"Es war ein bedauerlicher Unfall", wird der Sprecher der 'Israelischen
Verteidigungskräfte' (!), Hauptmann Jacob Dallal in der 'Ha'aretz' zitiert.
"Wir hatten es hier mit einer Gruppe Aktivisten zu tun, die sich äußerst
unverantwortlich benahmen. Sie haben jeden gefährdet". Soldaten der
Israelischen Armee bzw. mit ihnen verbundene paramilitärische Einheiten der
israelischen Siedler sind verantwortlich für den Tod von 2 181 Palästinensern.
22 218 wurden verletzt (Zeitraum: 29. Sept. 2000 - 14. März 2003).
Außer Rachel Corrie, die von einem israelischen Bulldozerfahrer getötet wurde,
starben während dieser Intifada durch die Hand der Israelischen Armee noch
weitere Ausländer bei verschiedenen Anlässen, so der deutsche Arzt Harald
Fischer, der italienische Kameramann Rafaeli Ciriello u. der britische
UN-Mitarbeiter Iain Hook.
Dieser (obige) Beitrag wurde zusammengestellt von Nigel Parry u. Arjan El Fassed (Gründungsmitglieder
der 'Electronic Intifada') unter Mitarbeit von Michael Brown u. Ken Harper.
Am Tag nach ihrem Martyrium liefen
Palästinenser auf den Straßen Palästinas mit amerikanischen Flaggen in
Gedenken an Rachel Corrie einen Trauerzug, mit Flaggen, die sie sonst verbrennen
würden!
"Mir ist es erlaubt, das Meer zu sehen" - Rachel Corrie schrieb
ihrer Familie.
Internationale Presseveröffentlichung, 17. März 2003 der Gush Shalom
[Wir leiten die traurige aber mutige Stellungnahme von den Eltern von Rachel
Corrie weiter, gefolgt von einem bewegenden "Brief aus Palästina",
den sie ihnen am 7. Februar 2003 schrieb, zwei Wochen nach ihrer Ankunft im Gaza
Streifen.]
16. März 2003
"Wir durchgehen nun eine Zeit des Trauerns und
Nochherausfindens der Einzelheiten hinter dem Tod von Rachel im Gaza Streifen.
Wir haben alle unsere Kinder dazu erzogen die Schönheit der globalen
Gemeinschaft und Familie zu schätzen und sind stolz, dass Rachel ihre
Überzeugungen leben konnte. Rachel war erfüllt von Liebe und einem
Pflichtgefühl für ihre Mitmenschen, wo immer sie auch lebten. Und, sie hat ihr
Leben gegeben um diejenigen zu schützen, die sich nicht selber schützen
können.
Rachel schrieb uns aus dem Gaza Streifen, und wir
möchten den Medien gerne ihre Erfahrungen in ihren eigenen Worten in dieser
Zeit mitteilen.
Danke.
Craig and Cindy Corrie, Eltern von Rachel Corrie
Auszüge aus einer Email von Rachel vom 7. Februar 2003.
Ich bin nun seit zwei Wochen und einer Stunde in
Palästina und ich habe immer noch kaum Worte um zu beschreiben, was ich sehe.
Es ist für mich am schwierigsten, daran zu denken, was hier geschieht, wenn ich
hier sitze und in die Vereinigten Staaten schreibe etwas über das so gut wie
sichere Portal zum Luxus. Ich weiß nicht, ob viele der Kinder hier je gelebt
haben ohne Panzergranatenlöchern in ihren Wänden und den Türmen einer
Besatzungsarmee, die sie ständig vom nahen Horizont bewacht. Ich glaube, obwohl
ich mir nicht ganz sicher bin, dass selbst die kleinsten dieser Kinder
verstehen, dass das Leben anderswo nicht so aussieht wie hier. Ein Achtjähriger
war, zwei Tage bevor ich hier ankam, von einem israelischen Panzer erschossen
worden, und viele der Kinder murmeln mir seinen Namen zu, ³Ali² -- oder zeigen
auf die Plakat mit ihm an den Wänden. Die Kinder lieben es auch, mir beim Üben
meines begrenzten Arabisch zu helfen indem sie mich fragen "Kaif
Sharon?" "Kaif Bush?" und sie lachen, wenn ich in meinem
beschränkten Arabisch zurücksage "Bush Majnoon" "Sharon Majnoon".
(Wie ist Sharon? Wie ist Bush? Bush ist verrückt. Sharon ist verrückt.)
Natürlich ist dies nicht ganz das, was ich glaube, und einige der Erwachsenen,
die Englisch können, korrigieren mich: Bush mish Majnoon... Bush ist ein
Geschäftsmann. Heute versuchte ich zu lernen "Bush ist ein Werkzeug"
zu sagen, aber ich glaube nicht, dass ich es ganz richtig übersetzt habe. Aber
immerhin, es gibt hier Achtjährige, die mehr von dem Zusammenwirken der
globalen Strukturen verstehen, als ich vor ein paar Jahren gewusst habe --
zumindest was Israel betrifft.
Nichtsdestoweniger, ich denke darüber nach, dass
kein unfangreiches Lesen, Besuchen von Bildungsveranstaltungen, Sichten von
Dokumenten und mündliche Überlieferung mich auf die Realität der Situation
hier hätte vorbereiten können. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wenn ihr
es nicht selbst gesehen habt, und selbst dann wird es euch immer bewusst, dass
eure Erfahrung nicht die ganze Realität ist: was gäbe es für Schwierigkeiten,
der sich die israelische Armee gegenüberstehen sähe, falls ein unbewaffneter
US Staatsbürger erschossen würde, und was ist mit der Tatsache, dass ich Geld
habe um Wasser zu kaufen, wenn die Armee Brunnen zerstört, und natürlich der
Tatsache, dass ich die Möglichkeit habe, wegzugehen. Keiner in meiner Familie
ist beim Autofahren von einem Raketenwerfer aus einem Turm am Ende einer
größeren Straße in meiner Heimatstadt erschossen worden. Ich habe ein Heim.
Mir ist es erlaubt, das Meer zu sehen. Offensichtlich ist es für mich ganz
schwierig, für Monate oder Jahre ohne einen Prozess festgehalten zu werden
(dies, weil ich eine weiße US Bürgerin bin, im Gegensatz zu so vielen
anderen). Wenn ich zur Schule oder Arbeit gehe, kann ich relativ sicher sein,
dass kein schwer bewaffneter Soldat auf halben Wege zwischen Mud Bay und dem
Stadtzentrum von Olympia an einem Checkpoint wartet -- ein Soldat mit der Macht
zu entscheiden, ob ich meinen Geschäften nachgehen darf, und ob ich nach Hause
gehen darf, wenn ich fertig bin. So, wenn ich Empörung fühle bei der Ankunft
und dem kurzen und unvollständigen Eintreten in die Welt, in der diese Kinder
leben, frage ich mich umgekehrt nach dem, wie es für sie sein würde, wenn sie
in meiner Welt ankämen.
Sie wissen, dass Kinder in den Vereinigten Staaten
normalerweise damit leben müssen, dass ihre Eltern nicht erschossen worden
sind, und sie wissen, dass sie manchmal das Meer zu sehen bekommen. Aber wenn
ihr erst einmal das Meer gesehen hat und an einem stillen Platz wohnt, wo Wasser
für selbstverständlich gehalten und nicht in der Nacht durch Bulldozer
gestohlen wird, und wenn ihr erst einmal einen Abend verbracht habt, an dem ihr
euch nicht gefragt habt, ob die Mauern eures Hauses plötzlich einfallen
könnten, wobei ihr aus dem Schlaf geholt werdet, und wenn ihr erst einmal
Menschen getroffen habt, die nie jemanden verloren haben wenn ihr erst einmal
die Realität einer Welt erfahren habt, die nicht von mörderischen Türmen,
Panzern bewaffneten "Siedlungen" und jetzt einer gigantischen
Metallwand umgeben ist, dann frage ich mich, I ob ihr der Welt vergeben könnt
für all die Jahre eurer Kindheit, die verbracht wurde im Existieren -- einfach
Existieren -- im Widerstand gegen im ständigen Würgegriff der viertgrößten
Militärmacht -- gestützt durch die einzige Supermacht der Welt -- bei ihrem
Versuch, euch aus eurem Haus zu entfernen. Dies ist etwas, worüber ich mich bei
diesen Kindern wundere. Ich frage mich, was passieren würde, wenn sie es
wirklich wüssten.
