Antworten der
Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Der Parteivorstand - Referat Kirchen und
Religionsgemeinschaften Burkhard Reichert
Berlin, den 23. April 2002
Sehr geehrter Herr Özoguz,
die Fragen, die Sie für den Muslim-Markt" zur Politik der SPD gestellt
haben, möchte ich Ihnen mit folgender Zusammenstellung beantworten.
Mit freundlichen Grüßen
Burkhard Reichert
Innenpolitik
 | Welche Rolle spielt Gott bei der Entscheidungsfindung in Ihrer Partei? |
In der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands arbeiten Menschen
verschiedener Grundüberzeugungen und Glaubenshaltungen zusammen. Ihre
Übereinstimmung beruht auf gemeinsamen Grundwerten und gleichen politischen
Zielen. Wir begrüßen und achten persönliche Grundüberzeugungen und
Glaubenshaltungen. Die Frage nach religiösen Motiven in den
Entscheidungsfindungen der SPD kann nur mit dem Verweis auf die persönliche
Motivation einzelner Mitglieder und auf ihr Engagement in der Partei beantwortet
werden.
 | Was versteht Ihre Partei unter dem Begriff "Leitkultur", und
in welchem Sinn sind deutsche Muslime von der "Leitkultur"
betroffen? |
Der Begriff Leitkultur ist seit der Debatte über eine deutsche
Leitkultur" für die integrationspolitische Auseinandersetzung nicht mehr
brauchbar. Dennoch gibt es selbstverständlich eine in Deutschland vorhandene
und mehrheitlich praktizierte Kultur, die sich aus der Erinnerung an die
Erfahrungen in der Geschichte, aus den großen religiösen, philosophischen und
künstlerischen Traditionen, die unser Land geprägt haben, ausdrückt und die
in der geltenden Rechtsordnung unseres Landes ihren Ausdruck gefunden hat.
Jeder, der in diesem Lande als Gast leben will oder als Zuwanderer Bürgerin
oder Bürger werden will, muss diese Rechtsordnung anerkennen. Unsere Kultur ist
offen für Beiträge aus den aktuellen Lebensvollzügen im Lande und in der
Begegnung mit anderen Kulturkreisen. Dies schließt die Möglichkeit für
Zuwanderer, eigene kulturelle Traditionen in den Schranken dieser Rechtsordnung
entfalten zu können, ein.
 | Denkt Ihre Partei an eine Anerkennung der großen muslimischen
Dachverbände als Körperschaften des öffentlichen Rechts? |
Die Rechtsfigur der Körperschaft des Öffentlichen Rechtes ist in unserer
Rechtsordnung nicht für Dachverbände geschaffen, sondern sie findet ihre
Anwendung auf Kirchen und Religionsgemeinschaften, die bestimmte Voraussetzungen
erfüllen können und wollen und die bereit sind, am öffentlichen Diskurs und
am öffentlichen Leben konstruktiv teilzunehmen. Der Zentralrat der Juden in
Deutschland vertritt eine dieser anerkannten und traditionell in Deutschland
vertretenen Religionsgemeinschaften. Religiöse Gemeinschaften muslimischer
Ausrichtung, die die in der Rechtsordnung vorgesehenen Bedingungen und
institutionellen Formen erfüllen, haben durchaus die Möglichkeit, den
Rechtsstatus einer Körperschaft des Öffentlichen Rechtes anzustreben.
 | Können Sie sich eine Lehrerin mit Kopftuch an einer öffentlichen
Schule vorstellen, unabhängig davon, ob es eine christliche Nonne oder eine
islamische Frau ist? |
In der Kopftuchfrage führt der Vergleich zwischen einer christlichen Nonne
und einer muslimischen Frau nicht weit. Nirgendwo in der Welt gibt es christlich
begründete Kleidervorschriften für Frauen. Die Entscheidung, für eine
besonders geprägte religiöse Lebensform in einer Ordensgemeinschaft ist für
die Ordensfrau der äußern Rechtsordnung nach jederzeit rückgängig zu machen.
Die Diskussion über das muslimische Kopftuch hat ihre besondere Bedeutung in
der Stellung, denen Frauen in bestimmten muslimisch geprägten Gesellschaften
unterworfen sind.
