Auch aus der obigen Sachlage wird deutlich, dass es nicht vornehmlich die
Muslime sind, die das Existenzrecht Israels anzweifeln, sondern die
Zionisten selbst die Existenz auf der Grundlage von Gerechtigkeit und
Völkerrecht ablehnen, denn ein Staat, der ausschließlich auf der Basis
fortwährender Besatzung, Vertreibung und ohne jegliche Konzepte für
Gerechtigkeit existiert, ein Staat, dessen Existenz ausschließlich darauf
beruht, dass die vertriebenen Einwohner nicht zurück kehren, so ein Staat kann
durchaus als "Pseudostaat" bezeichnet werden, denn er zweifelt
letztendlich seine eigene Legitimität auf Basis völkerrechtlicher Grundlagen
ab. Das einzige Argument zur Legitimation der Vertreibung, welches von Zionisten
vorgebracht wird, ist die Behauptung, dass Gott das Land vor über 3000 Jahren
den Juden versprochen hätte. Diese Behauptung aber ist kaum mit dem gemeinsamen
Völkerrecht aller zivilisierten Staaten in Einklang zu bringen und stellt zudem
aus muslimischer Sicht eine gotteslästerliche Behauptung über einen angeblich
ungerechten Gottes auf.
Würden vergleichbare Argumentationen, wie die obigen, bezüglich einem
anderen existierenden Staat veröffentlicht, so würde das kaum jemanden
aufregen! würden wir z.B. behaupten Australien sei ein Pseudostaat, weil er auf
der Vertreibung der Ureinwohner aufgebaut ist, so würden es entweder ignoriert
werden oder man würde entsprechend sachliche Gegenargumente bringen. Jeden
Staat dieser Erde dürfte man mit derartigen Argumenten hinsichtlich seiner
Geschichte beschuldigen. Sind die Anschuldigungen zumindest teilweise wahr, so
würden Historiker sie diskutieren, sind sie falsch, so würden sie leichtens zu
weiderlegen sein. Woher kommt also diese unberechenbare Angst gegenüber diesen
Argumenten, wenn es um Israel geht? Hat man Angst, dass sie wahr sein könnten?
Dass der Muslim-Markt sicherlich nicht der einzige ist, der derartige Fragen
aufwirft, soll im Folgenden verdeutlicht werden!
Einen anderen Zionismus gibt es nicht
Quelle: Junge Welt 24.04.2002 Ausland - Werner Pirker
Je rabiater Scharon vorgeht, desto stärker wird linker Bekenntnisdrang zu
Israel
Ein Mitglied des Vorstandes der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes
(VVN) und DKP-Mitglied erachtet es als Selbstverständlichkeit eines jeden
deutschen Antifaschisten, ein klares Bekenntnis »zum jüdischen Staat, als
Staat der Holocaust-Überlebenden« abzulegen. Das ist eine in mehrerlei
Hinsicht der Katastrophe im Nahen Osten würdige Position.
Weil damit erstens ein innerer Zusammenhang zwischen dem Staat Israel und
dem Antifaschismus suggeriert wird. Israel aber ist alles andere als ein
antifaschistischer Staat, sondern dessen weitgehende Negation. Daß es in Israel
neben Antifaschisten auch Faschisten gibt, müßte eigentlich unter Banalitäten
vermerkt werden. Daß der Rechtsradikalen immer mehr werden, läßt sich aus der
Zusammensetzung der gegenwärtigen Regierung ablesen.
Zweitens reflektiert diese Position die kaltschnäuzige Unterordnung,
besser: Unterwerfung der seit der Gründung des Staates Israel in Permanenz
mißachteten legitimen Interessen der Palästinenser unter das Primat der
zionistischen Staatsräson. Die Palästinenser sind kein Volk von
Holocaust-Überlebenden. Deshalb ist Parteinahme für das Recht der
Palästinenser auf Selbstbestimmung gesinnungspolizeilich erst dann gestattet,
wenn die Auflage, ein Bekenntnis zu Israel abzulegen, erfüllt ist. Sollten die
Palästinenser den israelischen Unabhängigkeitstag weiterhin als »Tag der
Katastrophe« empfinden, ist ihnen die Solidarität zu entziehen.
Ein Staat aus der Retorte
Was einem »deutschen Antifaschisten« so selbstverständlich erscheint,
kann und darf den Palästinensern nicht zugemutet werden: Das Bekenntnis zu
ihrer Vertreibung, zur ethnischen Säuberung Palästinas als der
Grundvoraussetzung für die Gründung eines exklusiv jüdischen Staates. So
gerät der Antifaschismus, wie er hier verstanden wird, in einen fundamentalen
Gegensatz zum antiimperialistischen Befreiungskampf eines Volkes.
Das Bekenntnis ist drittens auf den jüdischen Staat bezogen, das heißt
auf Israel in seiner zionistischen Definition als »Staat des jüdischen
Volkes«. In seiner Determinante als exklusives Projekt ist der Staat Israel
heutiger Definition die radikale Verneinung des Rechtes der Palästinenser auf
eine gleichberechtigte nationale Existenz. Es mag zwar in Perspektive ein
anderes Israel möglich sein - im Sinn einer palästinensisch-jüdischen
Symbiose. Einen anderen Zionismus als den existierenden aber gibt es nicht, in
welcher Spielart er auch immer aufzutreten beliebt.