Im Nachhinein zu all diesem Gefasel, ich bin in
Rafah, eine Stadt von etwa 140.000 Menschen, ungefähr 60 Prozent von ihnen sind
Flüchtlinge -- viele von ihnen sind Flüchtlinge zum zweiten oder dritten Mal.
Rafah existierte bereits vor 1948, aber die meisten der Menschen hier sind
entweder selbst oder sind Nachkommen von Menschen, die hierher gebracht wurden
von ihren Häusern im historischen Palästina -- jetzt Israel. Rafah wurde in
zwei Hälften geteilt als der Sinai an Ägypten zurückgegeben wurde.
Gegenwärtig baut die israelische Armee eine vierzehn Meter hohe Mauer zwischen
Rafah in Palästina und der Grenze, die das Niemandland von den Häusern entlang
der Grenze abschneidet. Sechshundert und zwei Häuser sind nach Angaben des
Rafah Bevölkerungsflüchtlingskomitee völlig mit dem Bulldozer plattgemacht
worden. Die Anzahl der Häuser, die teilweise zerstört wurden, ist größer.
Heute als ich über die Trümmer ging, wo einst
Häuser standen, riefen mir ägyptische Soldaten von der anderen Seite der
Grenze zu, "Geh! Geh!" weil ein Panzer kam. Es folgte ein Winken und
"wie heißt du?". Es gibt in dieser freundlichen Neugier etwas
Störendes. Sie erinnerte mich daran, wie wir, bis zu einem gewissen alle Kinder
sind, die neugierig gegenüber anderen Kindern: Ägyptische Kinder, die einer
Fremden zuriefen, die in die Fahrspur der Panzer ging. Palästinensische Kinder,
die aus den Panzern beschossen werden, wenn sie hinter den Mauern hervor
luchsen, um zu sehen, was da vor sich geht. Internationale Kinder, die mit
Transparenten vor Panzern stehen. Israelische Kinder in den Panzern anonym,
gelegentlich schimpfend -- und auch gelegentlich winkend -- viele gezwungen,
hier zu sein, viele einfach aggressiv, in die Häuser schießend, wenn wir
weggehen.
Zusätzlich zu der ständigen Präsenz von Panzern
entlang der Grenze und in der westlichen Region zwischen Rafah und den
Siedlungen entlang der Küste gibt es hier mehr IDF Türme als ich zählen kann
-- entlang des Horizonts, am Ende der Straßen. Einige einfach grünes Armee
Metall. Andere dieser merkwürdigen Wendeltreppen, verhängt mit einer Art von
Netzwerk, um die Aktivitäten darin unsichtbar zu machen. Einige versteckt,
unmittelbar hinter der Kulisse von Gebäuden. Eine Nachricht kam am vergangenen
und zu dem Zeitpunkt, die Tag auf wir brauchen, um die Wäsche zu waschen und
die Stadt zweimal zu überqueren um unsere Banners aufzuhängen. Trotz der
Tatsache, dass einige der Fakten, ein paar der Gegenden, die am nächsten an der
Grenze der Gebiete, von denen die Gebäude das ursprüngliche Rafah ausmacht,
mit Familien, die auf diesem Land für mindestens ein Jahrhundert gelebt haben,
nur die 1948 Lager im Zentrum der Stadt palästinensischen kontrollierten
Gebiete unter Oslo. Aber so weit ich es sagen kann gibt es nur wenige Plätze
wenn überhaupt, die nicht in Sichtweite von diesem oder jenem Turm sind.
Sicherlich gibt es keinen unverletzlichen Platz für Apache Hubschrauber oder
Kameras, von unsichtbaren Drohnen, die wir über Stunden an manchen Tagen für
ein paar Stunden über dem Surren über der Stadt hören.
Ich habe hier Probleme beim Zugang zu Nachrichten
über die Welt draußen, aber ich höre, dass eine Eskalation des Kriegs gegen
den Irak unvermeidlich ist. Es herrscht hier eine recht große Betroffenheit
über die "Reokkupation von Gaza." Gaza wird jeden Tag bis zu
verschiedenen Ausmaßen reokkupiert, aber ich denke, die Angst besteht darin,
dass die Panzer alle Straßen einnehmen und hier bleiben werden, anstatt des
Einnehmens einiger der Straßen und dem dann folgenden Rückzug nach einigen
Stunden oder Tagen um zu beobachten und von den Rändern der Gemeinden zu
schießen. Wenn die Menschen nicht bereits über die Folgen des Krieges für die
Menschen in der gesamten Region nachdenken, dann hoffe ich, dass sie damit
beginnen werden.
Ich hoffe auch, dass ihr hierher kommen werdet. Wir
schwanken zwischen fünf und sechs Internationalen. Die Ortschaften, die uns um
eine gewisse Form von Präsenz gebeten haben, sind Yibna, Tel El Sultan, Hi
Salam, Brazil, Block J, Zorob, und Block O. Es besteht auch die Notwendigkeit
der ständigen Präsenz über Nacht an einem Brunnen am Stadtrand von Rafah, da
die israelische Armee die zwei größten Brunnen zerstört hat. Nach Angaben der
städtischen Wasserbehörde lieferten die Brunnen, die letzte Woche zerstört
wurden die Hälfte von Rafahs Wasserbedarf. Viele der Gemeinden haben
Internationale gebeten, bei Nacht anwesend zu sein beim Versuch Häuser
abzuschirmen vor weiterem Abriss. Nach etwa zweiundzwanzig Uhr ist es sehr
schwierig, sich bei Nacht zu bewegen, weil die israelische Armee jeden auf den
Straßen als Jemanden als Widerstandskämpfer behandelt und auf sie schießt.
Daher sind wir klar zu wenig.
Ich glaube weiterhin, dass meine Heimatstadt,
Olympia, eine Menge gewinnen und eine Menge anbieten könnte, indem es sich
entschließe, eine Verpflichtung gegenüber Rafah in Form einer
Partnerschaftsgemeinde Beziehung zu machen. Einige Lehrer und Kindergruppen
haben ihr Interesse an Email Austauschen ausgedrückt, aber dies ist nur die
Spitze des Eisbergs der Solidaritätsarbeit, die gemacht werden könnte. Viele
Menschen möchten, dass ihre Stimme gehört wird, und ich denke, wir sollten
etwas von unserem Privileg als International benutzen, damit diese Stimmen
direkt in den USA gehört werden, anstatt durch den Filter von wohlmeinenden
Internationalen wie mir. Ich fange gerade an zu lernen von dem, was ich als eine
intensive Anleitung erwarte, über die Fähigkeit von Menschen, sich gegen alle
Widrigkeiten zu organisieren und gegen alle Widrigkeiten zu widerstehen.
Rafah: ISM-Aktivistin von Bulldozer getötet
Medienmitteilung ISM Nablus Von: gfc / ISM Nablus 16.03.2003 22:56
Am Sonntag, 16. März um ca. 17 Uhr wurde im Rafah Flüchtlingslager Rachel
Corey, Aktivistin des International Solidarity Movements ISM, durch einen
Bulldozer der israelischen Besatzungsarmee IOF getötet. Sie versuchte mit
anderen AktivistInnen, die illegalen Hauszerstörungen der IOF zu verhindern.