Die Frage, inwieweit das Kopftuch für eine Lehrerin als Staatsbeamtin
vertretbar ist, war die einzige in Deutschland bisher problematische
Entscheidung. Weder für Schülerinnen, noch für andere gesellschaftliche
Positionen hat es bisher Auseinandersetzungen um das Kopftuch mit rechtlichen
Folgen gegeben. In dem Maße, in dem die Frage über die gesellschaftliche
Gleichberechtigung der Frau auch in innermuslimischen Zusammenhängen
unproblematisch wird, wird sich auch die von Ihnen gestellte Frage erledigen.
 | Können Sie sich eine Muslima mit Kopftuch in einer leitenden Funktion
Ihrer Partei vorstellen? |
keine Antwort
 | Welche Vorschläge haben Sie für die Integration kopftuchtragender
Muslimas in öffentlichen Bereichen, Bildungseinrichtungen und im
Arbeitsmarkt? |
keine Antwort
 | Welche Position vertritt Ihre Partei bezüglich islamischen
Religionsunterrichtes an deutschen Schulen? |
Die SPD hält einen muslimischen Religionsunterricht an den Öffentlichen
Schulen für wünschenswert, wenn er in den von der Verfassung vorgesehenen und
durch die Praxis in den Bundesländern bewährten Formen erteilt werden kann.
Dies setzt eine deutliche und verbindliche Auskunft über die Inhalte eines
muslimischen Religionsunterrichts ebenso voraus wie die Bereitschaft zur
Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden, die den Schulunterricht insgesamt
zu verantworten haben. Die Schritte, die von islamischen Gruppen in jüngster
Zeit in einzelnen Bundesländern zur Bildung einer religiös autorisierten
Islamischen Institution unternommen worden sind, begleiten wir mit großem
Interesse.
 | Welche Position vertritt Ihre Partei zu der zunehmenden Zahl an
Abtreibungen in diesem Land? |
Jede Abtreibung ist eine zuviel. In aller Regel kommen Abtreibungen jedoch
dem Konflikt von Frauen zustande, die sich durch eine ungewollte Schwangerschaft
in eine für sie unlösbare Situation gedrängt fühlen. Die Rechtsordnung der
Bundesrepublik Deutschland geht davon aus, dass dieser Konflikt durch Drohungen
des Strafrechts nicht gelöst werden kann. Deshalb wurde die Strafdrohung
zugunsten einer Beratungspflicht zurückgenommen. In der Beratung soll alles das
nachgewiesen werden, was der Frau im Konflikt die Annahme des Kindes erleichtern
könnte.
Außenpolitik
 | Welche grundsätzliche Rolle spielt "Gerechtigkeit" in Ihrer
Auffassung von Außenpolitik und wie setzen Sie dies um? |
Für die SPD ist Gerechtigkeit ein Schlüsselbegriff für die Politik des
Ausgleichs von legitimen Interessen zwischen den Völkern und Staaten der Einen
Welt. Diese Politik der Solidarität zwischen dem wirtschaftlich entwickelten
Teil der Welt und dem weniger entwickelten Teil der Welt ist seit den 70-er
Jahren des vorigen Jahrhunderts dank dem damaligen Parteivorsitzenden Willy
Brandt, der auch Vorsitzender der sogenannten Nord- Süd-Kommission war, ein
international anerkanntes Markenzeichen" der SPD. Dementsprechend tritt
die SPD in der Außenpolitik für die friedliche Lösung von Konflikten und den
fairen Ausgleich von Interessen ein. In der internationalen Zusammenarbeit zielt
unsere Politik auf Gerechtigkeit zwischen den Völkern und innerhalb der
Gesellschaft hin.
 | Welche Position vertritt Ihre Partei gegenüber der Gründung eines
unabhängigen Staates Palästina? Wie will Ihre Partei gegen die
unmenschliche und völkerrechtswidrige Besatzungspolitik Israels vorgehen? |
Seit langem tritt die SPD für das Selbstbestimmungsrecht des
palästinensischen Volkes und für einen souveränen und wirtschaftlich
lebensfähigen palästinensischen Staat ein. Den Aufbau der Verwaltung und der
Infrastruktur dieses Staat hat Deutschland politisch und, stärker als jedes
andere Land der Welt, finanziell und wirtschaftlich unterstützt. Deutschland
tritt ebenso für das Existenzrecht des Staates Israel in international
anerkannten und sicheren Grenzen ein. Zwischen beiden Staaten muss ein
Verhältnis friedlicher Koexistenz herrschen. Dies ist eine unerlässliche
Voraussetzung für die Schaffung von Frieden und Stabilität in der gesamten
Region. Deutschland setzt sich im Maße seiner Möglichkeiten aktiv für dieses
Ziel ein.