Antifaschistische Pflicht kann es deshalb nicht sein, ein Bekenntnis zu
diesem Staat abzulegen. Für Antifaschisten, für die gesamte fortschrittliche
Weltöffentlichkeit wäre es vielmehr bereits 1948 ein zwingendes Gebot gewesen,
vor dem Bekenntnis zu einem jüdischen Gemeinwesen im Nahen Osten ein Bekenntnis
zu den unveräußerlichen Rechten der autochthonen Bevölkerung Palästinas
abzulegen. Auch im Sinn einer auf Frieden und Sicherheit beruhenden jüdischen
Existenz in der Region, deren stärkste Bedrohung von den Zionisten ausgeht.
Der Zionismus war ursprünglich eine Erscheinung des europäischen
Nationalismus an der Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Ebenso wie der
ethnische Antisemitismus. Die Entwicklung des modernen Antisemitismus als eine
rassistische, biologistische Weltsicht entsprach dem verschärften
kapitalistischen Verdrängungswettbewerb. Der Zionismus hat sich der
Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus stets entzogen. Er bildete vielmehr
die jüdisch-nationalistische Entsprechung der von Antisemiten behaupteten
Unverträglichkeit von Juden und Nichtjuden in einer mehrheitlich
nichtjüdischen Gesellschaft. »Die Antisemiten haben recht«, schrieb Herzl.
»Juden raus!« - die zionistischen Pläne entsprachen dieser Parole. Den
entscheidenden Anstoß zum Auszug der Juden aus Europa gab der faschistische
Massenmord an den Juden.
Der Zionismus ist auch ein Kind des europäischen Kolonialismus. Er war
von Beginn an ein elitäres Unternehmen. Unterstützung fand er bei den
europäischen Kolonialmächten, denen Herzl versicherte, daß der jüdische
Staat eine Bastion der europäischen Zivilisation inmitten der asiatischen
Barbarei bilden werde. Eine reaktionäre Utopie, die zur materiellen Gewalt
werden sollte. »Gebt dem Volk ohne Land das Land ohne Volk«, lautete
zionistisches Begehren. Über das arabische Volk von Palästina wurde
großzügig hinweggesehen. In dieser Anmaßung liegt die Ursache des
Nahost-Konfliktes.
Strategisches Bündnis mit USA
Dabei war es von Beginn an keineswegs eine ausgemachte Sache, daß der
jüdische Nationalstaat in Palästina entstehen sollte. Die Wahl fiel deshalb
auf das »heilige Land«, weil der in seinem Ursprung säkulare Zionismus eine
Massenbasis nur unter verarmten, religiös gebundenen Juden fand, während die
arrivierten, überwiegend freidenkerisch-liberal eingestellten Juden nach
Assimilierung strebten. Der Widerspruch zwischen säkularem und religiösem
Zionismus prägt die israelische Gesellschaft bis heute. In seiner Schrift »Zur
Judenfrage« regt Marx an, »das Geheimnis des Judentums nicht in seiner
Religion«, sondern »das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden« zu
suchen. Er begriff das Judentum als soziales Phänomen und die Emanzipation der
Juden als Emanzipation vom Judentum.
Man sollte sich deshalb auch mit dem wirklichen Israel beschäftigen und
nicht mit dem ideologischen Konstrukt, das Israel als Staat ausweist, der das
Überleben der Überlebenden garantiert, wie das der säkulare »linke«
Zionismus postuliert oder als Staat des von Gott zur Herrschaft über Palästina
auserwählten Volkes, wie die Legitimationsideologie des religiösen »rechten«
Zionismus lautet. Der Staat Israel, die Palästinenser können das aus
leidvoller Erfahrung bestätigen, ist ein reales Gebilde. Und dennoch ist die
Künstlichkeit seiner Existenz evident. Er ist ein Staat aus der Retorte.
Er ist weniger aus sich selbst heraus entstanden als durch einen Beschluß
der UNO, deren weitere Beschlüsse er fortan negierte. Seine Vitalität ergibt
sich aus dem strategischen Bündnis mit den USA. Israel entstand als
Nationalstaat ohne Nation. Der Staat wird immer stärker, die Entwicklung einer
einheitlichen Nation stagniert, weist sogar eine rückläufige Tendenz auf. Das
betrifft nicht nur den Dauerkonflikt zwischen dem säkularen und religiösen
Charakter des Staates. Es gibt auch einen innerisraelischen Rassismus. Der
Zionismus ist ein weißes Projekt, was nicht ohne Folgen auf die »schwarzen«
(arabischen und afrikanischen) Juden bleiben konnte. Deren Ruhigstellung - in
den 1970er Jahren gab es die Bewegung der »Schwarzen Panther« mit einer
starken Affinität zu den Palästinensern - konnte nur durch die
Zurückdrängung der säkularen Tendenzen erzielt werden. Für die
orientalischen Juden, bei denen das kollektive Gedächtnis an den Genozid in
Europa nur eine untergeordnete Rolle spielt, gibt es keine andere Möglichkeit
zur Identifikation als die Religion.
Ein zentraler Widerspruch im Zionismus ist der zwischen seinem säkularen
Charakter und dessen religiöser Überformung. Doch außerhalb der religiösen
Vorstellungswelt ist eine spezifisch jüdische Identität nicht zu ermitteln.
