Antworten der
FDP
17. August 2005
Sehr geehrter Herr Özoguz,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 21.07.2005.
Die von Ihn gestellten Fragen haben wir im beigefügten Anhang beantwortet.
Als weitere Informationsmöglichkeit verweise ich Sie auf das Wahlprogramm
der FDP, welches Sie unter dem Link
http://files.liberale.de/fdp-wahlprogramm.pdf finden können.
Vielen Dank für Ihr Interesse,
mit freundlichen Grüßen
Helmut Metzner
Abteilungsleiter
Antworten der FDP auf die Fragen von
Muslim-Markt
Innenpolitik
Ist der Islam für Sie (auch) eine deutsche
Religion oder eine Ausländerreligion?
Nach Auffassung der FDP gibt es prinzipiell keine spezifisch deutsche
oder ausländische Religion. Die so genannten drei Weltreligionen habe
ihren Ursprung allesamt im nahen und mittleren Osten. In der
kulturgeschichtlichen Betrachtung hat das Christentum natürlich einen
prägenden Charakter für den mitteleuropäischen und deutschen Kultraum
gegeben. Zur Zeit leben etwa 3 Millionen Muslime in Deutschland und die
FDP sieht es als liberale Partei für gegeben an, dass hiermit auch der
Islam einen prägenden Einfluss bekommen hat und dies auch gewürdigt werden
muss. Die FDP steht dabei eindeutig auf dem Boden des Grundgesetzes,
dessen Artikel 4 die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert.
Welche Einstellung hat Ihre Partei zum
muslimischen Kopftuch an öffentlichen Schulen bei Lehrern, Schülern, an
Universitäten und im öffentlichen Dienst (z.B. Polizei) und ggf. auch in
Ihrer Partei?
Das Kopftuch einer muslimischen Angestellten an öffentlichen Schulen,
Behörden oder Universitäten ist für die FDP prinzipiell kein
Hinderungsgrund für eine eventuelle Einstellung. Es muss jedoch klar und
deutlich wie bei religiösen Symbolen anderer Religionen auch erkennbar
sein, dass keine offensive missionarische Tätigkeit durch die Trägerin des
Kopftuchs ausgeübt wird. Weiterhin ist zu gewährleisten, dass die
muslimische Frau das Kopftuch aus freien Stücken und nicht unter Zwang
(der Familie oder anderer Autoritäten) trägt und so in ihren Grundrechten
eingeschränkt würde. Letztlich ist zu bedenken, dass ein Angestellter des
öffentlichen Dienstes bzw. ein Beamter zu aller Erst die Interessen des
Staates und erst an nachgeordneter Stelle die Interessen seiner jeweiligen
religiösen oder politischen Ausrichtung gegenüber Dritten zu vertreten
hat.
Welche Position vertritt Ihre Partei bezüglich
islamischen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen und wer soll über
die Lehrinhalte entscheiden bzw. mitentscheiden?
Islamischer Religionsunterricht im Sinne eines bekenntnisorientierten
Religionsunterrichts in deutscher Sprache an staatlichen Schulen ist ein
wichtiger Schritt zur Integration der in Deutschland lebenden Muslime. Die
Ausbildung islamischer Religionslehrer muss jedoch an deutschen
Hochschulen erfolgen. Hierzu ist die Errichtung entsprechender Lehrstühle
für islamische Religion, wie derzeit bereits an den Universitäten Münster
und Erlangen-Nürnberg erforderlich. Weiterhin muss der Staat einen
verlässlichen Ansprechpartner auf Seiten der Muslime haben. Dafür ist es
notwendig, dass der Islam in Deutschland sich eine Struktur gibt, die eine
Anerkennung als Religionsgemeinschaft ermöglicht. Vorbildlich ist hierbei
die entsprechende Organisation in Österreich.
Inwieweit würden Sie muslimische
Frauenvereinigungen bei der Umsetzung ungewöhnlicher Integrationskonzepte
unterstützen, wie z.B. einem monatlichen Schwimmabend nur für Frauen in
öffentlichen Schwimmbädern, oder der Zulassung eines
Ganzköperschwimmanzuges für muslimische Frauen oder striktem Alkoholverbot
auf Klassenreisen (auch für Lehrer) und ähnlichen in Kooperationen
erarbeiteten Lösungsvorschlägen?
Integrative Maßnahmen unterstützt die FDP in vollem Umfang, solange sie
nicht Eingriffe in die grundgesetzlichen Menschenrechte darstellen.
Integration ist für die FDP ein ständiges gegenseitiges Geben und Nehmen
und darf nicht auf Kosten Dritter geschehen.
Welchen Stellenwert haben Hausfrauen und
Mütter in Ihrem Parteiprogramm und in wie weit denkt Ihre Partei an eine
rechtliche (Recht auf anteiligen Gehalt durch den Versorger) wie auch
wirtschaftliche Aufwertung (z.B. durch eine Hausfrauenrente) dieser
Berufungen?
Ziel liberaler Frauenpolitik ist die Herstellung realer
Chancengleichheit in allen Bereichen. Die Gesellschaft kann es sich nicht
leisten, weiterhin auf die Perspektiven, das Wissen und die Erfahrungen
von Frauen zu verzichten. Die FDP setzt dabei in erster Linie auf einen
gesellschaftlichen Veränderungsprozess. Vielfältige Ansätze und Maßnahmen
zur Beseitigung von Hindernissen für die gleichberechtigte Integration von
Frauen müssen hier berücksichtigt werden. Zentrale Handlungsfelder sind
die Bildungspolitik (Abbau von Rollenklischees, Beeinflussung des
Berufswahlverhaltens), die Wirtschaftspolitik (Flexibilisierung der Arbeit
und Überprüfung arbeitsrechtlicher Schutzvorschriften), die Steuer- und
Finanzpolitik sowie die Familienpolitik.
Wie steht Ihre Partei zum Thema Abtreibung und
zur Gleichstellung homosexueller Paare gegenüber Ehepaaren und welche
Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die gemäß GG unantastbare Würde des
Menschen?
Die FDP steht für ein offenes und tolerantes Miteinander und bekennt
sich zu dem Grundsatz, dass Diskriminierungen wegen der Rasse, der
ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung,
einer Behinderung, des Alters und der sexuellen Identität in einer
aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz haben dürfen. Eingetragene
Lebenspartnerschaften müssen mit der Ehe gleichgestellt werden. Im Bezug
auf die Abtreibung sieht die FDP das Selbstbestimmungsrecht der Frau als
vorrangig an und möchte der Frau die Entscheidung über eine Abtreibung
nach entsprechender Information in Eigenverantwortung überlassen.
Außenpolitik
In wie weit spielt die Tatsache, mit einem Land befreundet zu sein,
für Sie eine Rolle bei der Beurteilung von Völkerrechts- oder
Menschenrechtsverbrechen?
Das Völker- und Menschenrecht steht prinzipiell als Allgemeingut über
den Beziehungen zweier Staaten. Die FDP tritt mit ihrer Außenpolitik für
eine Durchsetzung des Menschen- und Völkerrechts bei den Bündnispartnern
der Bundesrepublik ebenso ein, wie bei anderen Staaten.
Welche Position vertritt Ihre Partei gegenüber
der Gründung eines unabhängigen Staates Palästina in den international
anerkannten Grenzen?
Die FDP tritt für die freie und selbstbestimmte Entwicklung der Völker
in Frieden ein und unterstützt gewaltfreie Konfliktbeilegungen. Der
jetzige Verhandlungsstand der Gespräche zwischen Israel und Palästina
lässt auf eine friedliche und gemeinsame Zukunft der beiden Staaten
hoffen.
In wie weit will eine von ihrer Partei
mitbeeinflusste Regierung deutsche Waffen in Spannungsgebiete liefern (z.
B. U-Boote nach Israel)?
Die FDP steht zur friedlichen Konfliktlösung und unterstützt das Recht
der Staaten auf militärische Selbstverteidigung. Es ist unerläßlich vor
Waffenlieferungen die völker- und menschenrechtlichen Umstände in dem
jeweiligen Staat zu prüfen und dann eine abschließende Entscheidung zu
fällen.
Ist ihre Partei bereit, die USA bei
militärischen Angriffen auf weitere Länder (nach Afghanistan und Irak) zu
unterstützen?
Die FDP unterstützt und fordert die Einhaltung der Verträge der
Vereinten Nationen. Militärische Maßnahmen sind nur durch ein
entsprechendes Votum des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zu
befürworten. Eben diese Haltung hat die FDP schon bei der Frage des
Irak-Krieges bezogen. Der jetzigen Bundesregierung ist hierbei
vorzuwerfen, dass sie das Votum des Sicherheitsrates durch eine
prinzipielle Ablehnung seiner Entscheidung für völkerrechtlich ungültig
erklärte und sich somit gegen die Völkergemeinschaft gestellt hat.
In wie weit unterstützen Sie eine
repräsentative Zusammensetzung des UN-Sicherheitsrates und wie verträgt
sich das so genannte Veto-Recht ausgewählter Staaten mit Ihrem
Demokratieverständnis?
Die FDP strebt eine Stärkung der Vereinten Nationen und der
Legitimation und Handlungsfähigkeit des Sicherheitsrates an. Wir setzen
uns für einen gemeinsamen europäischen ständigen Sitz im Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen ein. Ein ständiger deutscher Sitz ist nur die
zweitbeste Lösung, bis die Forderung nach einem europäischen Sitz Realität
geworden ist. In diesem Fall muss Deutschland den deutschen Sitz im
Sicherheitsrat treuhänderisch auch für die EU-Partner wahrnehmen.
In wie weit akzeptieren sie das international
verbriefte Recht aufstrebender Entwicklungsländer, insbesondere
muslimischer Länder, Forschung an der friedlichen Nutzung von Atomenergie
betreiben zu dürfen?
Atomenergie darf nach dem Atomwaffensperrvertrag nur friedlich genutzt
werden. Dieser Vertrag ist einzuhalten.
Wirtschaftspolitik
Gibt es in Ihrer Partei Konzepte für ein
Wirtschaftssystem ohne Wachstum?
Eine Wirtschaftspolitik, die Wachstum ausschließt, ist zum Scheitern
verurteilt. Der Islam selbst ist dem Gewinnstreben der Wirtschaft positiv
zugetan und unterstützt die freien Kräfte des Marktes. Es muss im Rahmen
der Globalisierung möglich sein, ein faires und gerechtes
Welthandelssystem zu errichten, wie es bereits durch die WTO oder die
Weltbank und deren Institute geschieht. Steuersenkungspolitik mit dem
Steuerkonzept der FDP (15%, 25%, 35%) ist für die FDP die beste
Arbeitsmarktpolitik. Nur so können soziale Ungleichheiten verringert
werden.
Welche wirtschaftlichen (aber auch sozialen)
Konzepte hat Ihre Partei für eine schrumpfende Bevölkerung?
Die FDP fordert flexiblere Arbeitszeiten und eine bessere Einbindung
und Förderung der Frau in den wirtschaftlichen Prozess. Durch eine
Verbesserung der Kinderbetreuung und der Bildungspolitik ist es möglich
auf das schrumpfende Bevölkerungswachstum zu reagieren. Die Rentenpolitik
muss mehr Gewicht auf die Eigenverantwortung legen und ein ungerechtes
staatliches Umverteilungsregime verhindern.
Gibt es Überlegungen in Ihrer Partei, dass die
unter allen Regierungen angewachsene Schuldenspirale in Bund und Ländern
ein Schwachpunkt im bestehenden System ist?
Der Staatsverschuldung ist unter der rot-grünen Bundesregierung
besorgniserregend gewachsen. Die FDP sieht es als notwendig an, die
Subventionen für unrentable Maßnahmen zu verringern und gleichzeitig durch
einen effizienten Bürokratieabbau den Staatshaushalt zu entlasten. Die
Politik muss nun endlich dem Gebot folgen, dass vor dem Ausgeben das
Erwirtschaften steht.
In wie weit glauben Sie eine soziale
Marktwirtschaft in einem Umfeld umsetzen zu können, in dem die
wirtschaftliche Konkurrenz in der globalisierten Welt keinen Wert auf
soziale Aspekte legt?
Die soziale Marktwirtschaft ist fester Bestandteil der
wirtschaftspolitischen Ansichten der FDP. Nur durch eine freie Wirtschaft,
die durch ordnende Eingriffe des Staates angeleitet wird, ist es möglich,
auch ein weltweites faires und gerechtes System sozialer Marktwirtschaft
zu gewährleisten. Die Statuten der WTO und der Weltbankgruppe sind hierbei
maßgeblich.
Parteispezifische Frage
Hat Ihre Partei einen speziellen
Ansprechpartner für praktizierende Muslime?
Die FDP hat mit einen kompetenten Ansprechpartner für türkisch-stämmige
Muslime in der Liberalen Deutsch-Türkischen Vereinigung (www.ltd-ev.de)
und natürlich unter www.fdp.de.