Lasst uns Brücken zu Ehren des Kopfes unter dem Tuch bauen!
Ein Plädoyer zum Miteinander des Muslim-Markt - 18.3.2004
Seit Monaten nun werden die Bürger von einer scheinbar unendlichen
Diskussion um das Kopftuch überschwemmt. Jede Zeitung, jede
Zeitschrift, jede Politsendung hat mindestens einmal darüber berichtet
und die Argumente aller Seiten sind teilweise im wahrsten Sinne
aufeinandergeprallt.
Da ist z.B. die Rede von dem Symbol der Unterdrückung der Frau mit
dem Gegenargument, dass die Frauen es freiwillig tragen und schließlich
auch ein Rock ein kleidungsmäßiges Unterscheidungsmerkmal zwischen den
Geschlechtern sei. Da ist die Rede von der Indoktrination der Schüler,
die allerdings noch nie jemand bei den seit Jahrzehnten bestehenden
Lehrerinnen mit Kopftuch beobachtet hat. Da ist die Rede von den
Neutralität des Staates, wobei sich die Bundesländer nicht einig sind,
welche Auswirkungen das auf Kreuz und Kippa hätte, und schließlich
wollen auch die Muslime nicht das Weihnachtsfest in der Schule
abschaffen. Da werden in aller Eile Gesetzentwürfe hin- und
hergestrickt ohne die absurden Folgen zu bedenken. Was will man z.B.
machen, wenn eine progressive christliche Lehrerein aus Solidarität
oder eine Protestatheistin aus modischen Gründen ein Kopftuch aufsetzt?
Und was will man machen, wenn die Muslimas statt Kopftuch ein Sweatshirt
mit Kapuze und Halstuch tragen? Gibt es dann ein
Sweatshirtkapuzenverbot? Da werden Ängste in der Bevölkerung
geschürt, dass die Muslime die Gesellschaft unterwandern wollten, ohne
zu berücksichtigen, dass sie schon lange ein nicht mehr wegzudenkender
Bestandteil der Gesellschaft sind und zunehmend die Last der Erziehung
der nächsten Renteneinzahler übernehmen! Da taucht dann plötzlich ein
angeblich nur christlicher Gott des Grundgesetzes auf, und die
jüdisch-christliche Tradition des Abendlandes rüstet sich zur
Verteidigung der eigenen Werte, ohne jemals daran zu denken, wie sich
die Heilige Maria - Mutter Jesu - gekleidet hat und selbst heute in
vielen christlichen Gebieten dieser Welt das Kopftuch durchaus
obligatorisch ist. Und die fatale Wirkung eines "begrenzten"
Verbots nur im schulischen Bereich auf alle anderen Lebensbereiche wird
gänzlich geleugnet!
Die Liste der Argumente und Gegenargumente ist nahezu unerschöpflich
und jedes Argument der einen Seite scheint mit einem Gegenargument der
anderen Seite erstickt werden zu können.
Aber geht es dabei wirklich nur um das Kopftuch? Derzeit diskutieren
neben Millionen von Bürgern auch hunderte von professionellen
Politikern, Juristen, Sozialwissenschaftlern, alle möglichen
-rechtlerinnen und ganze Staatskanzleien und Länderregierungen über
ein Gesetz, dass aktuell ganze 25 Personen im gesamten Bundesgebiet
treffen würde und zukünftig möglicherweise einige wenige mehr. Ist
das wirklich die Invasion, vor der man sich zu schützen sucht?
Oder kann es nicht sein, dass es um etwas ganz anderes geht? Kann es
nicht sein, dass das Kopftuch nur die Spitze des Eisberges ist, welches
aus dem Wasser ragt, und um das wir uns heute so intensiv allseitig
bemühen, und immer noch nicht trauen, über den Eisberg selbst zu
sprechen? Kann es nicht sein, dass eine jahrzehntelange Schweigsamkeit
sich jetzt an einem einzigen Begriff zu entladen sucht?
Bei allen Argumente, deren teilweise gebetsmühlenartige Widerholung
über Monate hinweg so manchem Bürger auch anfängt lästig zu werden,
werden die deutlichen Randbedingungen und unausweichlichen Konsequenzen
kaum beleuchtet.