Rachel Corey, 23-jaehrige Aktivistin von ISM Gaza, wurde heute Nachmittag von
einem IOF-Bulldozer getötet, der ein Haus im Quartier Al-Salam im Flüchtlingslager
Rafah zerstören wollte. Rachel verhandelte zuerst mit dem Soldaten im
Bulldozer, blieb aber erfolglos. Der Fahrer hatte deutlich erkannt, dass es sich
beim späteren Opfer um eine internationale Menschenrechtsaktivistin handelte.
Da der Bulldozer mit der Zerstörung fortfuhr, fiel Schutt auf die amerikanische
Aktivistin und sie strauchelte. Der Bulldozer fuhr schließlich zweimal über
die am Boden liegende Aktivistin. Gemäss Dr. Ali Musa vom Al-Najar-Spital starb
Rachel an verschiedenen Schädel- und Knochenbrüchen.
Dies ist nicht der erste direkte und absichtliche Angriff israelischer
Besatzungssoldaten auf internationale AktivistInnen. Rachel Corey ist jedoch das
erste Todesopfer aus den Reihen ISMs. Ihr Tod ist für die AktivistInnen vor Ort
ein Schock, ISMs fortdauernder Widerstand gegen die alltäglichen
Kriegsverbrechen der israelischen Regierung und der IOF steht deswegen nicht in
Frage. Die israelische Besatzungsarmee unterscheidet nicht zwischen
unbewaffneten Zivilpersonen und bewaffneten Kämpfern und weicht längst nicht
mehr davor zurück, internationale AktivistInnen offen anzugreifen und gar
wie heute zu ermorden.
Seit Ausbruch der 2. Intifada starben neben Rachel bereits mehr als 2320 PalästinenserInnen
durch die Repression der israelischen Besatzungsarmee. Im Gaza-Streifen wurden
bislang mehr als 600 Häuser, davon der größte Teil in Rafah nahe der Grenze
zu Ägypten, von den IOF zerstört, was Art. 53 der 4. Genfer Konvention
eindeutig verletzt. ISM-AktivistInnen, darunter gegenwärtig zwei schweizer Staatsangehörige,
unterstützen seit Monaten den gewaltlosen Widerstand gegen die systematischen Hauszerstörungen
u.a. in Rafah.
ISM ist eine palaestinensisch-internationale Bewegung, deren Ziel es mitunter
ist, dass Leiden der palaestinensischen Zivilbevölkerung unter der israelischen
Besatzung zu lindern bzw. gegen die alltäglichen Exzesse der israelischen Armee
einzustehen. Obwohl gemäss der 4. Genfer Konvention die Zivilbevölkerung im
Falle einer Besatzung oder eines bewaffneten Konfliktes als "geschützt"
behandelt werden muss, hat sich die internationale Gemeinschaft seit Jahren
nicht ernsthaft mit der Situation der palästinensischen Bevölkerung befasst
und freiwillige, ungeschützte Menschen aus aller Welt übernehmen seit längerem
diese Verantwortung. Rachel hat heute ihr Engagement gegen die alltäglichen
Menschenrechtsverletzungen mit ihrem Leben bezahlt.
Nablus, Occupied Palestine, 16/03/03
Offizielle Verlautbarung der Israelischen
Botschaft in Deutschland
(Newsletter der Israelischen Botschaft in Berlin
Montag, 17. März 2003):
DEMONSTRANTIN BEI MILITÄRMASSNAHME IN RAFAH GETÖTET
Bei einer israelischen Militäraktion an der israelisch-ägyptischen Grenze bei Rafah ist am Sonntag die Demonstrantin Rachel Corrie verletzt worden. Die Amerikanerin erlag später ihren Verletzungen in einem Krankenhaus:
Bei einer israelischen Militärmaßnahme, in deren Verlauf Sprengsätze entdeckt und beseitigt wurden, hat die israelische Armee am Sonntag Gestrüpp an der israelisch-ägyptischen Grenze nahe Rafah beseitigt. Die Maßnahme erfolgte im Rahmen eines Einsatzes in einem Gebiet, das gemäß des Oslo-Abkommens unter der vollen zivilrechtlichen und sicherheitstechnischen Kontrolle Israels steht. Während der Militärmaßnahme betraten Dutzende von Demonstranten das Sperrgebiet, um den Einsatz zu stören.
Um eine Konfrontation mit den Demonstranten zu verhindern, zogen sich die Einsatzkräfte zunächst zurück, um den Einsatz später fortzusetzen. Daraufhin setzten die Demonstranten ihren Konfrontationskurs fort und näherten sich den Einsatzwagen erneut. Dabei wurden die Demonstranten wiederholt aufgerufen, sich aus dem Sperrgebiet zurückzuziehen. Nach vorläufigen Untersuchungen ergriff im weiteren Verlauf ein gepanzerter Militär-Bulldozer, der vor Ort tätig war, eine Demonstrantin, die sich dem Gebiet trotz der Warnungen genähert hatte. Es ist zu erwähnen, dass das gepanzerte Fahrzeug nur über ein beschränktes Sichtvermögen und kleine gepanzerte Gucklöcher verfügt und der Fahrer die Frau aus diesem Grund auf ihrer Stellung nicht sehen konnte. Die israelische Armee kündigte an, in dem Fall zu ermitteln und drückt ihr Bedauern über den Unfall aus. (Mitteilung eines Armeesprechers).
"Dummheit: Sich vor einen Bulldozer setzen, um
Terroristen zu schützen"
Andrea Naica-Loebell 25.03.2003 -
Telepolis
Proteste gegen eine Karikatur zum Tod der Friedensaktivistin Rachel Corrie
Am vergangenen Sonntag wurde eine amerikanische Friedensaktivistin im
Gaza-Streifen von einem Bulldozer überfahren, der auf ein palästinensisches
Haus zu rollte. Der Tod von Rachel Corrie ist für die einen ein bedauernswerter
Unfall, für einige andere brutaler Mord. Eine US-amerikanische Studentenzeitung
sorgte jetzt mit einer Karikatur zum Thema für Aufsehen.
weiter
hier.
Ehrt Rachel - stoppt Häuserzerstörungen
von Jeff Halper
www.icahd.org /
ZNet
Deutschland 18.03.2003
Das Israelische Komitee gegen Häuserzerstörungen trauert zusammen mit der
gesamten israelischen Friedens- und Menschenrechtsbewegung um Rachel Corrie, die
in Gaza umkam. Unser Mitgefühl gilt ihrer Familie, ihren Freunden und den
Kameraden vom International Solidarity Movement.
Rachel war nicht die Erste, die im Zusammenhang mit Israels grausamer Politik
der Häuserzerstörungen umgekommen ist. Vor weniger als zwei Wochen wurden,
ebenfalls in Gaza, Nuha Makadma Sweidan und ihr ungeborenes Kind getötet, als
israelische Soldaten ihr Haus "aus Versehen" zerstörten; sie hatten
eigentlich nur das Wohnhaus nebenan in die Luft jagen wollen. Wenige Wochen
zuvor starben eine ältere Frau und ein behinderter Mann unter den Trümmern
ihrer Häuser in Gaza, als Soldaten sie schlicht "übersahen". Das
waren nicht einfach Unfälle. Es ist gängige israelische Praxis, Häuser so
überstürzt abzureißen, dass noch die gesamte Habe der Bewohner darin ist und
in der Eile keine Zeit für prosaische Sicherheitsvorkehrungen bleibt.