Die Aufhebung des Judentums in den von Marx beschriebenen sozialen
Wesenseigenschaften durch seine Verstaatlichung (in Israel) läßt ein anderes
Identifizierungsmerkmal als die Religion nicht zu. Im Sinn eines
sozioökonomisch determinierten Kollektives gibt es in Israel keine Juden,
sondern nur Israelis jüdischer Abstammung. Auf eine paradoxe Weise ist somit
die Negation des jüdischen Staates im Zionismus selbst angelegt. Auf den Staat
Israel trifft zu, was Marx in der erwähnten Schrift über den »sogenannten
christlichen Staat« äußerte, den er als »die christliche Verneinung des
Staates, aber nicht als die staatliche Verwirklichung des Christentums«
beschrieb. Dies sei ein »unvollkommener Staat«, der die Religion »als
Ergänzung und Heilung seiner Unvollkommenheit« benötige.
Doch ist auch die Aufhebung des Judentums durch die zionistische
Verstaatlichung durchaus ambivalent. Denn diese erfolgt nur auf dem Boden
Israels. Ein Wesensmerkmal des Staates Israel besteht darin, daß seine Existenz
auf der Wechselwirkung mit den Juden in der Diaspora beruht. Daraus ergibt sich
der wichtigste innere Widerspruch der israelischen Staatsdoktrin. Zwar verheißt
der Zionismus die staatliche Lösung der jüdischen Frage. Doch dieser Staat ist
nicht der politische Ausdruck seiner Bürger, sondern der Juden der Welt. Das
ergibt einen latenten Konflikt zwischen israelischem und jüdischem Bewußtsein.
Das israelische Bewußtsein ist auf den Staat Israel, das jüdische auf
das Land (Erez) Israel bezogen. Das eine ist modern, das andere prämodern. Das
israelische Bewußtsein ist auf die Globalisierung gerichtet, das jüdische
verharrt in einem archaischen Besiedlungswahn. Der israelische Historiker und
Linkssozialist Michel Warszawski nennt dies einen Konflikt zwischen Israel und
Judäa. Zwei Gesellschaften, die unfähig sind, miteinander zu kommunizieren.
Zwar verkörpert der originäre Zionismus die staatliche Konzeption, im
Gegensatz zu den Ultraorthodoxen, die den Staat Israel als Gotteslästerung
verwerfen. Gleichzeitig ist ihm die »Erez Israel«-Orientierung immanent. Denn
Erez Israel ist ein Synonym für Großisrael.
Die »Unvollkommenheit« des israelischen Staates äußert sich nicht nur
im Fehlen einer geschriebenen Verfassung - ein Zugeständnis an die Orthodoxen
-, sondern auch im Fehlen von klar definierten Grenzen. Will der Staat Israel
seinen Anspruch, alle Juden heimzuführen, einlösen, muß er expandieren.
Scharon erklärte unlängst, daß der israelische Unabhängigkeitskrieg noch
nicht zu Ende sei, daß er noch hundert Jahre dauern könne. Das heißt, daß
aus jüdisch-nationalistischer Sicht der Prozeß der Staatswerdung noch nicht
abgeschlossen ist.
Der DKP-Theoretiker Robert Steigerwald schreibt in einem Positionspapier:
»Sozialisten müssen beachten, daß die Existenz des Staates Israel zu
akzeptieren ist«. »Zu akzeptieren«, das ist kein glühendes Bekenntnis,
immerhin. Doch auch hier wird a priori akzeptiert - unter Abstrahierung der
konkreten Existenzweise dieses Staates. Das war 1948 falsch, als die Sowjetunion
als erster Staat Israel anerkannt hat, ohne seine landräuberische,
terroristische Entstehungsgeschichte zu beachten: Der Staat Israel entstand im
Ergebnis eines ethnischen Säuberungsprozesses, der seinesgleichen sucht. Und
das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt, an dem die rechtsextremen Tendenzen in der
israelischen Politik deutlicher als je zuvor hervortreten, nicht minder falsch.
Rechtsextremismus ist Rechtsextremismus, auch im Staat der
Holocaust-Überlebenden. Und dennoch gilt im gegenwärtigen Diskurs die
Benennung einer schlichten Tatsache als unstatthaft, als Relativierung des
Holocausts. Als ließe sich der Völkermord an den Juden ernsthaft relativieren.
Ein Staat von Kolonisten
Nicht akzeptiert wird von Steigerwald die ursprüngliche Al-Fatah-Losung
eines volksdemokratischen Staates, in dem Juden, Christen und Muslime friedlich
nebeneinander leben. Die palästinensischen Linken übrigens halten im Gegensatz
zu den rechten Arafatisten an der Orientierung auf einen demokratischen
säkularen Staat in ganz Israel/Palästina auch weiterhin fest, wobei sie die
Zwei-Staaten-Lösung als Zwischenstufe im Kampf um eine demokratische Umwälzung
der Verhältnisse in der Region betrachten. Man könne es den Juden, die dem Tod
entronnen sind und ihren Schutz in ihrem eigenen Staat suchten, nicht verdenken,
wenn sie diesen für ein bloßes Versprechen nicht preiszugeben bereit seien,
begründet der Autor des Papiers seine Position. Im Klartext: Robert Steigerwald
und mit ihm der DKP-Mainstream akzeptiert Israel in seiner zionistischen
Existenzweise als exklusiv jüdischer Staat, eine andere Existenzweise liegt
außerhalb dieser Vorstellungswelt.