Fakt ist: Kaum eine Muslima wird ihr Kopftuch abnehmen nur um in den
Staatsdienst aufgenommen zu werden. Da können die "Retter"
des Abendlandes argumentieren so viel sie wollen, Gesetze erlassen, so
viel sie wollen, sie werden keine aus Überzeugung Kopftuch tragenden
Frau dazu zwingen können, Ihre Haarpracht zu entblößen! Die Folge
wäre unweigerlich eine Ausgrenzung und die sicherlich dann verstärkte
Gründung von muslimischen Privatschulen, woran die Muslime, trotzt
aller Schwierigkeiten in der Gesellschaft, bisher nie gedacht haben! Ist
das wirklich das Ziel des Kopftuchverbots? Jegliche Vorstellung, man
könne mit solchen Verboten die "Kopftuchgefahr" eindämmen
ist eine Illusion, das Gegenteil ist der Fall!
Fakt ist aber auch: Die Muslime können sich noch so sehr
argumentativ bemühen, noch so sehr ihren Willen zur Integration
bekunden, dennoch bleiben sie stecken! Die durch Politprofis und
Journalisten getragenen Ablehnung des Kopftuchs schwimmt auf einer Welle
von Ängsten der Bevölkerung, die sich gegen den gesamten Islam
richtet. Und den einheimischen Muslimen - auch das ist Fakt - ist es
bisher nicht gelungen, diesen Ängsten hinreichend deutlich und vor
allem effektiv entgegen zu treten. Viele in der Bevölkerung wünschen
sich letztendlich doch, dass die Muslimas ihr Kopftuch abnehmen - aus
welchen Gründen auch immer!
Wir haben hier also die klassische scheinbar unauflösbare Situation
mit Muslimas, die auf keinen Fall ihre Haare zeigen werden und
bedeutenden Teilen einer Bevölkerung, welche sich letztendlich davor
fürchtet.
Es hat wenig Sinn den Medien und Politikern, welche den "Kampf
der Kulturen" gepredigt haben, die Schuld an dieser Misere zu
geben, denn die werden sich nicht ändern. Also sollten wir uns doch
selbst fragen: Ist das wirklich eine ausweglose Situation, oder birgt
die Situation nicht auch Chancen?
Immerhin, erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
kam es zu einem intensiven Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen
auch über ein kritisches kontroverses Thema und nicht nur über einen
Friede-Freude-Eierkuchen-Pseudo-Dialog. Erstmalig haben sich die
teilweise extrem gegensätzlichen Positionen an einen Tisch gesetzt und
diese miteinander ausgetauscht. Es ist sicherlich nicht ungerecht, wenn
man den Bremer Landeschef und seine Bestrebungen in dieser Hinsicht als
Vorreiter für ganz Deutschland einstuft! Und erstmalig haben die
Menschen miterlebt, dass man auch wirklich gegensätzliche Positionen,
auch konfliktreiche Themen in einer friedvollen Atmosphäre
ausdiskutieren kann! Ist das nicht eine Chance?
Das Kopftuch ist dabei wirklich nur die Spitze des Eisberges. Warum
nutzen wir nicht die Chance und sprechen uns in allen Themen aus, die
uns auf dem Herzen liegen! Warum "streiten" wir nicht mit
einer konstruktiven und für die Gesellschaft nützlichen Streitkultur
über die trennenden Fragen, von denen es doch so viele gibt:
- Wie ist das mit den Terroranschlägen in New York und Madrid? Wie
ist das mit den Ängsten, sind diese nur einseitig? Auch Muslime in
Europa fahren doch mit dem Zug, selbst wenn sie Kopftuch tragen. - Wie
ist das mit dem Nahostkonflikt, welche Auswirkungen hat das auf das
Zusammenleben hier? - Wie ist das mit der Milli Görüsch in Deutschland
und anderen "Fundmentalisten", wollen die alle zusammen
Deutschland wirklich islamisieren? Tarnen die sich alle nur? - Welche
Auswirkungen hat das religiöse Leben der Muslime auf das
gesellschaftliche Leben? - Wie ist das mit der Stellung der Frau im
Islam, wird sie nicht doch unterdrückt?
Die Liste ließe sich unendlich verlängern. So kritisch und so
konfliktreich manche der Fragen auch erscheinen mögen, so
unausweichlich ist deren Aussprache, und es führt kein Weg daran
vorbei. Wir können weitere Jahrzehnte darauf warten, und es wird
irgendwann "explodieren", wie jetzt die Kopftuchdebatte, oder
aber wir fangen endlich damit an, auf der Basis und im Respekt des
Grundgesetzes und der Gesetzte des Landes, in dem wir uns befinden!
