Fußball als Religion kann nur Unheil stiften
Muslim-Markt 18.11.2005 - Eigentlich sollte Fußball ja nur ein Spiel
sein. Jeweils elf Personen aufgeteilt in zwei farblich unterscheidbare
Parteien erhalten insgesamt nur einen Ball und müssen zusehen, dass
einerseits jener Ball in einem viereckigen Kasten der gegnerischen Seite
landet und andererseits eine ganze Reihe von Regeln eingehalten werden,
die selbst einige Fußball-Journalisten nicht unbedingt verstehen. Über
die Einhaltung der Regeln wachen drei schwarz gekleidete Herren, die man
Schiedsrichter nennt. Eigentlich ist es ein schönes Spiel voller Freude
für Zuschauer und Beteiligte (wie z.B. in der ersten Halbzeit des
letzten Bayern-Werder-Spiels). Aber für manche ist jener Sport
bedauerlicherweise erheblich mehr. Für manche gibt es einen Fußballgott,
der über das Wohl so mancher Mannschaft wacht oder sogar mitspielt. Es
gibt einen Flankengott (Stan Libuda spielt seit Jahren nicht mehr!), es
gibt einen Kaiser, Könige, die Tore Schützen (Torschützenkönige), es
gibt Kapitäne und Affen (die mit Bananen gefüttert werden), alles fast
wie im richtigen Leben, aber vor allem gibt es Menschen, deren größter
Lebensinhalt irgendeine Mannschaft der Welt ist. Milliarden werden
umgesetzt mit jenem Sport aus den Taschen unzähliger Armer, die sich an
"ihre" Mannschaft als Lebensinhalt klammern, und da schleichen sich auch
manchmal Bösewichte ein, die manipulieren, wie dieser Tage deutsche
Gerichte feststellen mussten. Ein "Fußballheld", ein Stern im Himmel der
Fußballsterne verdient in einem Jahr mehr, als seine Anhänger im ganzen
Leben verdienen werden. Und manchmal spielen sogar ganze Nationen und
Religionen gegeneinander. Bei Nationalspielen gilt der ganze Stolz der
Nation! Die Nationalhymne wird gespielt, das Nationalgefühl emporgehoben
und Nationalsymbole "verteidigt" mit der Ehre der Nation.
Am letzten Mittwochabend, im Istanbuler Kadiköy-Stadion fand solch
ein Nationalspiel statt, dass im Nachhinein nicht nur die ganze
türkische Nation beschäftigt, sondern zudem auch Europa in Atem hält.
Die Spielfakten sind leicht zusammengefasst. Die Türkei hat nach einem
grandiosen Spiel zurecht 4:2 gewonnen. Aber das war ein Tor zu wenig, um
eine der letzten Fahrkarten für die WM in Deutschland einzulösen, so
dass die Schweiz sich trotz Niederlage freuen konnte. Die hatten nämlich
vorher das Hinspiel hoch genug gewonnen!
Aber was war da bereits im Hinspiel passiert? Hatte nicht das gesamte
schweizer Volk die türkische Nationalhymne ausgepfiffen? Wäre das nicht
ein Grund die diplomatischen Beziehungen auf Eis zu legen? Gut, das
Rückspiel verlief eigentlich "normal", bis auf die vielen faulen Eier,
die im Vorfeld herumgeflogen waren und die vielen Worte, die ähnlich
bekömmlich waren, wie die faulen Eier. Aber dann hat die Türkei im
Rückspiel eben doch insgesamt verloren und es kam hinterher zu ziemlich
viel Randale. Ja, so mancher schweizer Spieler hat tatkräftig
mitgeprügelt oder sogar manche Prügelei selbst angezettelt, und manch
türkischer Spieler aus der Bundesliga hat seinem schweizer
Arbeitskollegen sogar das Leben gerettet, aber Blut ist dennoch
geflossen. Und der FIFA-Chef, dummerweise ein Schweizer, hat gleich die
ganze Türkei verurteilt, obwohl ihm noch gar kein Bericht vorlag und er
noch nicht einmal die Fernsehberichte gesehen hatte.
Eigentlich ging es schon gar nicht mehr um die WM-Teilnahme allein.
War da nicht das unwürdige Gezerre der EU vor dem Start der
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei? Es spielt doch keine Rolle, dass
die Schweiz gar nicht in der EU ist! Und waren da nicht die Vorfälle in
Frankreichs Vorstädten. Zugegeben, Letzteres hat wenig mit Türkei zu
tun, aber das sind ja auch Muslime, oder? Und hatte nicht jüngst ein
europäisches Gericht das türkische - pardon islamische - Kopftuch
verboten. Selbst die Kopftuchgegner in der Türkei lassen sich das
Kopftuch ungern von einem Nichtmuslim verbieten, das ist schließlich
eine Frage der Ehre! Und bei der Ehre kennen "die Türken" ohnehin keinen
Spaß, oder? Wer hat noch nicht von den "Ehrenmorden" gehört. Und erst
vor einem Monat wurde in der Türkei ein 30-Jähriger vor Gericht
gestellt, weil er eine Büste des Republikgründers Atatürk mit Farbe
beschmiert hatte. Er erhielt sage und schreibe 22 Jahre Haft! Und bei
einem UEFA-Cup-Spiel in Istanbul vor fünf Jahren hatten britische Fans
von Leeds United in einer Bar sich öffentlich mit einer türkischen Fahne
den nackten Hintern abgewischt; es gab anschließend zwei Tote!