Es ist freilich so, daß die Existenz Israels nicht von linker Anerkennung
abhängt. Israel würde auch existieren, wenn es nur von den USA anerkannt
wäre. Die DDR ist als weltweit anerkannter Staat untergangen. Die Entscheidung
fiel im Klassenkampf. Genau auf diesem Terrain wird auch die Entscheidung um den
künftigen Charakter Israels/Palästinas fallen. Es geht nicht um ein abstraktes
Pro oder Contra Israel. Es geht um den sozialen Charakter dieses Staates.
Gegenwärtig ist Israel ein Apartheid-Staat, in dem die Überlegenheit der einen
Nation die Inferiorität der anderen Nation zur Voraussetzung hat. Die
Vorstellung, die jüdische Existenz in der Region wäre weniger gesichert, wenn
auch die israelischen Araber diesen Staat als ihren Staat, als Staat der Juden
und Palästinenser anerkennen könnten, wenn Israel und Palästina zu Synonymen
würden, ist absurd.
Was macht es deutschen Kommunisten so schwer, einen
demokratisch-säkularen Staat zu akzeptieren? Warum beharren sie auf dem
Existenzrecht eines jüdisch definierten Staates? Weil die Juden anders nicht
geschützt werden können? Doch nirgendwo ist jüdisches Leben so gefährdet,
wie in dem Land, das den Juden eine exklusive Existenz verheißt. In der
Exklusivität ihrer Existenz liegt ihre existentielle Bedrohung.
Natürlich ist Israel nicht das, was es sich dünkt. Es ist kein
solidarischer Staat der Überlebenden, sondern ein Klassenstaat. Aber es ist
auch ein Staat von Kolonisten. Es ist ein ideologisch hoch motivierter Staat,
der die Sicherung jüdischer Vorrechte zur obersten Staatsräson erhoben hat.
Die Schaffung privilegierter Siedlerexistenzen folgt nicht der Logik des
Marktes. Sie folgt der Strategie der Eindämmung innerisraelischer
Klassengegensätze und der Unterwerfung der Palästinenser.
Robert Steigerwald mahnt eine differenzierte Betrachtungsweise des
Zionismus in seinen unterschiedlichen Strömungen an. Doch in der Hauptsache,
die Existenz Israels als kolonialistischen Apartheid-Staat dauerhaft zu
etablieren, gibt es keine Differenzen. Natürlich ist die israelische
Gesellschaft nicht homogen. Natürlich herrscht in ihr nicht nur die Tendenz zur
Gewalt gegen die Palästinenser, sondern auch jene andere, die auf einen
historischen Ausgleich mit den Palästinensern gerichtet ist.
In Oslo ist dieser Kompromiß angedacht worden. Im Verlauf des
Oslo-Prozesses hat sich aber eindeutig herausgestellt, daß die zionistischen
Eliten, die rechten wie die »linken«, einen souveränen palästinensischen
Staat nicht zulassen wollen. Ein Staat mit beschränkter Souveränität als ein
fremdbestimmtes Projekt der korrupten palästinensischen Oberschicht wäre zwar
denkbar gewesen. Doch die israelische Besiedlungspolitik in den
Autonomiegebieten bei gleichzeitiger Ablehnung des von der UNO verbrieften
Rückkehrrechtes der Flüchtlinge machten sämtliche Voraussetzungen für einen
Kompromiß zunichte. Die israelische Bantustanisierungspolitik befindet sich
jenseits der von den Arafat-Leuten gezogenen roten Linien.
Unfrei und keine Demokratie
Natürlich wirkt die Hoffnung auf einen demokratischen Umsturz in ganz
Israel/Palästina realitätsfern. Vielleicht ist sie deshalb die einzig
realistische. Oslo hat in seinem Ergebnis das neokoloniale Regime Israels über
die Palästinenser perfektioniert. Es wurde ein autokratisches Regime in
Palästina etabliert, das als häßliches Gegenbild zur israelischen
parlamentarischen Demokratie zu fungieren hat. Die Intifada hat den Kampf um
demokratische Rechte erneut aufgenommen. Sie richtet ihre Forderungen nicht an
Arafat und seine oligarchische Umgebung, sondern an die Besatzungsmacht: »Stop
the Occupation!« Unter den Bedingungen der nationalen Unterdrückung kann es in
Palästina keine Demokratie geben. Solange den Palästinensern ihre
demokratischen Rechte vorenthalten werden, ist auch Israel kein demokratischer
Staat. Ein Volk, das andere Völker unterdrückt, kann selbst nicht frei sein.
Derweilen latscht die deutsche Linke brav neben dem Mainstream. Es wird
ersucht, der Gewalt auf beiden Seiten ein Ende zu bereiten. Vorgeblich radikale
Linke verfallen in die Rhetorik von EU-Kommissaren. Von den antinationalen
Schmuddelkindern des Neoliberalismus einmal ganz zu schweigen. Je rabiater der
Irre von Jerusalem wütet, desto stärker wird der Bekenntnisdrang zum letzten
verbliebenen Kolonialstaat. Jüdisch-palästinensische Koexistenz, in der sich
die Existenz der einen aus der Existenz der anderen ergibt, wird jedoch nur
durch die Überwindung dieses Staates möglich sein.
