacht wird. Viele eingebürgerte Muslime in Deutschland haben sich vor 2001 als “integrierte“ Deutsche muslimischen Glaubens gefühlt, wie auch meine Familie und ich. Dieses Gefühl versuchen wir nach wie vor weiter zu entwickeln. Aber es wäre unredlich nicht zuzugeben, daß es uns angesichts der heutigen Lage in Deutschland immer schwerer fällt. „Dann geht doch nach Hause“, wird hier vielleicht der eine oder andere Leser einwenden. Das sind Leser, die bis heute nicht verstanden haben, daß wir gar keine andere Heimat haben!

7. Könnte es nicht sein, daß viele den Islam ablehnen, weil er sich gegen den Relativismus und die Beliebigkeit, dem Werteverfall und dem Raubtierkapitalismus wiedersetzt, während die christlichen Kirchen sich ergeben haben?

Das wäre ja widersinnig! Gerade wenn man sich gegen den Werteverfall wehren wollte, müsste man die Muslime unterstützen, denn sie sind mehr oder weniger die letzten verbliebenen Vertreter der zehn christlichen Gebote in Deutschland und werden dafür sehr gescholten! Als vor eineinhalb Jahren der Innenminister muslimische Verbandsvertreter kurz vor Weihnachten dazu aufgerufen hat, eine Oper zu besuchen, in der nicht nur Muhammad, sondern auch Jesus, auf der Bühne geköpft wurde, damit jene Muslime ihre "Integrationswilligkeit" unter Beweis stellen, habe ich keine einzige christliche, rechte oder sonst wie werteorientierte Stimme gehört, die den Skandal ausgesprochen hat. Man muss es einmal an diesem Beispiel deutlich formulieren: Es waren Muslime in Deutschland, die sich kurz vor Weihnachten in aller Deutlichkeit dagegen gewehrt haben, dass man eine Bühnenaufführung besucht, in der Jesus geköpft wird. Und es war der Innenminister mit einem “C“ im Parteinamen, der dazu eingeladen hatte und dort war. Und es war die absolute Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die dazu geschwiegen hat, während sie das Weihnachtsfest vorbereitet! Heute sind es doch vor allem auch Muslime, die die Jungfrauengeburt Jesu und die Ehrung Marias voll überzeugt in Deutschland vertreten. Was hingegen den Raubtierkapitalismus angeht, so sind Judentum und Islam religionsbedingt gegen Zinsen, und Christen sollten hier auch eine deutlichere Position einnehmen, als bisher. Die Ablehnung des Islam kommt nicht aufgrund der Erfahrungen in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz. Die Menschen kommen gut miteinander aus, und wer Muslime zu Nachbarn hat, hat meist weniger Ärger mit ihnen, als der Durchschnitt der Bevölkerung mit den jeweiligen Nachbarn. Die Ablehnung ist medien- und politikgesteuert, da der Raubtierkapitalismus ohne Feindbild nicht existieren kann.

8. Ist es nicht absurd, daß manche „Rechte“ das Kopftuch verbieten wollen, während ja gerade sie es sind, die sonst immer den Sittenverfall beklagen?

Sie wollen ja nur der Muslime das Kopftuch verbieten, nicht aber der Nonne. Was das klagen gegen den Sittenverfall angeht, so sehe ich in den meisten (aber nicht allen) so genannten “Rechten“ Lehrbuchbeispiele für Heuchelei! Welche rechte Partei startet denn eine Kampagne gegen Prostitution, gegen Pornographie, gegen Ehebruch und eine Kampagne für Kinder, die das Land so sehr braucht? Welche “Rechten“ kämpfen denn gegen die faktisch erlaubte Ermordung von behinderten Embryos, die lebensfähig wären! Wo liegt der Unterschied zur Euthanasie? Wo sind die “Rechten“, die Kinderhospize betreiben oder zumindest den Zivildienstleistenden, der dort arbeitet, nicht auslachen? Welche “Rechten“ sind denn in ihrem persönlichen Leben bereit die Lasten der Kindererziehung auf sich zu nehmen und auf all die Dinge zu verzichten, welche das Familienglück zerstören könnte? Es sind nicht die “Linken“, die sich zu Christi Himmelfahrt vollaufen lassen mit alle den unkontrollierbaren Folgen an jenem Tag, und es sind nicht die “Linken“, die in der Vornacht der Fastenzeit alle zehn Gebote gleichzeitig außer Kraft treten lassen und dann aber auf das Fasten verzichten. So sehr ich die ganze Entwicklung zur Geistlosigkeit gerne vielen Politikern und ihren Hofberichterstattern anlaste, so sehr ist aber jeder Einzelnen Mitschuld daran. Das Kopftuch ist nur das deutlichste Symbol gegen die öffentliche Nacktheit, welche von allen Menschen zunehmend verlangt wird, in allen Lebensbereichen. Eine Frau in der Nonnentracht (nichts anderes ist die Kleidung der Muslime) ist aber "unantastbar", sie ist "frei". Und wirklich freie Bürger und vor allem freie Mütter sind das Letzte, was ein System gebrauchen kann, deren Existenz darauf beruht, daß zwar alle Menschen glauben, frei zu sein, sie aber nur das wiederkäuen, was man ihnen vorkaut. Ich behaupte hier nicht, daß jede Kopftuch tragende Frau eine Intellektuelle ist, die das Land befreien könnte. Aber so lange die Kopftuch tragenden Frauen “nur“ Putzfrau waren, hat sich niemand an ihnen gestört. Erst als sie anfangen, die Universitäten zu erobern, werden sie zur “Gefahr“.