 | Ist Ihre Partei bereit, die USA bei militärischen Angriffen auf
weitere Länder (nach Afghanistan) zu unterstützen? |
Der feige Anschlag auf unschuldige deutsche Bürger in Tunesien beweist, dass
Deutschland seinen Anteil am Kampf gegen den internationalen Terrorismus leisten
muss, weil es selbst bedroht ist.
 | Können Sie sich vorstellen, auch die Vorladung anderer
Kriegsverbrecher außer Milosevic (z. B. Sharon) vor ein internationales
Gericht gegen Kriegsverbrechen zu unterstützen? |
Die SPD ist immer ohne Vorbehalt für die Schaffung eines internationalen
Strafgerichtshofs eingetreten, damit die für Völkermord und andere schwere
Verbrechen Verantwortlichen nicht ihrer gerechten Strafe entgehen. Dabei müssen
selbstverständlich gleiche Maßstäbe herrschen.
 | Ungefähr ein Fünftel der Menschheit sind Muslime, die bis heute in
keiner ständigen Form im UN-Sicherheitsrat vertreten sind. Inwieweit
unterstützen Sie eine repräsentative Zusammensetzung dieses Gremiums und
wie verträgt sich das sog. Veto-Recht mit Ihrem Demokratieverständnis? |
Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sind weder Muslime noch Christen
noch andere Religionen, sondern Staaten vertreten. Die SPD tritt schon seit
langem für eine Aufnahme von Staaten aus Kontinenten ein, die bisher im
Sicherheitsrat unterrepräsentiert sind. Das Vetorecht spiegelt die Situation
bei der Gründung der UNO nach dem Zweiten Weltkrieg wider.
 | Deutschland hat in den letzten 50 Jahren selbst keinen Krieg
angefangen, keinerlei Stellvertreterkriege angezettelt und genoss bis zur
"uneingeschränkten" Kopplung an die USA in der "Dritten
Welt", speziell in der islamischen Welt, ein sehr hohes Ansehen. In
welcher Weise wollen Sie dieses Ansehen retten bzw. ausbauen? |
Für die SPD ist Krieg kein Mittel der Politik. Der Kampf gegen Terror ist
als Mittel der Selbstverteidigung ein selbstverständliches Recht der Völker
und Staaten. Die uneingeschränkte Solidarität" mit den USA nach dem
verbrecherischen Massenmord am 11. September 2001 gilt angesichts der großen
menschlichen Tragödie nach wie vor. Dieses bedeutet nicht das Einverständnis
mit jeder politischen Entscheidung der Regierung der Vereinigten Staaten.
Wirtschaftspolitik
 | Welche grundsätzliche Rolle spielt "Gerechtigkeit" in Ihrer
Auffassung von Wirtschaftspolitik und wie setzen Sie diese um? |
Gerechtigkeit ist ein Grundwert der SPD-Politik überhaupt. Er gilt folglich
in allen Bereichen der Politik. Seit ihrer Gründung vor 168 Jahren ist die SPD
für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit und für Chancengerechtigkeit
eingetreten, damit jeder Mensch sich gemäß seinen Fähigkeiten entwickeln und
alle ein würdiges Leben führen können.
 | Wie steht Ihre Partei zu fairen Preisen für Rohstoffe aus
Entwicklungsländern? |
Die SPD tritt schon seit langem dafür ein, die Entwicklungsländer
verstärkt in die Lage zu versetzen, das Geld für ihre eigene Entwicklung
selbst zu verdienen und sie auf diese Weise nicht nur wirtschaftlich, sondern
auch politisch unabhängiger zu machen.
 | Setzt sich Ihre Partei für dieselben Gesundheitsstandards für
Menschen und in Entwicklungsländern ein? |
Selbstverständlich müssen die gleichen Gesundheitsstandards gelten. Die SPD
bemüht sich mit Nachdruck um entsprechende Maßnahmen bei der Ausfuhr von
Produkten aus Deutschland. Die Verantwortung für die Einfuhr von Produkten
tragen aber die Regierungen der jeweiligen Länder. Auch sie müssen ihre
Verantwortung in Taten umsetzen.
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