Das Ziel die die Vertreibung aller Palästinenser
In einem Beitrag der "Junge Welt" vom 30.04.2002 schrieb Rainer
Rupp mit bezug auf einen israelischen Historiker über die wahren Ziele der
Zionisten. Der Beitrag mit den Titel »Dschenin war ein Kinderspiel« wird im
folgenden wiedergegeben.
Israelischer Historiker: Scharon zielt auf endgültige Vertreibung der
Palästinenser ab
Der in Jerusalem lebende Historiker Martin van Creveld geht davon aus,
daß der israelische Regierungschef Ariel Scharon eine US-Invasion des Irak oder
einen großen palästinensischen Terrorangriff auf israelischem Territorium dazu
nutzen wird, die in den besetzten Gebieten lebenden fast drei Millionen
Palästinenser aus ihrer Heimat nach Jordanien zu vertreiben. In einer
Gallup-Umfrage vor zwei Jahren waren erst acht Prozent der jüdischen Israelis
für eine solche Politik, die unter dem euphemistischen Begriff »Transfer«
derzeit zu hitzigen Debatten führt. In einer neuen Umfrage befürworteten
mittlerweile 44 Prozent aller jüdischen Israelis ein solches Vorgehen.
Als Scharon Anfang des Jahres von einem Journalisten gefragt wurde, ob er
eine solche Politik verfolgte, verneinte er dies zwar, aber, so der weit über
Israel bekannte Geschichtswissenschaftler van Creveld. »Ein Blick in seine
Memoiren belehrt uns aber eines Besseren«. Im September 1970, der später als
»Schwarzer September« in die Annalen einging, ließ der um seine Herrschaft
fürchtende jordanische König Hussein mehrere tausend Palästinenser in ihren
Flüchtlingslagern von seinen Beduinensoldaten niedermetzeln. General Scharon,
seinerzeit Oberbefehlshaber der israelischen Südfront, argumentierte damals,
daß es ein Fehler Israels war, den jordanischen König gegen die Palästinenser
zu unterstützen. Statt dessen hätte es Israels Politik sein sollen, das
Haschemiten-Regime Husseins zu stürzen, denn, wie Scharon seither immer wieder
betont, die Palästinenser stellen in Jordanien die Mehrheit und deshalb sei
Jordanien eigentlich ein »palästinensischer Staat«, womit er den Schluß nahe
legen möchte, daß die
Palästinenser eigentlich nach Jordanien gehören.
In einem Artikel in der britischen Zeitung The Daily Telegraph zeigt sich
van Creveld nun davon überzeugt, daß die Vertreibung der Palästinenser nach
Jordanien das eigentliche Ziel von Scharons undurchsichtiger Politik ist. Dies
würde erklären, warum der israelische Premier, der für seine Fähigkeit
strategischer Planung bekannt ist, scheinbar keinen Plan für einen Frieden
zwischen Israel und den Palästinensern hat. Das Gegenteil sei offensichtlich
der Fall. Scharon habe immer einen klaren Plan gehabt, der sei jedoch nie auf
Frieden, sondern immer auf die Vertreibung der Palästinenser gerichtet gewesen,
schrieb van Creveld am Wochenende. Ein US-Angriff auf Irak, der Zusammenbruch
des Haschemiten-Regimes in Jordanien oder ein Terroranschlag in Israel mit
Hunderten von Toten würde für Scharon die Gelegenheit zur Umsetzung seiner
Vertreibungspolitik bieten.
Die Vorbedingungen für die Vertreibung hat Scharon bereits geschaffen.
Durch wirtschaftlichen und militärischen Terror hat er in den besetzten
Gebieten ein Klima erzeugt, in dem bereits vielen Palästinensern die Flucht als
einziger Ausweg erscheint. Das Vorgehen der israelischen Armee im
palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin zeigt die Effizienz dieser
Methode, die Scharon seit Jahrzehnten mit gleichbleibender Brutalität verfolgt.
Bereits 1982 sagte er: »Selbst heute bin ich bereit, freiwillig diese
schmutzige Arbeit für Israel zu tun: so viel als nötig an Arabern zu töten,
sie zu deportieren, sie zu vertreiben und zu verbrennen.«
Scharon ist nicht wahnsinnig. Er setzt nur um, was viele bedeutende
israelische Staatsmänner bereits vor ihm propagiert haben, so etwa Ben Gurion,
der nach der Gründung des Staates Israel ein Israel »vom Nil bis an den
Euphrat« schaffen wollte, und Menachim Begin, der behauptete, daß »das
jüdische Heimatland das Gebiet auf beiden Ufern des Jordan abdeckt und eine
völlige historische und geographische Einheit bildet«.
»Zur Vertreibung der Palästinenser würde die israelische Armee nur
wenige Brigaden benötigen«, schreibt van Creveld im Telegraph. »Sie würden
die Menschen nicht aus den Häusern zerren, sondern schwere Artillerie benutzen.
Die Zerstörungen von Dschenin würden im Vergleich dazu wie ein Kinderspiel
aussehen.«
Mit allen Mitteln
Die Presse - Spectrum, 27.7.2002
Daß jene Juden, die das Dritte Reich überlebt hatten, in einem Staat
Israel ein Refugium vor neuer Verfolgung sahen, ist verständlich. Für
Deutschland und Österreich brachte die "Auslagerung der Judenfrage"
nach Palästina innenpolitische Entspannung für die Juden ein unlösbares
Dauerproblem. Die Abschiebung des Holocaust: eine Sachverhaltsdarstellung.