Die weitaus meisten Häuserzerstörungen, das muss man sich vor Augen
führen, haben nichts mit der Bekämpfung von Terrorismus zu tun. Laut Angaben
der UN standen weniger als 600 der seit Beginn der Besatzung niedergerissenen 10
000 Häuser in Zusammenhang mit irgendwelchen verdächtigten Personen.
Die übrigen 94% gehörten ganz normalen Leuten, deren Häuser Israel jedoch
im Wege waren. Das trifft auch auf das Haus von Dr. Samir Nasrallah zu, das
Rachel zu beschützen versuchte. Dr. Nasrallah war in keinerlei feindselige
Aktivitäten verwickelt, ihm wurde nichts vorgeworfen. Sein Haus wurde
zerstört, weil es wie Dutzende anderer, die in diesem Teil des dicht
bevölkerten Flüchtlingslagers von Bulldozern niedergewalzt worden sind,
innerhalb eines breiten "Sicherheitsstreifens" lag, den Israel zur
Zeit entlang der Grenze zu Ägypten anlegt. Weder wurde Dr. Nasrallah eine
Entschädigung gezahlt, noch konnte er Einspruch einlegen oder hat eine
Ersatzwohnung angeboten bekommen - Häuserzerstörung, wie sie gang und gäbe
ist und die Familien ohne Dach über dem Kopf, verarmt, traumatisiert ruiniert
zurücklässt. Eine illegale Praxis, da ja das internationale Recht die
Zerstörung von Häusern durch eine Besatzungsmacht verbietet.
Warum aber verfolgt Israel diese herzlose Politik, die nur dazu angetan ist,
Hass zu schüren? - Erstens beschränkt die Politik der Häuserzerstörung den
Lebensraum der Palästinenser auf winzige, überbevölkerte, unbrauchbare
"Inseln", wodurch es Israel möglich ist, die gesamte Westbank und
Gaza durch expansive Siedlungspolitik unter seine Kontrolle zu bringen. Zweitens
weiß Israel, dass Palästinensern ihr Heim heilig ist, das Herz ihres
ausgedehnten Familienlebens. Durch das Niederreißen der Häuser hofft Israel,
den Widerstandswillen der Palästinenser gegen die Besatzung zu brechen, auf
dass sie sich mit einem Leben in kümmerlichen Bantustans zufrieden geben. Und
drittens sind die Häuserzerstörungen ein entscheidender Hebel im Prozess der
Vertreibung und damit zur Realisierung des exklusiven Anspruchs Israels auf das
ganze Land.
Aus diesem letztgenannten Grund und weil wir die Beasatzungspolitik insgesamt
ablehnen, leisten wir, Mitglieder der israelischen Friedensbewegung, Widerstand
gegen die Häuserzerstörung, indem wir uns, wie es Rachel getan hat, den
Bulldozern entgegenstellen und indem wir palästinensische Häuser wieder
aufbauen. Auf diese Weise signalisieren wir, israelische Juden, den
Palästinensern: Wir erkennen euer Existenzrecht als Volk und euer Recht an, in
diesem Land zu sein. Wir streben eine gemeinsame Zukunft mit euch an, die auf
einem gerechten Frieden gründet. Wir weigern uns, Feinde zu sein und wollen
dieses Land mit euch teilen. Grundlage ist das Recht beider Völker.
Rachel war keine Israelin. Als Mitglied des International Solidarity Movement
war sie Teil der internationalen Zivilgesellschaft wie wir alle. Durch ihr
Handeln bekannte sie sich zu ihrer Verantwortung für die inhärente Würde und
die gleichen Rechte aller Menschen, damit auch das Recht auf eine Nationalität.
Gewaltlos stellte sie sich der Gewalt entgegen, die die Besatzung den
Palästinensern antut.
Die Schwelle dessen, was in den in den besetzten Gebieten als empörend
wahrgenommen wird, ist inzwischen sehr hoch anzusetzen. Kaum etwas berührt uns
noch. Als vor einem Jahr 60 palästinensische Wohnhäusern in der Umgebung von
Rafah im Gaza-Streifen, wo auch Rachel aktiv war, zerstört wurden, ist das kaum
vermerkt worden. 2400 Palästinenser sind in den vergangenen beiden Jahren (als
Opfer der Besatzungsmacht; S.D.) gestorben, ein Viertel von ihnen Kinder und
Jugendliche und 22 000 sind verletzt worden. 30% der Kinder unter 5 Jahren
leiden an Unterernährung. 500 000 Oliven- und Obstbäume sind entwurzelt oder
gefällt worden. Israel ist derzeit dabei, die Palästinenser hinter einer Mauer
einzusperren, die viel länger, höher und massiver bewehrt ist als es die
Berliner Mauer war. Es ist überwältigend, es geschieht vor unseren Augen und -
wen kümmert's?
Rachel hat es gekümmert.
(Jeff Halper ist Koordinator des Israeli Committee Against House
Demolitions - ICAHD. Die israelische NGO leistet Aufklärungsarbeit über die
Problematik der Häuserzerstörungen als Mittel der Kollektivbestrafung und der
Expansionspolitik Israels in den besetzten Gebieten. Jeff Halper wird im Mai
eine Tour durch Deutschland unternehmen, um die bereits in den USA und
Frankreich existierende Kampagne gegen die Häuserzerstörung und für den
Wiederaufbau palästinensischer Häuser bekannt zu machen. Näheres zu ICAHD
unter www.icahd.org ; zur Vortragsreise von
Jeff Halper: sophia_deeg@yahoo.de)
Rachel Corries kurze Lehrzeit
Das Vermächtnis einer Friedensaktivistin
09.04.2003
junge welt
Ausland - Ulrike Vestring
Am 16. März 2003, einem Sonntag, starb in Gaza die Amerikanerin Rachel
Corrie. Die 23jährige Studentin aus Olympia im Staate Washington gehörte einer
Gruppe internationaler Freiwilliger an, die im Flüchtlingslager Rafah nahe der
ägyptischen Grenze versuchte, die von Israel angeordneten Zerstörungen
palästinensischer Wohnhäuser zu verhindern. Bei einem solchen Versuch wurde
die junge Frau von einem Bulldozer der israelischen Armee zermalmt.
weiter
hier
Internationale Friedensaktivisten unter Feuer
Peter Schäfer 13.04.2003 -
Telepolis
Israels Militär geht rücksichtslos gegen ISM-Aktivisten vor
Tom Hurndall ist klinisch tot. Ein israelischer Scharfschütze traf den
21-jährigen Engländer in Rafah im südlichen Gazastreifen am Freitag [1] in
den Kopf, als er ein Kind aus dem Schussfeld dieses Soldaten zu holen versuchte.
Hurndall ist Teil der Internationalen Solidaritätsbewegung ISM [2], die an
vielen Orten der palästinensischen Gebiete gewaltfreien Widerstand gegen die
israelische Besatzung leistet.
Weiter
hier
Die Bedeutung Rachel Corries
Über Würde und Solidarität
von Edward Said - Al Ahram /
ZNet
26.06.2003
Anfang Mai, als ich einige Tage in Seattle Vorträge hielt, verbrachte ich
ein Abendessen mit Rachel Corries Eltern und ihrer Schwester, welche noch vom
Schock des Mordes ihrer Tochter von einem israelischen Bulldozer am 16. März
zerrüttet waren. Mr. Corrie erzählte mir, dass er selbst Bulldozer gefahren
ist, aber derjenige welcher absichtlich seine Tochter ermordete, war ein 60
Tonnen Behemoth, ein speziell für Hauszerstörungen konstruierter Caterpillar,
eine viel größere Maschine, als irgendetwas das er jemals gesehen oder
gefahren ist. Zwei Dinge haben mich bei meinem Treffen mit den Corries betroffen
gemacht. Eines, war die Geschichte über ihre Rückkehr mit dem Leichnam ihrer
Tochter in die USA. Sie benachrichtigten sofort ihre US Senatorinnen, Patty
Murray und Mary Cantwell, beides Demokratinnen, erzählten ihnen ihre Geschichte
und erhielten die erwarteten Äußerungen der Schockierung, der Empörtheit, des
Ärgers und Versprechungen, dass Nachforschungen stattfinden werden. Nachdem
beide Frauen nach Washington zurückgekehrt waren hörten die Corries nie wieder
von ihnen, und die versprochenen Nachforschungen fanden einfach nicht statt. Wie
erwartet hat die israelische Lobby ihnen die Realität erklärt und beide Frauen
haben einfach nachgegeben. Ein amerikanischer Bürger der absichtlich von
Soldaten eines Klientenstaates der USA ermordet worden ist, ohne dass es ein
offizielles Räuspern oder eine genaue Untersuchung, die der Familie versprochen
worden ist, gegeben hat.