Ja hat nicht letztendlich das schweizer Kreuz gegen den türkischen
Halbmond gespielt? Und haben nicht beide Flaggen einen roten
Hintergrund, die Farbe des Blutes? Ging es hier nicht um viel mehr als
Fußball sondern sogar um die Türken vor Wien? Zugegeben, Wien liegt
nicht ganz in der Schweiz, das Spiel fand in der Türkei statt und die
meisten Spieler auf dem Feld spielen ohnehin nicht in ihrer Heimat in
Vereinen, aber sie waren wohl nah dran am Martyrium - zumindest mit dem
dazugehörigen Lohn vom Fußballgott. Dieses fürchterliche Gebräu aus
fanatischem Nationalismus, gepaart mit vorgeschobenen religiösen
Elementen, einer chaotischen Weltpolitik, falschen Ehrgefühlen und einer
zunehmend problematischeren Weltwirtschaftslage unterhalb der
Konzernleitungsebenen stink derart zum Himmel, dass man den Gestank
nicht ertragen kann!
Was haben jene türkischen Spieler mit Islam zu tun, wo nur die Frau
eines der Spieler ein Kopftuch trägt und der Rest sich lieber in Bars
vergnügt als in Moscheen? Was haben die schweizer Spieler mit dem
Christentum zu tun? Was haben fanatisierte Fußballfans auf allen Seiten,
die im Alkoholrausch Verbrechen begehen mit Islam oder Christentum zu
tun? Wie kommt es, dass solch eine Nachricht selbst in diversen
Muslim-Foren für mehr Emotionen sorgt, als die Tatsache, dass in den
letzten zwei Tagen wieder einige Hundert unserer Glaubensgeschwister im
Irak unter den Augen einer brutalen Besatzungsmacht geradezu
hingerichtet wurden? Ja merken denn jene Beteiligten nicht, wie sie
ausgenutzt werden für ein fürchterliches Spiel der Ablenkung und
Verdummung?
Sie zünden ein Feuer an und gießen dann jedes Öl hinein, dass sie
finden, nur und nur um Eskalationen zu erzeugen und von den eigentlichen
Problemen und Ungerechtigkeiten der Welt abzulenken. Viele europäische
Journalisten gießen Öl ins Feuer, viele türkische auch. Viele
europäische Sportverantwortlichen gießen Öl ins Feuer, viele türkische
auch, und bei den Fans ist es nicht anders! Und es brennt und brennt und
brennt immer lichterloher und zerstört und zerstört und zerstört - vor
allem das eigene Herz!
Wir wollen hier einige Fragen an die türkischen und europäischen
Fußballfans stellen, damit sie sich selbst prüfen und ihre eigene
Wertemaßstäbe läutern können. Es sind fiktive Fragen, die mit der
Realität wenig zu tun haben, und doch können sie für jeden Einzelnen
hilfreich sein, den eigenen Zustand zu erkennen und welche Gefängnisse
ihn umgegeben: Wären Sie bereits die nächsten 20 Jahre auf jegliche
Teilnahme "Ihrer" Nationalmannschaft, bei irgendeinem Turnier zu
verzichten, wenn dadurch der Abzug der Amerikaner aus dem Irak um 1 Jahr
vorgezogen werden würde? Wären Sie bereit die eigene
"Nationalmannschaft" aufzulösen, wenn es dadurch eine "multinationale"
Islamische oder Christliche Mannschaft gäbe? Und wären Sei bereit jenes
Spiel mit Freude zu genießen, wenn beide Mannschaften je zur Hälfte aus
Spielern der gegnerischen Mannschaft besetzt wird, wie früher auf dem
Schulhof durch Auswählen?
Ach ja, bevor wir es vergessen: Fußball ist nur ein Spiel, bei dem 22
Spieler hinter einem einzigen Ball herlaufen. Vielleicht sollte man doch
jedem Spieler einen Ball geben und die Tore abschaffen. Das wäre zwar
nicht mehr so spannend, aber die Fans hätte Zeit sich neue Götter zu
suchen. Wenn es aber kein Sportspiel ist, dann sollte man das auch wider
entsprechend kennzeichnen, z.B. durch den Einsatz von Löwen in der Arena
und nicht nur Journalisten.
Mit herzlichen Grüßen von
Ihrem Muslim-Markt-Team