Von Andrea Komlosy
(a.o. Univ. Prof. Dr. Andrea Komlosy Universität Wien Wirtschafts- und
Sozialgeschichte)
Der Holocaust verbindet uns unauflöslich mit Israel." Mit diesen
Worten begründete Gerhard Schröder vor dem Deutschen Bundestag im vergangenen
Frühling, wenige Tage nach dem Angriff der israelischen Armee auf das
palästinensische Flüchtlingslager in Dschenin, Waffenlieferungen und die
Absage an jegliche Embargo- oder Boykottmaßnahme gegenüber dem "Staat der
Holocaust-Überlebenden". Kanzlerkandidat Edmund Stoiber ließ die
Regierungserklärung als Gelegenheit für eine Wahlkampfreplik ungenutzt. In
Sachen Existenz und Sicherheit des Staates Israel herrscht in Deutschland ein
nationaler Schulterschluß. Über Fraktionsgrenzen hinweg perpetuiert man damit
den Export eines Problems, das genuin deutsche Wurzeln hat.
Mit dem UN-Teilungsplan und der Anerkennung des Staates Israel waren die
Sieger des Zweiten Weltkrieges übereingekommen, die notwendig gewordene Antwort
auf die nationalsozialistische Judenvernichtung in eine Weltgegend zu verlagern,
die mit dem Völkermord und seinen Ursachen nichts zu tun hatte. Statt nach den
Existenzbedingungen von Juden in Deutschland und in anderen europäischen
Staaten zu fragen und die Kapitulation der Nazis zum Anlaß für einen
Schlußstrich unter den Antisemitismus zu nehmen, wurden die seit Ende des 19.
Jahrhunderts von Zionistenkreisen entwickelten Träume von einem Nationalstaat
Israel genährt.
Von den bestehenden, demokratisch konstituierten Nationalstaaten in Europa
und den Siedlerkolonien unterschied sich Israel dadurch, daß die Religion das
staatsbürgerbildende Band darstellte; damit wurden sämtliche Juden der Welt
potentielle Bürger des Staates, der dem UN-Teilungsplan zufolge 14.000
Quadratkilometer umfaßte. Die Aufnahmebereitschaft für Angehörige der
jüdischen Religion, die durch Einwanderung zu israelischen Staatsbürgern
werden konnten und können, zieht ein strukturelles Raumproblem nach sich -
Hunger nach Land und die Tendenz zur territorialen Expansion. Der Konflikt
mußte sich als erstes gegenüber jenen Arabern entladen, deren Leben sich auf
dem von Israel beanspruchten Territorium entfaltete.
Daß insbesondere jene Juden, die das Dritte Reich überlebt hatten, in
einem Staate Israel, einem "Zion", ein Refugium vor neuerlicher
Verfolgung sahen, ist nach den Erfahrungen des Holocaust verständlich. Dennoch
war der Wunsch nach einem eigenen Nationalstaat, der sich mit der religiösen
Sehnsucht nach der Rückkehr in das "Land der Väter" verband, eine
Illusion. Der Befreiungskampf der jüdischen Siedler und Holocaust-Flüchtlinge
gegen die britische Mandatsmacht ließ sich operationalisieren, nicht aber die
Existenz einer autochthonen Bevölkerung, die seit dem Zusammenbruch der
osmanischen Oberherrschaft eigene, arabische Staatsideen entwickelt hatte.
Daß die Idee von Israel als sichere Insel, als Staat für die Juden der
Welt Wirklichkeit werden konnte, ist der Übereinstimmung der ehemaligen
Kriegsalliierten zu verdanken. Den stärksten politischen Druck machte die
Sowjetunion: Die antifaschistische Begründung einer israelischen Existenz
eignete sich hervorragend, den latenten bis offenen Antisemitismus in der UdSSR
vergessen zu machen. Die Westalliierten enthob der jüdische Sicherheitsstaat
des neuerlichen Auflebens der Einwanderungs- und Asylfrage, deren Quoten,
Auflagen und Abweisungen noch in schlechter Erinnerung waren. In Hinblick auf
Israel hielt die Kooperation der Alliierten der Belastungsprobe des Kalten
Krieges stand, ja sie schloß sogar den ehemaligen Kriegsgegner in den Konsens
ein. Auch die Juden - die israelischen und die Juden der Welt, die Israel als
sichere Zuflucht begrüßten - schienen erreicht zu haben, was sie wollten.
Erleichterung und Jubel über die israelische Staatskonstruktion können
jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieser Staat nicht im Interesse
seiner Bürger, sondern im Interesse der Kriegsgegner des Zweiten Weltkriegs
zustande kam. Er war ein Brückenkopf in einer geostrategischen Kernzone, der
wechselweise, einmal mehr im Gleichklang, ein andermal mehr in gegenseitiger
Konkurrenz, von den Großmächten instrumentalisiert wurde. Die staatliche
Unabhängigkeit der ehemaligen Siedlerkolonie entsprach dem Zeitgeist der
Entkolonialisierung. Den Preis bezahlten die israelischen Bürger, die um der
Aufrechterhaltung der Fiktion vom "Staat der Holocaust-Opfer" willen
gezwungen waren, so viele Araber wie möglich aus dem bestehenden Staatsgebiet
zu vertreiben, die Herausbildung einer palästinensischen Führung zu
unterbinden und die auf israelischem Gebiet lebenden Araber politisch, rechtlich
und wirtschaftlich zu marginalisieren.
