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Wenn Dichter und Denker gelesen aber nicht verstanden werden

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Von Yavuz Özoguz am 25. Oktober 2009 12:20:49:

Wenn Dichter und Denker gelesen aber nicht verstanden werden

Intellektuelle und Volk sind in einer gesunden Gesellschaft eine Einheit. Wenn das Volk sich aber von aufrichtigen eigenen Denkern verabschiedet wird sie Opfer von Politikern und deren Hofjournalisten.

Einstmals hat der israelische Generalstabschef Mosche Dajan auf die Frage, warum er denn auch einige militärische Geheimnisse in seinem Buch veröffentlicht hätte geantwortet: „Araber Lesen nicht, aber wenn sie lesen, verstehen sie nicht, aber wenn sie verstehen, handeln sie nicht danach.“ Was damals eine pauschale Beleidigung gegen alle Araber war – insbesondere gegen Palästinenser – und dennoch einen gewissen Wahrheitsgehalt aufwies, hat sich im Laufe von einem halben Jahrhundert offenbar weltweit ausgebreitet. Könnte man obige Beschuldigung auch auf viele Deutsche anwenden?

Es ist wirklich noch nicht lange her, da hat ein deutscher Denker folgende Zeilen veröffentlicht, die mehr oder weniger jeder deutsche Schüler irgendwann in seinem Deutsch-Unterricht lesen muss; zumindest die Abiturienten:

[Beginn Zitat] Hartnäckig hält sich das Gerücht, diese Erzählung wäre ein Terroristen-Roman; erst kürzlich hat ein angesehener Professor für Informatik das Gerücht fortkolportiert: offenbar scheut auch er es, sich zu informieren; da wäre die Frage zu stellen: wie informiert sich ein Informatiker? Aus dem »Hörensagen«, aus zweiter, dritter oder gar sechster Hand? Natürlich will ich niemandem zumuten, die 10 Erzählung zu lesen, aber wenn sich ein Zeitgenosse mit der hohen Verantwortung eines Informatikers, der Informatik lehrt , über einen Gegenstand äußert, sollte er sich doch informieren können. Es gibt in dieser Erzählung nicht einen einzigen Terroristen, auch keine Terroristin; was es allerdings gibt, das sind des Terrorismus Verdächtige, und ich bin der bescheidenen Meinung, auch ein Informatiker könnte den Unterschied kennen zwischen einem Verdächtigen und einem Überführten. …

Wer auch nur zehn Jahre zurückzudenken imstande ist, wird sich der Jahre erinnern, in denen eine Zeitung Verleumdungen und Verdächtigungen ausstreute; dieselbe Zeitung, die dutzendweise Menschen als Mörder bezeichnete, denen noch kein Mord nachgewiesen worden war. … Erst wenn sie Ärger mit Zeitungen bekommen, bemerken Politiker, auf welche Zeitung sie sich eingelassen haben – und doch lassen sie sich immer wieder ein. Es ist wirklich verlorene Zeit, über gewisse Zeitungen noch ein Wort zu verlieren.

… Die »Rechten« ärgern sich sowieso, die »Linken« ärgern sich, weil der Roman doch nun einmal in einer Zeit »spielt«, in der wir eine halblinke (oder sollte ich sagen pseudohalblinke?) Regierung hatten. … Zeitung ist derart vollgesogen mit Verlogenheit, dass in ihr sogar eine unverfälschte Tatsache als Lüge erscheinen würde. Kurz gesagt: sie zieht sogar die Wahrheit in den Dreck, wenn sie sie »wahrheitsgemäß« wiedergibt. Wenn sie schreiben würde: „Die Rosen blühen wieder“, würden mich Zweifel befallen, auch wenn ich vor einem blühenden Rosenbeet stünde. Das Sprichwort: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“ müsste man in diesem Fall abwandeln: „Wer tausendmal lügt, dem glaub ich nicht, auch wenn er einmal die Wahrheit spricht.“ Im Falle der tatsächlich blühenden Rosen müssten einem diese nun wirklich schönen Blumen leid tun, weil sie der Verlogenheit als Alibi dienen müssen.