9. Wie sehen Sie die “Rechte“ in Deutschland und Österreich?

Natürlich gibt es genau so wenig “die“ Rechte, wie “die“ Linke oder “die“ Muslime oder “die“ Christen. Während man bei letzteren beiden zumindest ein “offizielles“ Buch hat, an dessen Interpretation man sich orientieren kann, gibt es bei der “Rechten“ keinerlei halbwegs einheitlich Definition, die irgendwie für mich nachvollziehbar wäre. Die lautstärksten unter ihnen verfolgen einen dumpfen rassistischen Blutsabstammungswahn. In Ihrer Öffentlichkeitseffektivität sind sie sehr der Al-Qaida vergleichbar: Sie tauchen immer dann auf, wenn es jenen am besten passt, die sie vorgeben zu bekämpfen und sagen immer genau das, was für die Etablierung des Feindbildes ideal ist. Gäbe es sie nicht, müßte der Feindbildbedürftige sie erfinden. Es ist ja bekannt, daß ein Verbotsverfahren gegen die NPD daran gescheitert ist, daß zu viele V-Leute in der Führungsriege mitgewirkt haben. Dabei handelte es sich allerdings “nur“ um die Kenntnis der bundesdeutschen V-Leute. V-Leute fremder Geheimdienste dürften aber noch viel intensiver mitmischen! Andererseits habe ich einige “Rechte“ kennen gelernt, abseits des dumpfen Rassismus, die wirklich eine Bewahrung von Werten mit Schwerpunktlegung in “Geist“ und nicht in “Boden“ oder „Blut“ legen. Jene Rechten erachte ich als wahrhaftige Menschen, die allerdings sehr selten sind. Und jene Menschen gibt es gleichermaßen (und genau so selten) auch unter den “Linken“. Würden jene Aufrichtigen zusammen kommen und ihre Konzepte miteinander vergleichen, würden sie feststellen, daß sie gar nicht so fern voneinander liegen. Letztendlich zählt, wer bereit ist, sich für andere einzusetzen! Um es einmal ganz provokativ zu hinterfragen: Wer ist bereit für seinen Mitbürger die Toilette zu putzen? Meine Erfahrung ist, daß es unter “Rechten“ sehr wenige gibt, die dazu bereit sind. Das aber war – um auf ihre frühere Frage zurück zu kommen – eines der Merkmale Imam Khomeinis, daß er für seine Gäste eigenhändig die Toiletten geputzt hat! Ich gebe aber zu, daß solche Aspekte hier verständlich zu vermitteln, sehr schwer ist.

10. Welche Formen der Zusammenarbeit sehen Sie mit “Rechten“?

Das Streben nach Wahrheit ist eine “Arbeit“ für die man immer zusammen arbeiten kann, wenn der aufrichtige Wille auf allen beteiligten Seiten vorhanden ist. Dabei ist Voraussetzung, daß das Gegenüber als gleichberechtigter Mensch betrachtet wird. Würde z.B. ein “Rechter“ erkennen, dass der Geist, den er anstrebt zu vertreten - ohne Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus usw. - heutzutage zumeist von Muslimen vertreten wird, und würde der “Rechte“ dann gleichzeitig erkennen, daß die Bewahrung seiner Heimat mit den Werten, die er anstrebt, nur dann möglich ist, wenn er dem muslimischen Mitbürger das gleiche Heimatgefühl und Heimatrecht auch in Deutschland gewährt, dann ließen sich sicherlich einige Ansätze für eine Kooperation finden. Aus eigener Erfahrung aber weiß ich, daß diese Voraussetzung nur von einer absoluten Minderhit unter den "Rechten" erfüllt wird. Wir orientieren uns bei unserer Wertebildung aber nicht nach Mehrheit sondern Wahrheit, akzeptieren aber das Votum der Mehrheit mit allen Konsequenzen. Sollte es z.B. eines Tages dazu kommen, daß das Kopftuch in der Gesellschaft verboten wird, werden die praktizierenden Muslime wohl auswandern müssen. So lange sich “Rechte“ aber nicht in aller Deutlichkeit “für“ z.B. das Kopftuch engagieren, zerstören sie ihre eigene Zukunft. Denn es sind heute die Kopftuch tragenden Frauen, welche überdurchschnittlich die Last der Kindererziehung in diesem Land auf sich nehmen. Und es ist unsere gemeinsame Pflicht, die Bürger “einzubürgern“, damit sie sich für ein friedliches Deutschland einsetzen, in denen “Werte“ zählen. Und jene Werte sind auch ohne Schweinefleisch und ohne Alkohol durchaus vertretbar. Der Dialog ist immer die Basis. Dementsprechend versuche ich auch in schwierigen Fällen den Dialog zu pflegen. Denn gibt es eine friedlichere Form, Meinungsunterschiede auszutragen? Denjenigen, die heute behaupten, sie würden grundsätzlich mit dieser oder jener Gruppe nicht reden, spreche ich einen ernsthaften Friedenwillen ab.



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