Freilich war es ein Pyrrhussieg, den die Juden mit der zionistischen
Staatsgründung erreicht hatten, ein Mißbrauch ihrer Notlage durch die
Großmächte. Allen Solidaritätsbekundungen zum Trotz war diesen Israel vor
allem ein geopolitisches Instrument, ein Sprungbrett für die politische,
wirtschaftliche und militärische Kontrolle von Westasien, Nordostafrika und der
Golfregion. Die Israelis hingegen handelten sich mit ihrem Heimatland ein
unlösbares Dauerproblem ein. Der zionistische Staat war nicht geeignet, ihre
friedliche Existenz in der Region zu gewährleisten. Wie schon oft in ihrer
Geschichte, fanden sich auch die israelischen Juden in der Rolle des
Fürstendieners wieder, der Geschäfte erledigt, mit denen sich der Fürst seine
Hände nicht schmutzig machen wollte.
Das NS-Regime hatte mit der Massenvernichtung der Juden die
"Endlösung der Judenfrage" angestrebt. Nach dem Krieg hingegen wurde
die Judenfrage, auf Betreiben und mit Unterstützung der Anti-Hitler-Koalition
und mit vollem Einverständnis der deutschen Politik, ausgelagert. Statt sich
damit zu beschäftigen, wie Rückkehr, Entschädigung, Neuanfang und
Zusammenleben mit den überlebenden Juden in Deutschland zu bewerkstelligen
wären, wurde das Problem abgeschoben. Dabei ließ sich bruchlos auf die weithin
verinnerlichte Metapher vom "Volk ohne Raum" zurückgreifen. Anstelle
der Deutschen, die Lebensraum im Osten suchten, wurden nun die Juden als
raumloses Volk gesehen, das einen "Raum ohne Volk" benötigte. Die
Existenz einer autochthonen arabischen Bevölkerung Palästinas wurde anfangs
schlichtweg ignoriert.
Unter dem Deckmantel der "Wiedergutmachung" erhielt Israel einen
Freibrief, seine Sicherheit mit allen Mitteln zu verteidigen. Zur Verfügung
gestellt wurden diese Mittel durch Kredite, Investitionen, Waffenlieferungen und
Hilfestellungen beim Aufbau einer nationalen Rüstungsindustrie, wozu seit dem
Luxemburger Abkommen (1952) auch die BRD ihr Scherflein beitrug. Mit welcher
Legitimation hätte sich auch Deutschland anmaßen können, die israelische
Vorwärtsstrategie an den Pranger zu stellen?
Die "Wiedergutmachungs"-Politik der Adenauer-Regierung, die
Deutschland am Aufbau des zionistischen Staates beteiligte, ersetzte eine eine
antifaschistische Auseinandersetzung und Neuorientierung in Deutschland selbst.
Sie erlaubte den beiden deutschen Staaten - und in ihrem Windschatten auch dem
"Anschlußopfer" Österreich -, die im Nationalsozialismus begonnenen
Bevölkerungsverschiebungen (Ghettoisierung und Vernichtung von Juden und
Zigeunern, Forcierung der deutschen Siedlung im europäischen Osten, aber auch
die zwangsweise "Heim-ins-Reich"-Holung von Volksdeutschen aus
Südtirol, Ost- und Südosteuropa) fortzusetzen.
Die Positionen, die in den deutschen Staaten durch Vertreibung und
Vernichtung der Juden frei geworden waren, wurden nach Kriegsende nicht, wie es
einer Wende angestanden hätte, den Überlebenden des Holocaust angeboten. Statt
dessen wurde das Verschwinden der Juden als Fait accompli akzeptiert. Durch die
Bindung der Wiedergutmachung an den Aufbau und die Sicherheit Israels war es
nicht notwendig, Rückkehr, Trauer und Sühne in Deutschland in Erwägung zu
ziehen. (Ehemalige) Befürworter und Gegner des Nationalsozialismus fanden
einander im Konsens. Hitlers ethnische Neuordnungpläne nahmen posthum Gestalt
an. Durch die zionistische Staatsgründung im Nahen Osten gelangten die aus
Europa bekannten Prinzipien der Bevölkerungsbereinigung auch dort zur
Anwendung. Für die neu einrückenden jüdischen Holocaust-Überlebenden wurde
durch die Vertreibung der Araber Platz gemacht; und wegen der bis heute
währenden uneingeschränkten Aufnahmebereitschaft für Neuzuzüglinge hält die
Notwendigkeit, Stellen von Palästinensern zu räumen, weiterhin an.