… die Zeitung, diese zerstörerische verlogene Überschnauze, die sowohl der Polizei Informationen liefert wie von der Polizei solche bekommt (das gibt es, und bei solchem Austausch werden lächerliche Kleinigkeiten zu Verdachtsmomenten), haut rein mit Schlagzeilen, Verdächtigungen, Verleumdungen, Gemeinheiten; … Es gibt nicht nur Konflikte, die tödlich enden; es gibt Konflikte, die, wenn man einem Menschen zuviel zumutet, unerbittlich auf ein tödliches Ende zulaufen. Das ist auch im Abendland bekannt und könnte sogar Informatikern bekannt werden. [Zitat Ende]

Der Text stammt von 1984 und ist im Nachwort zur damaligen Neuausgabe des Buches “Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Im Vorwort des Buches heißt es: „Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken der “Bild“-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidbar.“ Und in einem Nachsatz zum Nachwort heißt es: „Inzwischen ist die Bild -Zeitung ja fast schon das regierungsamtliche Blatt. Ministerielle Verlautbarungen zu wichtigen politischen Themen erscheinen am Sonntag oder Montag in einer der Bild -Varianten. Zufall ist das nicht.“

Fast alle Abiturienten der letzten 30 Jahre haben die Erzählung von Heinrich Böll gelesen. Sehr viele Kinobesucher und Fernsehzuschauer haben die Verfilmung gesehen. Aber was haben sie verstanden? Was hat sich geändert? Das menschenverachtende “Spiel“ mit Terrorismus hat von eine damals unvorstellbare globale Dimension erhalten. Und die Zeitungsakteure, welche einstmals zum Krieg gegen Terroristen aufgerufen haben, tun es heute noch viel lauter! Es sind die gleichen Zeitungen, die deutsche Soldaten nach Afghanistan entsenden wollen. Es ist der gleiche journalistische Geist, der dazu aufruft, heute Kriegsschiffe mit deutschen Steuergeldern bezahlt, nach Israel zu verschenken. Es sind die gleichen Blätter, die den Kampf gegen “den Muslim“ und “den Islam“ sehr subtil aber dennoch unübersehbar hochheizen, um sich dann an den Schlagzeilen zu laben, dass Moscheen angezündet und mit Blut beworfen wurden. Es sind die gleichen Blätter, die auf ihren ersten Seiten Tag für Tag eine Frau entblößen, um dann das Kopftuch zu bekämpfen! Es sind die gleichen Blätter, die den sozial schwachen zum Sozialschmarotzer degradieren um gleichzeitig das Kapital der Kapitalisten zu schützen.

Angesichts dieser Situation könnte man feststellen, dass es im Land der Dichter und Denker durchaus noch kritische Geister gibt, aber ihre Wirkung auf das Volk schwach bleibt. Der Araber-Spruch ist durchaus nicht anwendbar auf Deutschland, aber in einer modifizierten Form könnte er auch hier gültig sein, zumindest für viele im Land: Deutsche Lesen viel, aber sie lesen Unwahrheiten und verstehen es daher nicht, aber wenn sie verstehen, ändern sie ihr Leseverhalten dennoch nicht. Doch sollten sie eines Tages ihr Leseverhalten ändern, sollten sie eines Tages jene Blätter, die sie mit Unwahrheiten füttern ablehnen, dann wäre das ein erster Schritt zur Befreiung. Das Internet bietet dazu gute Gelegenheiten.

Deutschland hat das intellektuelle Potential zur Überwindung von jeglicher Art von Unterdrückung. Als ressourcenarmes Land hat es viele innovative Denker erzogen als die Studiengänge noch nicht in ein Schulkorsett gezwungen wurden. Wenn jene innovativen Menschen eines Tages erkennen, dass ihre Fähigkeit zur Innovation gegen die Menschen missbraucht wird, wenn deutsche Leser eines Tages erkennen, dass sie immer noch Sühnezahlungen zum Zweiten Weltkrieg leisten und gleichzeitig zu jedem Verbrechen der Siegermächte in der heutigen Zeit zum Schweigen gezwungen werden, wenn in Deutschland deutlich wird, dass eine Clique von Politikern und Hofjournalisten aus ihrer Parallelgesellschaft heraus das Volk zu spalten sucht, um ihrer unmenschlichen Macht frönen zu können, dann kann es sehr schnell eine Wandlung zu einer menschlichen Gesellschaft geben. Und es lohnt, dafür zu schreiben.



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