Aber der zweite und viel wichtigere Aspekt der Geschichte Rachel Corries war
für mich die Aktion der jungen Frau selbst, heroisch und würdevoll zugleich.
Geboren und aufgebracht in Olympia, einer kleinen Statt 60 Meilen von Seattle,
hatte sie sich dem International Solidarity Movement angeschlossen und ist nach
Gaza gegangen, um leidenden menschlichen Wesen beiseite zu stehen, mit welchen
sie niemals vorher einen Kontakt gehabt hatte. Ihre Briefe zurück an ihre
Familie sind wirklich bemerkenswerte Dokumente ihrer einfachen Menschlichkeit,
welche sie zu einem sehr schwierigen und bewegenden Lesestoff machen, besonders
wenn sie die Güte und die Besorgnis beschreibt, welche ihr von allen
PalästinenserInnen denen sie begegnete gezeigt worden ist, welche sie
offensichtlich als eine von ihnen begrüßen, weil sie genauso lebt wie sie es
tun, ihre Leben und Besorgnisse teilt, genauso wie den Horror der israelischen
Besatzung und deren furchtbaren Auswirkungen, auch auf das kleinste Kind. Sie
versteht das Schicksal der Flüchtlinge und sie nennt den heimtückischen
Vorgehen der Regierung eine Art von Genozid, indem sie ein Überleben für diese
eine Gruppe von Menschen fast unmöglich macht. Ihre Solidarität ist so
bewegend, dass sie einen israelischen Reservisten namens Danny, welcher den
Dienst verweigert hat, dazu bringt, ihr zu schreiben und ihr zu sagen, "Du
machst etwas gutes. Ich danke dir dafür."
Was durch alle die Briefe die sie nach hause geschickt hat, und welche
anschließend im Londoner Guardian veröffentlicht wurden, ans Licht tritt, ist
der verblüffende Widerstand welchen die PalästinenserInnen selbst darbieten,
durchschnittliche menschliche Wesen welche in der schlimmsten Position des
Leidens und der Verzweiflung gefangen sind, aber nichtsdestotrotz weiterhin
überleben. Wir hörten in letzter Zeit so viel über die Roadmap und die
Aussichten auf Frieden, das wir die wichtigste Tatsache von allen übersehen
haben, welche ist, dass die PalästinenserInnen sich weigern zu kapitulieren
oder aufzugeben, sogar unter der kollektiven Bestrafung welchen ihnen von der
vereinigten Macht der USA und Israels auferlegt wird. Es ist diese
außergewöhnliche Tatsache, welche der Grund für die Existenz einer Roadmap
und all diesen vielen so genannten Friedensplänen vor ihr ist, überhaupt nicht
weil die USA und Israel und die Internationale Gemeinschaft davon überzeugt
worden wären, dass die Morde und die Gewalt aus humanitären Gründen enden
muss. Wenn wir die Wahrheit über die Kraft des palästinensischen Widerstandes
nicht begreifen (mit welchem ich überhaupt nicht all die Selbstmordattentate
meine, welche viel mehr Schaden anrichten als sie nutzen), trotz all ihrer
Versäumnisse und ihrer Fehler, begreifen wir nichts. PalästinenserInnen waren
immer ein Problem für das zionistische Projekt, und die so genannten Lösungen
haben dieses Problem immer und immer wieder zu minimieren anstatt zu lösen
Versucht. Die offizielle israelische Politik, egal ob Ariel Sharon das Wort
"Besatzung" benutzt oder nicht, oder ob er einen oder zwei rostige,
ungenutzte Türme abbaut, war es immer, nicht die Realität der
PalästinenserInnen als gleichwertige Menschen zu akzeptieren, und niemals
zuzugeben, dass ihre Rechte in skandalöser Art von Israel verletzt werden.
Während einige wenige couragierte Israelis in den letzten Jahren versucht haben
sich mit dieser anderen, verborgenen, Geschichte auseinanderzusetzen, machten
die meisten Israelis und, was die Mehrheit der amerikanischen Juden zu sein
scheint, jeden Versuch die palästinensische Realität abzulehnen, zu vermeiden
oder zu leugnen. Das ist der Grund, warum es keinen Frieden gibt.
Außerdem steht in der Roadmap nichts über Gerechtigkeit oder über die
historische Bestrafung welche den PalästinenserInnen für zu viele Jahrzehnte
um sie noch zu zählen auferlegt worden ist. Was Rachel Corries Arbeit in Gaza
erkannte war jedoch eben jene Schwere und Dichte der lebenden Geschichte der
PalästinenserInnen als eine nationale Gemeinschaft, und nicht nur als eine
Vereinigung von benachteiligten Flüchtlingen. Das ist es, womit sie solidarisch
war. Und wir müssen uns daran erinnern, dass diese Art der Solidarität nicht
mehr nur auf eine kleine Anzahl von unerschrockenen Seelen hier und da
beschränkt ist, sondern auf der ganzen Welt erkannt wird. In den letzten sechs
Monaten habe ich auf vier Kontinenten zu vielen tausend Menschen gesprochen. Was
sie zusammenbringt ist Palästina und der Kampf der PalästinenserInnen, welcher
ein Synonym für Emanzipation und Aufklärung ist, egal wie viel sie von ihren
Feinden verteufelt werden.
Wann immer die Tatsachen bekannt gemacht werden gibt es eine sofortige
Klarwerdung und einen Ausdruck der tiefsten Solidarität mit der Gerechtigkeit
der palästinensischen Sache und dem kraftvollen Kampf der PalästinenserInnen
für diese. Es ist außergewöhnlich, dass Palästina ein zentrales Thema bei
den Anti-Globalisierungs-Treffen in Porto Alegre war, wie auch bei den Treffen
in Davos und Amman, beiden Polen des weltweiten politischen Spektrums. Nur weil
einige unsrer MitbürgerInnen in diesem Land eine fürchterlich einseitige
Darstellung voller Ignoranz und Verdrehung von den Medien geboten wird, indem
die Besatzung bei den reißerischen Beschreibungen von Selbstmordattentaten nie
erwähnt wird, die Apartheidwand, siebeneinhalb Meter hoch, eineinhalb Meter
dick und 350 Kilometer lang auf CNN und den Netzwerken nie gezeigt wird (oder
auch nur im leblosen Text der Roadmap erwähnt wird) und die Kriegsverbrechen,
die willkürlichen Zerstörungen und Demütigungen, Verwundungen und
Hauszerstörungen, Feldverwüstungen und Tode welche den palästinensischen
ZivilistInnen angetan werden, werden nie als die tägliche, vollkommen
routinemäßige Tortur gezeigt, die sie sind, und so sollte man sich nicht
darüber wundern, dass die AmerikanerInnen eine sehr niedrige Meinung über
AraberInnen und PalästinenserInnen haben. Schließlich sollte man daran denken,
dass die hauptsächlichen Zentren der Medien des Establishments, von der linken
liberalen Seite bis zum rechten Rand, alle einstimmig anti- arabisch,
anti-muslimisch und anti-palästinensisch sind. Man muss sich ansehen, wie
ängstlich die Medien während den Vorbereitungen für einen illegalen und
ungerechten Krieg gegen den Irak waren, und wie wenig Courage es gab, als der
irakischen Gesellschaft durch die Sanktionen ein riesiger Schaden angetan worden
ist, und wie vergleichsweise wenige Berichte es über die immensen weltweiten
Äußerungen gegen den Krieg gab. Kaum ein Journalist oder eine Journalistin
außer Helen Thomas hat die Regierung mit ihren unglaublichen Lügen und selbst
gemachten "Fakten" konfrontiert, welche vor dem Krieg den Irak als
eine akute Bedrohung für die USA herausputzten, gerade als dieselben
Regierungspropagandisten, deren zynisch erfundenen und manipulierten
"Tatsachen" über Massenvernichtungswaffen heute mehr oder weniger
vergessen sind oder als nebensächlich beiseite gestellt werden, von den
Medienriesen losgelassen worden sind, um die grauenvolle, buchstäblich
unverzeihliche Situation der Menschen im Irak zu diskutieren, welche die USA nun
dort mit Leichtigkeit und Unverantwortlichkeit geschaffen hat. Wenn man Saddam
Hussein auch als bösartigen Tyrannen beschuldigt, der er war, hatte er dennoch
den Menschen im Irak die beste Infrastruktur von Wasser, Elektrizität,
Gesundheitsversorgung und Erziehung aller arabischen Länder zur Verfügung
gestellt. Nichts davon ist länger funktionstüchtig.
