"Die Passion Jesu" aus der Sicht des Muslim-Markt
Mit einer kleinen Gruppe von Teilnehmern haben wir uns gestern
gemeinsam den Film "Die Passion Christi" angesehen und uns
anschließend darüber unterhalten. Wir wollen versuchen den Lesern des
Muslim-Markt eine Zusammenfassung unserer Gedanken zu geben:
Der Film beginnt im Garten Getsemaneh kurz bevor Jesus (a.) von den
Römern abgeholt wird und endet in der Grabkammer, als Jesus wieder
aufsteht. Dazwischen werden detailliert alle Szenen des Leidens Jesu, die
verschiedenen Verhandlungen vor Pontius Pilatus, vor König Herodes,
wieder vor Pilatus und grausamste Folterszenen dargestellt. Diese
eigentlich sehr kurze Geschichte wird durch Erinnerungen der Beteiligten
an das vorangegangene Leben Jesu ergänzt.
Aus Sicht der Muslime enthält der Film eine
zumindest teilweise unwahre Geschichte, denn gemäß muslimischer
Vorstellung (siehe Heiliger Qur'an 4: 153 folgende) ist Jesus weder
getötet noch gekreuzigt worden. Die unterschiedlichen Interpretation
gehen zumeist davon aus, dass ein anderer an seiner Stelle gekreuzigt
wurde, wobei unklar ist, an welcher Stelle die "Auswechslung"
stattfand.
Der Film ist aber nicht für Muslime gedreht worden sondern von einen
gläubigen Christen für Christen, und zwar bibelfeste Christen. Denn ohne
eine gehöre Portion christliche Vorbildung kann man den Film kaum
verstehen! Ohne diese Vorbildung ist der Film wirklich "nur"
eine Gewaltorgie, wie so viele Kritiker den Film beschrieben und damit
ihre absolute Unkenntnis über das Christentum verdeutlicht haben.
Erstaunlich erschien uns allerdings die gemeinsame Stellungnahme zum
Film "Die Passion Christi" von Bischof Wolfgang Huber (EKD),
Karl Kardinal Lehmann (DBK) und dem Präsidenten des Zentralrat der Juden
Paul. Darin heißt es u.a. : [Zitat] ... Der Film birgt die Gefahr in
sich, das Leben Jesu auf die letzten zwölf Stunden zu reduzieren. ... Wie
die bisherige Diskussion gezeigt hat, liegt ein weiteres Problem des Films
in der Darstellung der damals beteiligten Juden. Unabhängig davon, ob der
Film von seiner Intention her antisemitisch ist, besteht die Gefahr, dass
der Film im Sinne antisemitischer Propaganda instrumentalisiert werden
kann. Zwar enthält der Film durchaus Ansätze zu Differenzierungen in der
Darstellung der jüdischen Figuren, insgesamt erweckt er jedoch den
Eindruck einer negativen Überzeichnung zum Beispiel des Hohen Rates und
breiter Schichten des jüdischen Volkes. Die Darstellung des Films birgt
die Gefahr, dass antisemitische Vorurteile wiederaufleben. Dies ist
besonders brisant angesichts einer Situation in Europa, in der ein
Erstarken antisemitischer Tendenzen erkennbar ist. Wir warnen gemeinsam
nachdrücklich vor jeder Instrumentalisierung des Films und des Leidens
Jesu im Sinne antisemitischer Propaganda. Die christlichen Kirchen haben
ausdrücklich erklärt, dass der Antijudaismus zur christlichen
Schuldgeschichte gehört. Sie weisen die These von einer Kollektivschuld
des jüdischen Volkes und jede Form von Antisemitismus und Rassismus
entschieden zurück. Die Beziehungen zwischen Christen und Juden sind
heute von gegenseitigem Respekt und Anerkennung geprägt. Wir fordern alle
Verantwortlichen auf, entschieden dafür einzutreten, dass diese guten
Beziehungen nicht durch eine sich auf diesen Film berufende
Instrumentalisierung des Leidens Jesu beeinträchtigt werden.[Zitat
Ende]
Der gesamte Text der gemeinsamen Erklärung war nachlesbar unter:
http://www.zentralratdjuden.de/down/PEK_PassionChristi.pdf
Diese gemeinsame Erklärung ist gleich in mehrerer Hinsicht
erstaunlich. Tagtäglich werden in Hollywoods Produktionsstätten dutzende
Filme fertig gestellt, in dem die bösen Muslime in allen möglichen
Klischees beleidigen und antimuslimische Gefühle geweckt werden, ohne
dass sich jemals eine Kirche bemüßigt gefühlt hat, dagegen vorzugehen,
aber vor allem entspricht die obige Beschreibung nicht den Tatsachen des
Filmes!
Die brutale körperliche Gewalt gegen Jesus wird von blutrünstigen
Römern ausgeübt - weshalb man auch keine schlechten Gefühle gegen
Italiener empfinden wird - und die Bösartigkeit einiger Juden reduziert
sich im Film auf die Hetze des Hohepriesters Kaiphas! Unzählige Juden,
darunter auch andere Hohepriester, wehren sich sogar in höchster eigener
Gefahr gegen Kaiphas! Daneben gibt es so viele gutherzige Juden in dem
Film: Alle Personen des Judentums, die persönlich vorgestellt werden, wie
Jesus selbst, Maria, Maria Magdalena, einem Grossteil der Jünger und dem
Träger von Jesu Kreuz, die deutlich erkennbar auftreten (und ja auch
Juden sind), stehen in einem leuchtenden Bild da. Außer Kaiphas wird kein
einziger "Bösewicht" "persönlich" vorgestellt. Und
der Anblick der Gesamtheit der Hohepriester in Ihren pachtvollen
Gewändern, welche den materiellen Reichtum der damaligen monotheistischen
Religion im Angesicht der Armut des umgebenden Volkes verdeutlicht,
erinnert für Leute, die unbedingt vergleichen wollen, ganz bestimmt nicht
an heutige Juden sondern eher an die reiche christliche Kirche und manche
Vertreter! Und in früheren Jesus-Filmen sind derartige Szenen gegen
damalige Juden viel brutaler und eindeutiger dargestellt. Allein der so
berühmte Film "Die Zehn Gebote" mit seinen unzähligen Oskars
könnte die Gefühle, deren Aufflammen hier befürchtet wird, viel mehr
ansprechen, als der Film von Mel Gibson.
Was aber hat dann dazu geführt, dass sich die Kirchen derart deutlich
gegen diesen so eindrucksvollen Film gewandt haben? Jede Szene in dem Film
ist detailliert nachlesbar in den verschiedenen innerbiblischen und
außerbiblischen Werken, welche dem Film ganz offensichtlich zugrunde
lagen. Nur eine Szene erschien uns "fremd". Als Jesus sein Kreuz
über die Via Dolorosa (schmerzensvoller Weg) trägt, bereitet eine
erhabene und ehrenvolle völlig unbekannte Frau mit ihrer genau so
würdevollen Tochter sich darauf vor, Jesus einen Becher Wasser zu
bringen. Als Jesus dann einmal mehr stürzt, "wechselt" der Film
scheinbar in eine andere Dimension. Niemand kann zu Jesus durchdringen,
aber diese Frau und das Mädchen werden von den römischen Soldaten nicht
bemerkt und die Tochter gelangt auf Befehl der Mutter scheinbar mühelos
zu Jesus hin. Dann aber "wechselt" der Film schlagartig zurück
in die Realität, und das Mädchen scheitert durch die Gewalt der
römischen Soldaten, die den Becher aus der Hand der Tochter schlagen.
Unweigerlich stellt sich dem muslimischen Zuschauer die Frage: Wer sind
die beiden? Die Szene erinnert an Zainab und Sakina, wie die Tochter das
Wasser zum verstorbenen Vater bringen will. Auch der Gedanke an Fatima und
Zainab könnte einem muslimischen Betrachter kommen, obwohl diese ja erst
600 Jahre später lebten, denn jene beiden Frauen scheinen in ihrem
Verhalten "von einer anderen Welt" zu sein. Könnte das der
Grund für diese so einhellige und erstaunliche Ablehnung weltweit sein?
Tatsache ist, dass ein "Antisemit" den Film ohnehin nicht
verstehen wird. Er wird nicht einmal erkennen, wer eigentlich Jude in dem
Film ist und wer nicht! Und ohne die ausdrückliche
"Aufforderung" der beiden Kirchen wären Rassisten kaum auf die
Idee gekommen, diesen ausschließlich religiösen Film anzusehen!
Der Film wirkt nicht nur durch die eindrucksvollen Szenen sondern auch
durch die Sprache des Aramäischen, Hebräischen und Latainischen (der
Film ist mit Untertiteln). Arabischsprachige Leser werden viele
Ähnlichkeiten mit qur'anischen Begriffen erkennen! Und die Heilige Maria,
wie auch Maria Magdalena werden in einer Würde, Heiligkeit und
Ernsthaftigkeit gespielt, wie es nur in wenigen christlichen Filmen derart
herzergreifend der Fall ist (nur noch übertroffen durch den muslimischen
Maria-Film).
Der Film ist von Christen für Christen gedreht worden! Wer die Bibel
nicht kennt, wird den Film kaum verstehen. Auch ist die Freigabe ab 16
Jahren durchaus nachvollziehbar. Aber die religiöse Faszination, die vom
Film ausgeht, ist nicht zu leugnen. Die Liebe, die dieser Film ausstrahlt,
kann nur ein Mensch verstehen, der weiß, dass die Wahrheit immer aus
blutigen Mündern geflossen ist. Einem Muslim bietet der Film die Chance
besser zu verstehen, woran heutige gläubige Christen - so weit es sie in
diesem Land noch gibt - wirklich glauben, und dass dieser Glaube
möglicherweise der Liebe im Herzen eines gläubigen Muslim viel näher
steht, als manche es vermuten.
In der Schlussszene sitzt der verlorene Teufel in seiner Grube und
schreit seine Hilflosigkeit heraus. Die Szene erinnert unweigerlich an den
Schrei, den Imam Ali (a.) bei der ersten Offenbarung an den Propheten (s.)
hörte und danach fragte. Der Prophet (s.) antwortete, dass es der Schrei
des Satans sei, der seine letzte Hoffnung verloren hat!
Mögen diejenigen, die die Missverständnisse zwischen den
Religionen aufklären werden, bald erscheinen!
Kurz nach der obigen Veröffentlichung erhielt
der Muslim-Markt durch einen gütigen Bruder noch folgende Erläuterung
zur "unbekannten Frau":
Das ist "Seraphia, das Weib Sichas, eines Mitgliedes aus dem
Tempelrate, welche durch ihre heutige Handlung den Namen Veronika, von
vera icon (das wahre Bild), erhielt", eine Base des Johannes (a.), die
auch schon an früheren Stationen des Lebens Jesu (a.) anwesend war. Und
das Mädchen hat sie an Kindes statt angenommen. Im Becher soll übrigens
Wein und nicht Wasser sein. Nach: Anna Katharina Emmerich, Die bitteren
Leiden unseres Herrn Jesu Christi; wie in den Medien berichtet, stützte
sich Gibson in Ergänzung zu den Evangelien auf diese Visionen der
demnächst seliggesprochenen deutschen Nonne.