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Einen guten Rutsch oder Segen?

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Von Yavuz Özoguz am 31. Dezember 2009 15:13:10:

Einen guten Rutsch oder Segen?

Heute Nacht endet das Jahr 2009 nach dem gregorianischen Kalender und morgen beginnt das Jahr 2010. Und viele wünschen sich dabei einen “guten Rutsch“ aber warum eigentlich?

Es ist so mit all jenen Sitten in fast allen Kulturen. Die Mehrheit der Menschen praktiziert die Riten, ohne jemals nach dem Sinn zu fragen. So ist es z.B. üblich, dass man sich heute in Deutschland einen „guten Rutsch ins neue Jahr“ wünscht. Aber woher kommt dieser Ausspruch?

Nachweisen lässt sich der Gruß gemäß Wikipaedia ab dem Jahr 1900, wobei zwei mögliche Hintergründe angegeben werden. Die einen behaupten, der Ausspruch sei jiddischen Ursprungs. Er sei abgeleitet von „Rosch ha schana tov“, wörtlich: „einen guten Kopf (Anfang) des Jahres“. Ein anderer Erklärungsansatz ergibt sich durch die schon in älteren Wörterbüchern zu findende übertragene Bedeutung des Verbs “rutschen“ als “reisen“ und der Substantive “die Rutsche“ und “der Rutsch“ für “das Reisen“ oder “eine Fahrt“. So oder so, es hat absolut nichts mit “Rutschen“ im heutigen Begriffssinn zu tun. Das aber wissen die meisten Menschen nicht mehr. Sie vollziehen den Ritus – den ja irgendwer einmal eingeführt haben muss – und befolgen ihn “blind“. Ähnliche Wünsche ergeben sich bei “Hals- und Beinbruch“. Es soll eine “Verdeutschung“ eines ursprünglich jiddischen Ausdrucks darstellen, der “hatslokhe u brokhe“ hieß und “gelingen lassen“ bedeutet. Eigentlich aber weiß man nicht mit Sicherheit, woher der deutsche Ausdruck stammt. Man verwendet ihn einfach.

Was aber hat es eigentlich mit “Silvester“ auf sich? Das Fest selbst ist aus vorchristlicher Zeit. Aber die Beziehung des Festes mit dem Namen “Silvester“ geht auf das Jahr 1582 zurück, liegt also gar nicht so lange her. Damals verlegte die Gregorianische Kalenderreform den letzten Tag des Jahres vom ursprünglich 24. Dezember auf den 31. Dezember, den Todestag des Papstes Silvester I., der am 31. Dezember 335 n.Chr. starb. Warum die Christen das gemacht haben, weiß heute kaum einer derjenigen, die knallende Feuerwerkskörper im Wert von 100 Millionen Euro allein in Deutschland in den Himmel schießen werden. Und noch weniger werden wissen, dass sie den Todestag eines Papstes – der Silvester hieß – mit Böllern feiern. Zehn Jahre vor dem Ableben jenes Papstes wurde das neue Testament der Christen festgeschrieben. Die Christen der ersten 300 Jahre hatten auch andere Schriften. Aber wer denkt schon an so etwas zu Silvester.

Eher bekannt dürfte sein, dass jene Böller dazu dienten, die bösen Geister zu verjagen. Aber daran glaubt heute ohnehin niemand mehr. Und dass man Bankmanager, Kapitalismusprediger und Kriegstreiber ausgerechnet mit Böllern verjagen kann, erscheint ohnehin eher fraglich.

Wir können also zusammenfassen, dass heute Abend Millionen von Menschen im deutschsprachigen Raum (wir begrenzen uns bei dieser Betrachtung auf unsere Nachbarschaft) sich gegenseitig Dinge wünschen werden, von denen sie nicht wissen, woher sie stammen, um dann Böller in die Luft zu schießen, mit denen eine Million am Hunger sterbende Menschen ein ganzes Jahr vor dem Verhungern bewahrt werden könnten. Sie schießen diese Böller zu einer festgelegten Zeit in die Luft, um damit Geister zu verjagen, an die sie nicht glauben und tun das an dem Tag, dessen Namen ein Papst trägt, ohne irgendetwas von dem Namensträger zu wissen. Und das Ganze nennt sich dann Zivilisation.

Gleichzeitig kündigt die Bundeskanzlerin an, dass wir schwere Zeiten vor uns haben und der US-Präsident Obama erklärt uns, dass er jetzt den Jemen bombardieren muss – obwohl er es schon tut – weil dort eine Nigerianer ausgebildet sein soll, der nicht einmal einen Böller in einem Flugzeug zünden konnte. Obama denkt aber (noch) nicht daran, Nigeria zu bombardieren, denn dort sind keine Könige von US-Gnaden gefährdet. Wollte man jene Silvester-Botschaft analysieren, würde das den Rahmen eines Neujahresgrußes sprengen. Und gesprengt wird ja heute Abend schon viel zu viel.

Also zurück zu dem, was man sich wünschen könnte. Alle Religionen der Welt lehren Dankbarkeit in Liebe, wenn auch teils in sehr unterschiedlicher Form. Im Christentum und Islam aber sind die Dankbarkeit und Liebe um Gottes Willen nicht zu leugnen. Jene Dankbarkeit bezieht sich auf jedes Jahr, jeden Tag, jede Stunde und jeden Atemzug. Wenn also – aus welchen Gründen auch immer – manche Menschen der Meinung sind, dass eine neue Zeitrechnung anfängt, ist es sicherlich nicht schädlich, wenn man sich gegenseitig etwas Gutes wünscht. Außer bei wahabitischen Fanatikern, die ohnehin nur eine Verbotsreligion befolgen und nicht die islamische Liebesreligion, wäre dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur was soll man sich gegenseitig wünschen?

Es mag für eine sich auf die christlich-jüdischen Werte berufende Gesellschaft etwas merkwürdig klingen, wenn ausgerechnet Muslime sie auf etwas hinweisen, was sonst in Vergessenheit geraten könnte, aber gibt es etwas schöneres als die Liebe? Und kann man jene Liebe Gottes nicht mit sehr vielen unterschiedlichen Begriffen umschreiben, die zumindest noch in manchen deutschen Wörterbüchern auftauchen? Wie wäre es denn z.B. mit dem Segen? Wie wäre es mit Seelenheil? Wie wäre es mit dem Geist des Friedenswunsches? Und wie wäre es mit Gnade? Für jüngere, weniger religiös gebildete Leser bitten wir, die Begriffe “Segen“ und “Gnade“ in älteren Wörterbüchern nachzuschlagen.

Der Muslim-Markt wünscht allen seinen Lesern einen segenreichen Übergang in jeden neuen Tag, in jeden neuen Monat und in jedes neue Jahr. Und gleichzeitig wünschen wir uns allen ein gesegnetes Jahr voller Frieden, Segen und der Erkenntnis, Gnade empfangen zu dürfen, wann immer jenes Jahr beginnen möge.

Und wie wäre es, wenn wir statt Rutschgelagen und Halsbrüchen einen neuen Neujahresgruß etablieren würden:

„Wir wünschen einen segenreichen Übergang ins neue Jahr und ein gesegnetes neues Jahr“.




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