Es ist folglich kein Wunder, dass es eine außergewöhnliche Furcht davor
gibt, antisemitisch zu erscheinen, wenn man Israel für seine täglichen
Kriegsverbrechen gegen unschuldige, unbewaffnete palästinensische ZivilistInnen
kritisiert, oder "antiamerikanisch" genannt wird wenn man die
Regierung der USA für diesen illegalen Krieg und ihre grauenvolle militärische
Besatzung kritisiert, und die bösartige Medien- und Regierungskampagne gegen
die arabische Gesellschaft, Kultur, Geschichte und Mentalität, welche von
JournalistInnen aus dem Neandertal und Orientalisten wie Bernard Lewis und
Daniel Pipes geführt werden, und welcher zu viele von uns durch
Einschüchterung dazu gebracht hat, zu glauben AraberInnen seien ein
unterentwickeltes, unfähiges und zukunftsloses Volk, und, dass mit allen
Fehlern der Demokratie und der Entwicklung, nur die AraberInnen, allein auf
dieser Welt, hinter den Zeiten zurückgeblieben sind, unmodernisiert und
zutiefst reaktionär. Hier müssen Würde und kritisches historisches Denken
mobilisiert werden, um zu sehen, was was ist, und die Wahrheit von der
Propaganda loszulösen.
Niemand würde leugnen, dass heute die meisten arabischen Länder von
unpopulären Regimen geführt werden, und dass eine riesige Anzahl von armen,
benachteiligten jungen AraberInnen der rücksichtslosen Form der
fundamentalistischen Religion ausgesetzt wird. Aber es ist einfach eine Lüge zu
sagen, wie es die New York Times regelmäßig tut, dass arabische Gesellschaften
total kontrolliert werden, und dass es keine Meinungsfreiheit, keine zivilen
Institutionen und keine funktionierenden sozialen Bewegungen für und von den
Menschen gibt. Trotz Pressegesetzen kann man heute ins Zentrum Ammans gehen und
eine Zeitung der kommunistischen Partei kaufen, genauso wie eine islamische;
Ägypten und Libanon sind voll mit Zeitungen und Journalen, welche viel mehr
Debatten und Diskussionen nahe legen, als diesen Gesellschaften zugeschrieben
wird; die Satellitenkanäle platzen vor einer reichen Anzahl von Meinungen einer
schwindelerregenden Unterschiedlichkeit; zivile Institutionen sind überall in
der arabischen Welt sehr lebendig, und haben mit sozialen Diensten,
Menschenrechten, Syndikaten und Forschungsinstitutionen zu tun. Viel mehr muss
noch getan werden, bevor wir ein angemessenes Niveau an Demokratie haben, aber
wir sind auf dem Weg.
In Palästina gibt es heute über 1000 NGOs und diese Lebendigkeit und diese
Art von Aktivität ist der Grund für das Fortbestehen der Gesellschaft, trotz
jedes amerikanischen und israelischen Versuchs sie auf einer täglichen Basis zu
verteufeln, zu stoppen oder einzuschränken. Unter den schlimmsten Umständen
ist die palästinensische Gesellschaft weder besiegt worden, noch ist sie
vollständig zusammengebrochen. Kinder gehen in die Schule, ÄrztInnen und
PflegerInnen kümmern sich noch immer um ihre PatientInnen, Männer und Frauen
gehen zur Arbeit, Organisationen haben ihre Treffen und Menschen leben
weiterhin, was eine Provokation für Sharon und andere ExtremistInnen darstellt,
welche die PalästinenserInnen entweder einfach einsperren oder vertreiben
wollen. Die militärische Lösung hat überhaupt nicht funktioniert, und wird
niemals funktionieren. Warum ist das für Israelis so schwer zu begreifen? Wir
müssen ihnen helfen dies zu verstehen, nicht durch Selbstmordattentate, sondern
durch vernünftige Argumente, zivilen Ungehorsam von großen Teilen der
Bevölkerung und organisierten Protest, hier und überall.
Was ich betonen will ist, dass wir die arabische Welt im Allgemeinen und
Palästina im speziellen in vergleichender und kritischerer Art betrachten
müssen, als die oberflächlichen Bücher wie Lewis's Was Lief Falsch ("What
Went Wrong") und Paul Wolfowitzs ignorante Stellungnahmen darüber, dass
man der arabischen und islamischen Welt Demokratie bringe, auch nur erahnen
lassen. Was auch immer über die AraberInnen wahr ist, es ist eine aktive
Dynamik am Werk, weil sie als echte Menschen in einer echten Gesellschaft mit
allen möglichen Einflüssen und Überschneidungen leben, welche nicht einfach
als eine brodelnde Masse von gewalttätigem Fanatismus karikaturiert werden
kann. Der palästinensische Kampf für Gerechtigkeit ist insbesondere etwas, mit
dem jemand Solidarität ausdrückt, eher als endlose Kritik und erschöpfende,
frustrierende Entmutigung und behindernde Trennungen. Man sollte sich an die
Solidarität hier und anderswo in Lateinamerika, Afrika, Europa, Asien und
Australien erinnern, und daran denken, dass auch hier eine Sache ist, für
welche sich viele Menschen eingesetzt haben, trotz Schwierigkeiten und riesiger
Hindernisse. Warum? Weil es eine gerechte Sache ist, ein edles Ideal, eine
moralische Suche nach Gleichheit und Menschenrechte.
Ich will jetzt über Würde sprechen, welche natürlich einen besonderen
Platz in jeder Kultur die HistorikerInnen, AnthropologInnen, SoziologInnen und
HumanstInnen bekannt ist, hat. Ich werde damit beginnen, sofort zu sagen, dass
es eine absolut falsche, orientalistische und tatsächlich rassistische Aussage
ist, das anders als EuropäerInnen und AmerikanerInnen, die AraberInnen kein
Gefühl für Individualität haben, keine Wichtigkeit für das individuelle
Leben und keine Werte, welche Liebe, Intimität und Verständnis ausdrücken,
welche als die exklusiven Besitztümer von Kulturen wie jener Europas und
Amerikas betrachtet werden, welche eine Renaissance, eine Reformation und eine
Aufklärung hatten. Unter vielen anderen, ist es der vulgäre und infantile
Thomas Friedman, welcher diesen Müll verbreitet hat, welcher wiederum von
ebenso ignoranten und sich selbst täuschenden arabischen Intellektuellen
aufgegriffen worden ist und von denen ich hier keine Namen nennen muss, welche
die Gräueltaten des 11. September als ein Zeichen gesehen haben, dass die
arabische und islamische Welt auf irgendeine Art viel Kranker und
funktionsunfähiger ist, als jede andere, und dass der Terrorismus das Zeichen
einer schwereren Verrenkung ist, welche in irgendeiner anderen Kultur geschehen
ist.
Wir können es am Rande vermerken, dass im 20. Jahrhundert Europa und die USA
mit weitem Abstand für die größte Zahl an Toten in gewalttätigen Konflikten
verantwortlich waren, die islamische Welt kaum für einen Bruchteil davon. Und
hinter all diesen speziellen unwissenschaftlichen und sinnlosen Betrachtungen
über falsche und richtige Zivilisation steht der groteske Schatten des großen
falschen Propheten Samuel Huntington, welcher einer großen Zahl von Leuten
glaubhaft machte, dass die Welt in getrennte Zivilisationen aufgeteilt werden
kann, welche sich auf Ewigkeit gegenseitig bekämpfen. Im Gegenteil, Huntington
liegt mit jeder Aussage die er macht total falsch. Keine Kultur oder
Zivilisation existiert nur in ihr selbst; keine wird von Dingen wie
Individualität und Aufklärung beherrscht, welche vollkommen exklusiv ihr
zuzuschreiben sind; und keine existiert, ohne die elementaren menschlichen
Eigenschaften wie Gemeinschaft, Liebe, die Wertschätzung des Lebens und alle
andren. Vorzuschlagen, dass dem nicht so ist, was er tut, ist der unpassendste
Rassismus der gleichen Art, wie jener Leute welche argumentieren, dass
AfrikanerInnen von Natur aus unterlegene Gehirne haben, oder dass AsiatInnen
für die Sklaverei geboren sind, oder dass EuropäerInnen eine natürlich
überlegene Rasse sind. Das ist eine Art Parodie der Hitlerschen Wissenschaft,
welche heute besonders gegen AraberInnen und MuslimInnen gerichtet wird, und wir
müssen uns sehr zurückhalten, keine Anstalten zu machen, auch nur dagegen zu
argumentieren. Es ist das reinste Geschwafel. Auf der anderen Seite, gibt es die
sehr viel eher glaubhafte und ernsthaftere Betrachtungsweise, dass, wie jede
andere Instanz der Menschheit, das Leben von AraberInnen und MuslimInnen
inhärenten Wert und Würde hat, welche von AraberInnen und MuslimInnen in ihrem
eigenen kulturellen Stil ausgedrückt werden, und dass diese Ausdrücke kein
allgemein akzeptiertes Modell nachahmen oder kopieren, das dazu geeignet ist,
dass jeder ihm folgt.
Worum es bei der menschlichen Vielfalt geht ist, dass sie eine Art der
tiefgründigen Koexistenz zwischen sehr verschiedenen Arten von Individualität
und Erfahrung ist, welche nicht alle auf eine überlegene Form reduziert werden
können: Das ist das unaufrichtige Argument welches uns von Experten welche das
Fehlen von Entwicklung und Wissen in der arabischen Welt beklagen aufgedrängt
wird. Alles was man tun muss, ist sich die riesige Vielfalt der Literatur, des
Kinos, des Theaters, der Malerei, der Musik und der Populärkultur anzusehen,
welche von und für AraberInnen von Marokko bis hin zum Golf produziert wird.
Man muss sicherlich dies als Indikator verwenden ob die AraberInnen entwickelt
sind oder nicht, und nicht nur wie an irgendeinem Tag die statistischen Daten
der Industrieproduktion entweder ein angemessenes Level an Entwicklung zeigen
oder mangelhaft sind.
Etwas wichtigeres, auf das ich hinauskommen will, ist jedoch, dass es heute
eine große Diskrepanz zwischen unseren Kulturen und Gesellschaften, und der
kleinen Gruppe von Menschen welche die Gesellschaften beherrschen gibt. Selten
ist in der Geschichte eine solche Macht in so einer kleinen Gruppe wie den
verschiedenen Königen, Generälen, Sultanen und Präsidenten konzentriert
gewesen, welche heute über die AraberInnen herrschen. Das schlimmste an ihnen
als Gruppe ist, fast ohne Ausnahme, dass sie nicht das Beste ihrer
Bevölkerungen repräsentieren. Das ist nicht nur eine Frage der Demokratie. Es
ist so, das sie sich selbst und ihre Bevölkerungen radikal unterschätzen, in
einer Art welche sie isoliert, sie der Veränderung gegenüber intolerant und
ängstlich macht, sie es fürchten lässt, ihre Gesellschaften für ihre
Menschen zu öffnen, und am meisten davor erschrecken lässt, dass sie den
großen Bruder verärgern könnten, die Vereinigten Staaten. Anstatt dass sie
ihre BürgerInnen als potentiellen Reichtum der Gesellschaft sehen, betrachten
sie jene als schuldige VerschwörerInnen, die mit den Herrschern um die Macht
wetteifern.
Das ist das echte Versagen, eben wie während dem furchtbaren Krieg gegen die
Menschen im Irak kein arabischer Führer die Würde und Selbstsicherheit hatte,
etwas gegen die Plünderung und militärische Besatzung eines der wichtigsten
arabischen Länder zu sagen. Nun gut, es ist eine sehr feine Sache, dass es
Saddams Husseins abstoßendes Regime nicht länger gibt, aber wer hat die USA
damit beauftragt, ein Mentor für die AraberInnen zu sein? Wer bat die USA die
arabische Welt, angeblich zugunsten ihrer BürgerInnen, zu übernehmen, und das,
was sie "Demokratie" nennen, zu bringen, besonders in einer Zeit, in
welcher das Schulsystem, das Gesundheitssystem und die ganze Wirtschaft in
Amerika in die schlimmsten Zustände seit der Depression 1929 verfallen. Warum
hat die kollektive arabische Stimme sich nicht gegen die eklatant illegale
Intervention erhoben, welche so viel Schaden verursachte, und die ganze
arabische Nation so demütigte? Das ist ein wahrhaft kolossales Versagen an Mut,
Würde und Solidarität mit sich selbst.
Mit dem ganzen Gerde der Bush Administration über die Wegweisung durch den
Allmächtigen, hat nicht ein arabischer Führer die Courage einfach zu sagen,
dass sie, als ein großes Volk, von ihren eigenen Aussichten, Traditionen und
Religionen geleitet werden? Aber nichts, nicht ein Wort, während die armen
BürgerInnen des Iraks die schrecklichsten Torturen durchleben müssen, und der
Rest der Region in seinen kollektiven Schuhen zitternd dasteht und von dem
Gedanken versteinert ist, dass sein Land das nächste sein könnte. Wie
unglücklich die Umarmung George Bushs durch die gesamte Führerschaft der
größten arabischen Länder letzte Woche war, jenes Mannes, welcher grundlos
ein arabisches Land zerstört hat. Gab es da niemanden der den Mut hatte George
W. daran zu erinnern, dass er mehr getan hat also irgendjemand bevor ihm, um die
Menschen der arabischen Länder zu demütigen und ihnen Leid zuzufügen, und
muss er immer mit Umarmungen, Lächeln, Küssen und Verbeugungen begrüßt
werden? Wo ist die diplomatische und politische und ökonomische Unterstützung,
welche notwendig ist um die Antibesatzungs Bewegung im Westjordanland und im
Gazastreifen aufrecht zu erhalten? Anstatt dessen hört man nur, dass die
Außenminister den PalästinenserInnen predigen aufzupassen, Gewalt zu vermeiden
und bei den Friedensverhandlungen zu bleiben, obwohl es so offensichtlich ist,
dass Sharons Interesse an Frieden so gut wie nicht vorhanden ist. Es gab keine
organisierte arabische Antwort auf die Trennungswand, oder die Ermordungen, oder
die kollektiven Bestrafungen, nur einen Haufen von ermüdeten Standardaussagen,
mit welchen die schon abgetragenen Formulierungen, welche vom State Department
autorisiert worden sind, wiederholt wurden.
Vielleicht eine der Sachen die mich sehr verblüfft, ist der derzeitige
Tiefstand der arabischen Unfähigkeit, die Würde der palästinensischen Sache
zu begreifen, was von der Palestinian Authority klargemacht wird. Abu Mazen,
eine untergeordnete Figur mit wenig politischer Unterstützung von seinen
eigenen Leuten, ist für den Job von Arafat, Israel und der USA ausgewählt
worden, gerade weil er keine Rückendeckung der Bevölkerung hat, kein Redner
und kein großer Organisator ist, und wirklich alles andere als ein loyaler
Unterstützer Yasir Arafats war, und deswegen fürchte ich mich davor, in ihm
einen Mann zu sehen, welcher Israels Wünsche erfüllen wird; wie konnte sogar
Abu Mazen dort in Aqaba stehen, und wie die Puppe eines Bauchredners jene Worte
aussprechen, die irgendein Funktionär des State Departments für ihn
geschrieben hatte, wo er lobenswerterweise vom jüdischen Leiden spricht, aber
dann verblüffenderweise nicht vom Leiden seiner eigenen Menschen erzählt das
Israel ihnen antut? Wie konnte er eine so unwürdige und manipulierte Rolle für
sich selbst übernehmen, und wie konnte er seine eigene Würde als Repräsentant
einer Bevölkerung vergessen, welche seit mehr als einem Jahrhundert heldenhaft
für ihre Rechte gekämpft hat, nur weil die USA und Israel ihm gesagt haben,
dass er das tun muss? Und als Israel einfach sagte, dass es einen
"provisorischen" palästinensischen Staat geben wird, ohne Reue für
den furchtbaren Schaden den es verursacht hat, die unzähligen Kriegsverbrechen,
die schlicht sadistische, systematische, Erniedrigung eines jeden
Palästinensers, Männern, Frauen, Kindern, muss ich ein absolutes Fehlen von
Verständnis gestehen. Warum ein Führer oder Repräsentant einer Bevölkerung
die schon so lange leidet, dies nicht einmal ansatzweise zu bemerken scheint.
Hat er sein Gefühl für Würde vollkommen verloren?
Hat er dies vergessen weil er nicht nur ein Individuum sondern auch der
Träger des Schicksals seiner Bevölkerung in einem sehr entscheidenden Moment
ist? Gibt es irgendjemanden der über dieses totale Versagen nicht verbittert
und verzweifelt ist, sich der Situation mit der Würde und Erfahrung seiner
Bevölkerung und deren Sache zu Stellen, und sie mit Stolz zu vertreten, und das
ohne Kompromiss, ohne Zweideutigkeit, ohne den halb- peinlichen,
halb-entschuldigenden Ton, den palästinensische FührerInnen annehmen, wenn sie
irgendeinen vollkommen unwürdigen weißen Vater um etwas Freundlichkeit bitten?
Aber das ist seit Oslo das Verhalten der palästinensischen FührerInnen
gewesen, und tatsächlich sogar seit Haj Amin, nämlich eine Kombination von
jugendlicher Widerspenstigkeit am falschen Ort und traurigem Flehen. Warum
finden sie es bitteschön immer absolut notwendig vorbereitete Reden zu lesen,
die von ihren Feinden geschrieben worden sind? Die grundsätzliche Würde
unserer Leben als AraberInnen in Palästina, überall in der arabischen Welt,
und hier in Amerika, ist, dass wir unser eigenes Volk sind, mit einem Erbe,
einer Geschichte, einer Tradition, und über all dem einer Sprache, welche mehr
als angebracht dafür ist, unsere eigenen Bestrebungen zu repräsentieren, da
die Bestrebungen von der Erfahrung der Enteignung und dem Leiden herrühren,
welche jedem Palästinenser seit 1948 angetan worden sind. Nicht einer unserer
politischen Sprecher, und das selbe gilt für die AraberInnen seit Abdel Nassers
Zeit, spricht jemals mit Respekt vor sich selbst und Würde darüber, wer wir
sind, was wir wollen, was wir tun müssen und wohin wir gehen wollen.
Ganz langsam jedoch, ändert sich die Situation, und das alte Regime von Abu
Mazens und Abu Ammars auf dieser Welt vergeht und wird schrittweise von einer
neuen Gruppe von aufsteigenden FührerInnen überall in der arabischen Welt
ersetzt. Die vielversprechendste ist jene, welche von den Mitgliedern der
Nationalen Palästinensischen Initiative gebildet wird; sie sind
Graswurzel-AktivistInnen deren Hauptaktivität es nicht ist, Papier auf einem
Schreibtisch hin und her zu schieben, oder mit Bankkonten zu jonglieren, oder
nach JournalistInnen zu suchen die ihnen Aufmerksamkeit schenken, sondern die
von den Rängen der ausgebildeten ArbeiterInnen, den Arbeiterklassen, jungen
Intellektuellen, LehrerInnen, ÄrztInnen und AnwältInnen kommen, arbeitende
Menschen, welche die Gesellschaft am laufen gehalten haben, während sie auch
Israels tägliche Angriffe abgewehrt haben. Zweitens, sind diese Menschen jener
Art von Demokratie und öffentlicher Partizipation verschrieben, von welcher die
[Palestinian ] Authority niemals geträumt hat, deren Idee Stabilität und
Sicherheit aus Selbstzweck ist. Und schließlich bieten sie soziale Dienste für
die unbeschäftigten, Gesundheitsversorgung für die Unversicherten und die
Armen und eine angemessene weltliche Ausbildung für eine neue Generation von
PalästinenserInnen an, welchen die Realitäten der modernen Welt beigebracht
werden müssen, nicht nur den außerordentlichen Wert der alten. Damit es solche
Programme geben kann, fordert die NPI das Ende der Besatzung, und sie sagt, dass
dies der einzige Weg vorwärts ist, und um das zu erreichen, soll in freien
Wahlen eine nationale vereinigte Führerschaft gewählt werden, um die veraltete
Gemeinschaft von Kumpeln und deren Ineffektivität zu ersetzen, welche die
palästinensischen FührerInnen im vergangenen Jahrhundert geplagt haben.
Nur wenn wir uns selbst als AraberInnen und AmerikanerInnen respektieren, und
die wahre Würde und Gerechtigkeit unserer Sache verstehen, nur dann können wir
es schätzen warum, fast trotz uns selbst, so viele Menschen auf der ganzen
Welt, eben auch Rachel Corrie und jene zwei jungen Leute vom ISM welche mit ihr
verwundet worden sind, Tom Hurndall und Brian Avery, es für möglich gehalten
haben, ihre Solidarität mit uns zu teilen.
Ich schließe mit einer letzten Ironie. Ist es nicht bemerkenswert, dass alle
Zeichen von öffentlicher Solidarität welche die PalästinenserInnen und
AraberInnen erhalten, mit keinem vergleichbaren Zeichen für Solidarität und
Würde für uns selbst zusammentreffen, dass andere uns mehr bewundern und
respektieren, als wir uns selbst? Ist es nicht Zeit, dass wir unseren eigenen
Zustand realisieren, und es schaffen, dass unsere RepräsentantInnen hier und
anderswo verstehen, als einen ersten Schritt, dass sie für eine gerechte und
ehrbare Sache kämpfen und dass sie sich nicht dafür entschuldigen müssen, als
wäre irgendetwas peinliches daran? Im Gegenteil, sie sollten stolz auf das
sein, was ihre eigenen Leute gemacht haben, und auch stolz darauf sein, sie zu
vertreten.
Ein Refusenik schreibt über Rachel Corrie
von David Zonsheine -
ZNet
25.03.2004
David Zonsheine ist Software-Entwickler und Vorsitzender/ Mitbegründer von
Courage to Refuse' (www.seruv.org.il). Courage to Refuse' (Mut zur
Verweigerung) ist eine israelische Bewegung, in der sich Combat-Offiziere
zusammengeschlossen haben, die sich weigern, in den besetzten Gebieten Dienst zu
tun.
Weiter
hier
Freiheit der Kunst - Theaterstück in New York vor Premiere abgesetzt
04.03.2006
Wie der britische Guardian am Mittwoch berichtete, wurde ein Theaterstück
über das Leben von Rachel Corrie
http://www.rachelcorrie.org noch vor der Premiere abgesetzt. Weiter
unter:
http://www.freace.de/artikel/200603/040306b.html