Für Deutschland und Österreich bedeutete die Auslagerung der Judenfrage
innenpolitische Entspannung. Erleichterung. Das gesellschaftliche Klima der
Nachkriegsära blieb so, daß viele Juden lieber nicht an Heimkehr dachten. Wer
dennoch kam, war mit Ablehnung und Vorwürfen konfrontiert. Der Wunsch von Juden
nach nationaler Separierung, wie sie mit der zionistischen Staatsgründung
angestrebt wurde, mußte also ernst genommen werden. Wieso sollte dafür jedoch
ausgerechnet Palästina herhalten? Die Siedlungspolitik der englischen
Mandatsmacht und die Kooperationsbereitschaft der lokalen arabischen Eliten in
der Zwischenkriegszeit bedeuteten noch lange keinen Freibrief für eine
jüdische Staatsgründung und schon gar nicht für die Vertreibung der
Ortsansässigen.
Durch die NS-Rassenpolitik stellte sich die Frage nach einer
"nationalen Heimstätte", die Theodor Herzl in seinem
"Judenstaat" propagiert hatte, in neuer Form. Jede besiedelte
Weltregion konnte zu Recht die Anmaßung zurückweisen, Territorium für einen
jüdischen Siedlerstaat zur Verfügung zu stellen. Unbesiedelte Weltregionen
waren den Juden nicht zumutbar. Die einzige Möglichkeit, ein exklusives
jüdisches Siedlungsgebiet zu schaffen, hätte auf deutschem Gebiet selbst
bestanden. Hier hatte, mit nicht unerheblicher Unterstützung durch die
öffentliche Meinung, die Judenvernichtung ihren Ausgang genommen; hier hatten
die Alliierten als Besatzungsmächte eine gewichtige Verhandlungsposition; ihre
Truppen standen als Schutzmacht zur Verfügung. Und hier bestand als dem
einzigen Land der Welt Wiedergutmachungsbedarf.
Nach der Zerschlagung und der Ausweisung der palästinensischen
Organisationen aus Jordanien im September 1970 ist ein solcher Plan vom Berliner
Philosophen Wolfgang Harich ausgearbeitet worden. Harich siedelte einen
möglichen Judenstaat, den er als deutsch-deutschen Beitrag zur Überwindung des
Nahostkonflikts vorschlug, an der Ostseeküste an, beiderseits der ohnedies
weitgehend entvölkerten Zonengrenze. Doch Harichs "Judenstaat" paßte
weder in das in der BRD noch in das in der DDR vorherrschende Verständnis von
Antifaschismus. Der Vorschlag "Jerusalem nach Lübeck" zirkulierte
lediglich als informelle Kopie. Das Staatsgebilde, das man Deutschland nicht
zumuten wollte, hielt man in seiner nahöstlichen Ausprägung für ein Bollwerk
des Friedens, als antifaschistischen Auftrag, der verfolgt werden konnte, ohne
damit im eigenen Land Konsequenzen tragen zu müssen. Der Vormarsch in die
besetzten Gebiete tat der Rückendeckung der Sieger und Besiegten für den Staat
Israel keinen Abbruch. Rechte wie linke Kritiker wurden gleichermaßen als
Antisemiten mundtot gemacht.
Auch heute kommt der Rundumschlag der israelischen Armee in den
sogenannten Autonomiegebieten der deutschen politischen Öffentlichkeit wie
gerufen. Einerseits werden die Täter von damals moralisch entlastet, wenn auch
die Opfer von damals nicht anders können als Widerständige auszusondern und
ihre Führung zu liquidieren. Andererseits bietet die bedingungslose
Unterstützung des Deutschen Bundestages für Israel die Möglichkeit, den
antifaschistischen Grundkonsens der Deutschen unter Beweis zu stellen, ohne
Gegenwehr der Vertriebenen (Palästinenser) im eigenen Land befürchten zu
müssen. Ein wenig Aufbauhilfe für die palästinensischen "Autonomie"-Parzellen
entlastet zudem vom Vorwurf der Einseitigkeit.
Die antiimperialistischen Solidaritätsgruppen der 1970er und 1980er Jahre
mußten sich den Vorwurf gefallen lassen, nationale Befreiungsbewegungen in der
Dritten Welt zu instrumentalisieren, indem sie sie vor ihre
Revolutionshoffnungen spannten. Solidarität mit dem Guerillakrieg als
Stellvertreter für Gesellschaftsveränderung in den Metropolen. Heute ist es
nicht nur die Linke, sondern das gesamte freiheitlich-demokratische
Meinungsspektrum von der amerikanischen West- bis zur rußländischen Ostküste,
das Israel als Platzhalter und Vorkämpfer für eine antifaschistische Gesinnung
betrachtet. Israel wird in seiner unvermeidlichen Auseinandersetzung mit den
Palästinensern moralisch zum "David" hochstilisiert, die
Aufständischen gegen die Besetzung, die Israels faktische Existenz in den
Grenzen von 1948 längst anerkannt haben, werden hingegen zum
"Goliath" dämonisiert.
Der völkerrechtlich legitimierte und durch zahlreiche UNO-Resolutionen
gedeckte Befreiungskampf der Palästinenser wird durch das Herausgreifen der
sinnlosen Attentate verzweifelter Jugendlicher zum "Terrorismus"
umdefiniert. Damit wird nicht nur gegen die palästinensischen Ansprüche auf
ihr Land und ihre Staatlichkeit Stimmung gemacht, sondern - durch die
Gleichsetzung ihres Befreiungskampfes sowie all jener, die diesen unterstützen,
mit Antisemitismus - gleich auch dem "Krieg gegen den Terror" eine
antifaschistische Etikette verpaßt. [*]
27.07.2002 Quelle: Spectrum