Auch wir Muslime MÜSSEN uns selbst einige kritische Fragen stellen
und unabhängig von der Einstellung der Mehrheitsgesellschaft Antworten
darauf suchen:
- Warum ist die muslimische Kultur in diesem Land immer noch an
fremde Sprachen gekoppelt, und warum haben wir nicht selbst einen
bedeutenden Beitrag dazu geleistet die Muttersprache des Landes ernst zu
nehmen? - Haben wir nicht selbst einen gehörigen Anteil an der
Vorstellungen über die Unterdrückung der Frau in muslimischen
Familien? - Warum "verstecken" wir uns bei so mancher
Gelegenheiten hinter irgendwelchen Namen und Begriffen, wenn eine
unserer Moscheen oder Organisationen "beobachtet" wird und
treten nicht viel offener auf? - Warum reagieren wir mit den üblichen
Reflexen auf jede Provokation der Sicherheitsbehörden und laden nach
einer Moscheerazzia nicht genau jene Polizisten von uns aus in die
Moschee ein? - Und warum sprechen wir nicht zumindest bei den Dingen,
bei denen wir als Muslime wirklich einig sind, nicht mit einer einzigen
Stimme, damit unsere berechtigten Anliegen besser zur Sprache kommen?
Und auch diese Liste ließe sich unendlich verlängern! Und das
Ergebnis aller Fragen wäre das Eingeständnis von unendlich vielen
Versäumnissen auf allen beteiligten Seiten.
Wenn wir aber nun das Kopftuch als sozusagen sichtbare Spitze dieses
Eisberges sehen und vor der Frage stehen, wie wir den Konfliktfall
lösen können, ohne dass mindestens eine der beiden Konfliktparteien
ausgegrenzt bzw. verängstigt und besorgt ist, dann wissen wir keine
Lösung! Wir kennen nicht die Auswirkungen von kopftuchtragenden
Lehrerinnen auf den Schulalltag, wir kennen nicht die Reaktionen der
Eltern über einen längeren Zeitraum, wir kennen nicht die juristischen
Folgen und wir kennen die sozialen und gesellschaftlichen Wirkungen
weder im Positiven, noch im Negativen. Und niemand kennt sie! Es wurde
bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht!
Wie wäre es, wenn Politiker aller Fraktionen sich zusammenschließen
und sowohl die Problematik der Ausgrenzung berücksichtigen als auch die
Ängste der Bevölkerung und sich offensiv dafür einsetzten Zeit zu
gewinnen? Heute findet die Diskussion in einer hektischen und
aufgeladenen Atmosphäre ohne wissenschaftliche Basis statt. Aber wenn
die bestehenden wenigen Dutzend Fälle auf Basis der ohnehin
existierenden Gesetze zugelassen und die Angelegenheit wissenschaftlich
über einen Versuchszeitraum von z.B. fünf Jahren begleitet werden
würde, könnte Zeit gewonnen werden. Die resultierenden
wissenschaftlichen Erkenntnisse könnten zum besseren gegenseitigen
Verständnis genutzt werden! Auch konservative Kreise könnten mit solch
einer Lösung, die problemlos der eigenen Wählerschaft vermittelt
werden kann, leben, denn die Signalwirkung auf muslimische Länder mit
dem deutlich vorgelebten überwachten Versuch zur Toleranz würde einen
Vorsprung (z.B. gegenüber Frankreich) in den Beziehungen zu vielen
muslimisch geprägten Ländern in der globalisierten Welt bedeuten und
nicht zu vernachlässigende Vorteile für Deutschland mit sich bringen.
Die gewonnene Zeit könnte dazu genutzt werden auch in anderen
Bereichen Beziehungen zu flechten und Konflikte unverblümt
anzusprechen. So konfliktreich die Situation heute erscheinen mag, so
sehr birgt sie eine Chance zum langfristig konstruktiven Miteinander,
die wir nicht ungenutzt lassen sollten!
Es wäre somit möglich, dass trotz aller Unterschiede, die
konflikschürenden Prediger des "Kampfes der Kulturen"
ungehört bleiben! Dies kann erreicht werden, wenn wir auf einer Basis
von Vernunft und Gerechtigkeit, auf einer Basis von gegenseitigem
Respekt ohne Ausgrenzung und einer Basis des Handelns mit dem Ziel
Brücken zu bauen, diese unsere gemeinsame Gesellschaft voran bringen
wollen. Nicht jeder ist ein geeigneter Konstrukteur für Brücken. Wenn
aber alle die feste und vor allem aufrichtige Absicht bekunden, Brücken
bauen zu wollen, dann finden sich kluge Köpfe - auch unter Kopftüchern
- die selbst im schwierigsten Gelände Brücken bauen können.
Lassen Sie uns diese Chance nutzen!
Auch ohne jegliche Autorisierung durch jeglichen Verband ist der
Muslim-Markt sicher, dass diese ausgestreckte Hand die Hand nahezu aller
betroffenen Muslime und Muslimas in diesem Land ist. Schlagen Sie bitte
nicht darauf!
Siehe auch: